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Untersuchung zu Entwicklungspotenzialen der Telekomstraße liegt vor / Eberswalde vertagt Debatte

Zwischen Radweg und Rückbau

Sven Klamann / 12.09.2013, 06:36 Uhr
Eberswalde (MOZ) Zu einer Wiederinbetriebnahme der Telekomstraße zwischen Finow und Biesenthal wird es höchstens für Radfahrer kommen. Diesen Schluss lässt der Entwurf einer verkehrsplanerischen Untersuchung zu, die im Ausschuss für Bau, Planung und Umwelt vorgestellt wurde.

Die Publikumsreihen waren am Dienstagabend gut gefüllt. Befürworter und Gegner des Ausbaus der zwölf Kilometer langen Ortsverbindungsstraße hatten sich eingefunden. Die einen verteilten vor der Sitzung im Saal des Tourismuszentrums eine Petition an die Volksvertreter, in der sich mehr als 200 Unternehmer sowie Einwohner von Finow, Eberswalde, Biesenthal und Finowfurt pro "Barnimer Handelsstraße" aussprechen. Die anderen warteten ab.

Vier Varianten hat das im Eberswalder Baudezernat angesiedelte Stadtentwicklungsamt auf ihre Entwicklungspotenziale für die Biesenthaler Straße abgeklopft, die noch, darauf wies Baudezernentin Anne Fellner hin, als Landesstraße eingestuft ist und erst nach der Fertigstellung der neuen B 167, also in ungewisser Zukunft, in kommunale Trägerschaft wechseln soll.

Für das Stadtentwicklungsamt stellte dessen Mitarbeiter Sören Bauer die Ergebnisse der Untersuchung vor, die ausdrücklich Entwurfscharakter haben - auch weil die Verwaltung der Entscheidung durch die Politik nicht vorgreifen will. Betrachtet wurden die Vor- und Nachteile folgender Varianten: die Telekomstraße wird entwidmet, zur Ortsverbindung ausgebaut, als Fahrradstraße betrieben, auf der Fahrräder Vorrang vor Autos eingeräumt wird, oder ausschließlich als Radweg ertüchtigt.

Der komplette Verzicht auf die Straße wäre laut Studie "aus umweltschutzbezogener Sicht ein wertvoller Beitrag zur Entwicklung des Naturparks Barnim, ohne dass Beeinträchtigungen des Verkehrsnetzes Eberswalde zu erwarten sind". Allerdings würde der Rückbau der Trasse die Stadt zwei Millionen Euro kosten - und sogar weit mehr, wenn dabei mit Umweltgiften verseuchtes Baumaterial entsorgt werden müsste.

Der Ausbau der Ortsverbindungsstraße zwischen Finow und Biesenthal könnte laut Studie eine Netzergänzung zu den bestehenden, parallel verlaufenden Trassen der Autobahn 11 und Landesstraße 200 darstellen. "Hierfür besteht jedoch keine zwingende Notwendigkeit, da nur eine Verkehrsverlagerung von maximal 3600 Kraftfahrzeugen pro Tag prognostiziert wird", betonte Sören Bauer.

Für diese Variante würden der Untersuchung zufolge die zu erwartenden Eingriffe in Natur und Umwelt ein Ausschlusskriterium darstellen, da die zwingend notwendige artenschutzrechtliche Befreiung wegen der geringen Verkehrsbedeutung für den Kraftfahrzeugverkehr wahrscheinlich nicht zu erhalten sei. Die Baukosten werden in der Studie mit etwa zehn Millionen Euro veranschlagt, von denen Eberswalde einen Großteil zu tragen hätte. "Zudem erscheint eine Akquise von Fördermitteln nach derzeitigem Planungsstand sehr unwahrscheinlich", heißt es in der Untersuchung.

Welche Kosten der Ausbau zur Fahrradstraße mit sich bringen würde, hat das Stadtentwicklungsamt nicht näher betrachtet, weil erhebliche Probleme darin gesehen werden, die bevorrechtigten Radfahrer vor dem Autoverkehr zu schützen. Obendrein werde es auch hier kaum machbar sein, eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung zu erwirken.

Ein durchgängiger Radweg zwischen Finow und Biesenthal würde hingegen laut Untersuchung das Radwegenetz in Eberswalde und im Barnim optimieren. Die dabei verursachten geringeren Eingriffe in Natur und Umwelt könnten durch geeignete Maßnahmen ausgeglichen werden. Für den Neubau eines "komfortablen Radweges" veranschlagt das Stadtentwicklungsamt Kosten von etwa fünf Millionen Euro, der alternativ denkbare abgespeckte Lückenschluss wird mit etwa 1,4 Millionen Euro beziffert. Da der Verkehrsentwicklungsplan der Stadt Eberswalde diese Option bereits vorschlage, wäre eine Förderung möglich.

Die Untersuchung kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass aus verkehrsplanerischer und finanzieller Sicht allein ein Radwegbau empfohlen wird. Sollte auch diese Variante nicht zum Tragen kommen, laufe alles auf einen Rückbau der Trasse hinaus, der aber eher vom Land Brandenburg zu leisten wäre.

Bevor die Verwaltung der Politik den Ball zuspielte, hob Eberswaldes Baudezernentin noch hervor, dass der Landesbetrieb Straßenwesen kein Interesse an einer Wiedereröffnung der Telekomstraße habe. Die vom Stadtentwicklungsamt erarbeitete Vorzugsvariante eines Radwegebaus werde vom Amt Biesenthal-Barnim und von der Stadt Biesenthal befürwortet und vom Kreis Barnim akzeptiert.

Für Wolfgang Sachse, den Vorsitzenden des Bauauschusses, steht fest, dass jetzt die Fraktionen an der Reihe sind, sich eine Meinung über die Entwicklungspotentiale der Straße zu bilden.

Die Untersuchung ist im Internet verfügbar: www.eberswalde.de

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Ronny 20.09.2013 - 15:34:41

Richtig so!

Hallo Her Koch, ihre Darstellungen kann ich nur bestätigen. Der Barnim ist in Sachen Fahrradfahrer, eine Wüste. Hier sitzen wirklich noch Leute in entscheidenen Positionen, die scheinbar noch nie 10km am Stück durch die Barnim mit dem Fahrrad gefahren sind. Pfui, pfui, pfui! Last uns endlich handeln!

Benno Koch 12.09.2013 - 19:01:10

Ganz sachlich

Ich kenne die Telekomstraße seit Anbeginn der Zeit - also kurz nach 1990. Ich bin Kunde des Baff und fahre dort von Hönow mit dem Fahrrad hin - gelegentlich über die Telekomstraße. So auch im letzten Winter. Ich habe einen Ruhepuls von 60 und beim Rad fahren von 130 - hilft auch um einen kühlen Kopf bei Konzepten zu haben und sachlich zu bleiben.

Peter Berg 12.09.2013 - 18:02:50

Her Koch ist mal wieder auf 180

Herr Koch, bitte schauen Sie sich doch die "Straße" mal in Natura an, falls Sie nicht genug Zeit haben sind im Anhang der Studie hinreichend Fotos. Daran und mit ein wenig Streckenkenntnissen, entweder durch durcharbeiten des Studienmaterials oder durch persönliche Erfahrung, kann man schon erkennen, dass der Aufwand immens ist, diese Straße zu einer ordentlich zu befahrenen Fahrradstraße auszubauen. Des Weiteren ist der Haushalt der Stadt Eberswalde schon jetzt auf Kante genäht, d.h. die Stadt kann sich zurzeit keine Extrawürste leisten. Meinen Sie es kümmert irgendeinen Autofahrer ob da ein Fahrradsymbol auf die Straße gepinselt wurde? Die fahren dort trotzdem nach dem Motto "Ich bin hier der Boss!".

Benno Koch 12.09.2013 - 15:49:32

"Kosten Fahrradstraße nicht näher betrachtet"

Es ist leider das immer Gleiche: Fahrradverkehr wird nicht oder nicht ernsthaft betrachtet. Die Verbindung Biesenthal-Finow würde für Fahrradfahrer Sinn machen, da Eberswalde in keiner Richtung mit einer dem Stand der Technik (ERA10) entsprechenden Fahrradinfrastruktur verbunden ist. Natürlich ist der Oder-Havel-Radweg in Abschnitten vorhanden. Hier findet jedoch keinerlei Unterhaltung statt - die Wurzelaufbrüche liegen jetzt schon seit Jahren unsaniert vor sich hin. Von einem durchgängigen Ausbau oder gar von der Einhaltung von Mindestbreiten von Radfernwegen zu sprechen wäre übertrieben. Die Radverkehrsanlagen in der Stadt Eberswalde und Finow sind eine Diskriminierung: Mindestbreiten, Hindernisse auf Radwegen, Reinigung oder Unterhaltung interessieren hier niemanden. Was die Kosten der Fahrradstraße Biesenthal-Finow anbelangt, sind die im Artikel geratenen Zahlen schon bemerkenswert. Das Infrastrukturministerium hat zum Beispiel im Fahrradbericht Brandenburg 2012 von 160.000 bis 180.000 Euro gesprochen - macht bei 12 Kilometern Neubau 2,16 Mio. Euro. Meines Eindrucks nach werden in den genannten Kosten aber auch gerne Lärmschutzwälle, Gehwege, Bushaltestellen usw. "versteckt", die nichts mit dem eigentlichen Förderungszweck Radweg zu tun haben. Im Verlauf der so genannten Telekomstraße gibt es all dies nicht - auch keine Brücken. Zusammen mit einer Sanierung der vorhandenen Straße (Fugen), sollte die Summe für einen StVOgerechten Ausbau als Fahrradstraße (drei Meter breit) eher unterboten werden. Fahrradstraßen dürfen übrigens nur im Ausnahmefall für andere Fahrzeuge freigegeben werden - im Land Brandenburg gibt es dafür auf hunderten Kilometern funktionierende Beispiele. Der Landkreis Barnim scheint sich jedoch beim Thema Fahrrad gerne weniger professionell zu präsentieren - die Fahrradstraßen des Radweges Berlin-Usedom südlich von Bernau und südlich von Lobetal sind Beispiele dafür. Hier schafft es das zuständige Bauamt nicht einmal die Fahrradsymbole auf der Fahrbahn nachzumalen - seit fünf Jahren ist da nichts mehr passiert. Im Fall der umgefahrenen Poller südlich von Bernau ebenso nicht. Brandenburg braucht endlich einen Fahrradbeauftragten.

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