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Nach Protesten Hilfe für Flüchtlinge

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dpa / 13.09.2013, 14:41 Uhr
Berlin (DPA) Teils gewaltsame Proteste von Nachbarn und der rechtsextremistischen NPD gegen Flüchtlingsheime haben Berlin aufgeschreckt. Anwohner in Britz zeigen jetzt ihr Herz für Flüchtlinge.

Franz Allert ist beeindruckt. "Zum ersten Mal erlebe ich, dass soviel Verständnis für Flüchtlinge da ist", sagt der Präsident des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo). Am Donnerstagabend wird er als Gast Zeuge einer Info-Veranstaltung im Berliner Stadtteil Britz zu dem dort geplanten Flüchtlingsheim. Die mehr als 500 Anwohner reagieren fast durch die Bank weg positiv und hilfsbereit. Allert, dessen Behörde für die Unterbringung der Flüchtlinge in Berlin sorgt, ist anderes gewohnt.

In Berlin-Hellersdorf war vor zwei Monaten zum gleichen Thema die Volksseele hochgekocht. Die Vorurteile und Ängste der Anwohner vor den Asylbewerbern aus aller Welt heizte die rechtsextremistische NPD im Bundestagswahlkampf noch mal kräftig an. Viermal demonstrierten die Neonazis vor dem Heim und lieferten sich Demo-Schlachten mit linken Gegendemonstranten und der Polizei.

Im östlichen Plattenbaubezirk Hellersdorf leben viele Hartz-IV-Empfänger und kleinbürgerliche Familien. Die Anwohner waren vom Einzug der Flüchtlinge in eine ehemalige Schule überrumpelt worden und fürchteten um die Sicherheit ihrer Kinder. Doch auch im gutbürgerlichen Charlottenburg und Reinickendorf stießen Notunterkünfte auf den Widerstand der Nachbarn. Sie sorgten sich ebenso um mehr Lärm, Dreck und Kriminalität durch die Asylbewerber. Im wohlsituierten Britz sind die Bürger gebildeter und offener.

Allert nennt nüchtern die Zahlen. Der Flüchtlingsstrom Richtung Bundesrepublik schwelle unaufhörlich an, sagt er. 2013 rechne das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit 100 000 Flüchtlingen. 77 650 seien schon da. Dazu kommen die 5000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, die Deutschland aus humanitären Gründen aufnimmt. Angesichts von 6 Millionen syrischen Flüchtlingen müsse Deutschland noch viel mehr aufnehmen, heißt es schon jetzt.

Fünf Prozent oder 5000 aller Flüchtlinge müsse Berlin unterbringen, rechnet Allert vor. 3500 seien schon untergebracht. Doch tatsächlich würden viel mehr Menschen ihren Erstantrag auf Asyl in Berlin stellen - 12 600 in diesem Jahr. Deshalb platzten alle 32 Einrichtungen aus den Nähten. Monat für Monat müssten Notunterkünfte aus dem Boden gestampft werden. Derzeit leben bereits über 6700 Flüchtlinge in Berliner Sammelunterkünften.

Vor diesem Hintergrund wurden die teils gewaltsamen Proteste vor der Hellerdorfer Notunterkunft bundesweit zum Synonym für latente Fremdenfeindlichkeit. Selbst Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sorgte sich um das Image Deutschlands in der Welt. "Neonazis schaden unserem Ansehen", sagte der CSU-Politiker Mitte August.

Doch Berlin kann auch anders. Die Bürgerinitiative "Hufeisern gegen Nazis" im Stadtteil Britz wollte ein "zweites Hellersdorf" verhindern, nachdem die Pläne für eine Gemeinschaftsunterkunft in Neukölln bekanntgeworden waren. Die NPD wurde im Verein mit der Polizei auf weitem Abstand gehalten. Die üblichen Hasstiraden der NPD-Aktivisten gegen Überfremdung gingen im ohrenbetäubenden Pfeifkonzert von gleich drei linken Gegenkundgebungen unter.

In der Schulaula machte ein großes Transparent vor der Bühne die Marschrichtung klar. "Nicht Flüchtlinge, sondern Fluchtursachen bekämpfen" prangte dort. Das Motto des Abends laute: "Die Würde des Menschen sei unantastbar, betont BI-Sprecher Jürgen Schulte. Die oft vor Krieg, Terror, Folter und Verfolgung fliehenden Menschen brauchten Hilfe. Die mehr als 500 Zuhörer klatschen dazu.

"Hellersdorf hat die Menschen aufgeschreckt. Das wollen sie nicht noch einmal", sagt Schulte. Eine aktuelle Umfrage im Auftrag der "Berliner Morgenpost" und der RBB-"Abendschau" (Freitag) untermauert diese Einschätzung. Danach befürworten 72 Prozent der 1000 befragten Berliner, dass die Stadt weitere Flüchtlinge aufnimmt. 73 Prozent haben auch keine oder kaum Einwände gegen ein Asylbewerberheim in ihrer Nähe.

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