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Mordfall Maike Thiel: Die vergessene Post

Roland Becker / 30.07.2013, 19:32 Uhr
Hennigsdorf/Neuruppin (MZV) Es sollte der große Tag der Verteidigung werden. Noch Mitte Juli hatte Dominique S., Hauptbelastungszeugin im Prozess um den Mord an Maike Thiel, vor dem Neuruppiner Landgericht ausgesagt, dass der wegen Mordes angeklagte Michael Sch. ihr bereits am Tattag im Juli 1997 den Mord gestanden habe. Außerdem habe sie erfahren, dass dessen Mutter, die wegen Anstiftung zum Mord vor Gericht steht, die Tat geplant haben soll. Am gestrigen Dienstag waren nun die Verteidiger am Zug.

Es war vor allem Michael Sch's Verteidigerin Marianne Zagajewski, die die Hennigsdorferin mehr als fünf Stunden in die Mangel nahm. Ihr Ziel: Indem sie Ungereimtheiten in den Aussagen der Zeugin aufdeckt, soll deren Glaubwürdigkeit erschüttert werden. Doch erst gegen 16 Uhr zieht die Verteidigung das aus dem Ärmel, was sie als ihren Trumpf bezeichnen dürfte. Eine Postkarte und ein Brief sind es, die die Glaubwürdigkeit der Hennigsdorferin in Zweifel ziehen sollen.

Die dem Gericht bislang unbekannte Postkarte soll Dominique S. zwei Wochen nach dem Verschwinden von Maike Thiel an Michael Sch. geschrieben und mit zahlreichen Herzchen verziert haben. Der nach Ansicht der Verteidigung unbefangene Plauderton lasse nicht darauf schließen, dass die damals 17-Jährige einem Mann schreibe, der in ihren Augen ein Mörder ist. Auch der im September 1997 an Michael Sch. gerichtete Brief lasse das nicht vermuten. Schließlich beklage sie sich darin, dass Michael Sch. nicht sage, "ob Du eine Beziehung mit mir haben willst oder nicht". Wer, so die Intention der Verteidigung, kämpfe schon um die Liebesgunst eines Mörders?

Der Brief lasse zudem die Aussage fraglich erscheinen, dass Dominique Sch. ihre Ansichten über die Mutter von Michael Sch. grundlegend geändert hatte, nachdem sie von deren Tatbeteiligung erfahren haben will. In dem Brief spricht sie von einer "hilfreichen, netten, es gut meinenden, zuverlässigen und selbstbewussten Frau".

Die Zeugin bestritt nicht, dass Karte und Brief von ihr stammen: "Es ist meine Schrift." Sie könne sich aber nicht mehr erinnern, dass sie diese geschrieben habe.

Über diese Post hinaus sieht Rechtsanwältin Marianne Zagajewski weitere Ansätze, die Aussage der wichtigsten Zeugin in Zweifel zu ziehen. So habe diese bei einer polizeilichen Vernehmung im April 2007 eingeräumt, "viele Sachen aus Wut gegenüber Michael gesagt zu haben. Ich bin da wohl ein bisschen zu weit gegangen." Damit wollte sie die Aussage einer Freundin relativieren, der gegenüber sie über die Tatbeteiligung von Michael Sch. am Tod von Maike Thiel geredet hatte. Dass sie damals der Polizei gegenüber Michael Sch. gedeckt hat, begründet Dominique Sch. mit der über Jahre gewachsenen Bindung zu diesem: "Das war der Punkt in der Sache: Ich hatte es ihm versprochen, dass ich nichts sage."

Wieder einmal dreht sich an diesem Verhandlungstag alles um Michael Sch. Auf der einen Seite gibt eine Zeugin an, endlich einen Schlussstrich ziehen zu wollen, indem sie die 15 Jahr verschwiegene Wahrheit erzählt. Auf der anderen Seite kämpfen Anwälte um die Freiheit ihres Mandanten. Dem, um den es geht, ist kaum eine Regung anzumerken. Die langjährige Freundin schaut er den ganzen Tag über nicht einmal an.

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