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Heimgekehrt, um zu bleiben

Legt Hand an: Catharina Gleißner zog es hinaus in die weite Welt. Die Kosmetikerin arbeitete in den vergangenen Jahren in der Schweiz und in Österreich. Jetzt ist sie nach Frankfurt (Oder) zurückgekehrt.
Legt Hand an: Catharina Gleißner zog es hinaus in die weite Welt. Die Kosmetikerin arbeitete in den vergangenen Jahren in der Schweiz und in Österreich. Jetzt ist sie nach Frankfurt (Oder) zurückgekehrt. © Foto: FOTO Michael Benk
Annette Herold / 27.09.2013, 20:19 Uhr - Aktualisiert 05.11.2013, 17:18
Frankfurt (MOZ) "In diesem kleinen Land ist alles drin. Das ist Lebensqualität." Wenn die Brandenburgerin Catharina Gleißner so schwärmt, spricht sie nicht über ihre Heimat, in der sie seit einem Jahr wieder arbeitet, sondern über die Schweiz. Im Tessin hat sie vier Jahre lang gelebt. In Ascona am Lago Maggiore, einer Touristenstadt mit Palmenstrand, übte die Kosmetikerin ihren Beruf genau dort aus, wo sich andere erholen: in einem Fünf-Sterne-Hotel. "Das war die bisher beste Zeit meines Lebens", sagt sie und denkt dabei nicht zuerst an Begegnungen mit Prominenten, die dort abgestiegen sind. Dabei könnte sie einiges erzählen. Dass dort einmal die deutsche Fußballnationalmannschaft logierte, zum Beispiel.

Aber Verschwiegenheit ist in ihrem Beruf Ehrensache, und Catharina Gleißner hat ohnehin keinen besonderen Hang zu Anekdoten. Dass sie dort Lebenserfahrung gesammelt habe, sei viel wichtiger. Davon profitierte sie, als sie späater zwei Jahre in einem Hotel in den österreichischen Alpen arbeitete, und es nutzt ihr, längst zurück in der Heimat, bis heute. In einem Frisier- und Kosmetiksalon in Frankfurt (Oder) ist sie jetzt angestellt, hat in der Oderstadt eine Wohnung bezogen und sieht ihre Familie wieder öfter als während ihrer Auslandsjahre.

Dass sie einmal zurückkehren wollte, stand von Anfang an fest. Dass sie überhaupt gehen würde, ganz und gar nicht. "Im Gegenteil", erzählt sie, "viele meiner Freunde wollten immer weg. Sie sind geblieben. Ich bin als Einzige gegangen." Auf den Weg gemacht hat sie sich, um Erfahrungen zu sammeln. "Keiner hat geglaubt, dass ich das wahrmache. Aber ich war 21, hatte schon vier Jahre gearbeitet und fand, dass das noch nicht alles gewesen sein konnte. Da hat noch etwas gefehlt."

Bereut habe sie ihren Schritt in den Süden nie. "Ich bin gut aufgenommen worden, so konnte erst gar kein Heimweh entstehen." Der Gang ins Ausland sei auf jeden Fall "nichts, wovor man Angst haben muss. Das kann jeder".

Nach sechs Jahren hatte Catharina Gleißner dennoch genug von der Ferne. "Ich hatte dort so viele schöne Erlebnisse. Ich habe Snowboard fahren gelernt und fremde Städte gesehen. Doch viele Erlebnisse konnte ich trotz neuer Freunde mit niemandem teilen." Auch das Leben aus dem Koffer - sie hatte während dieser Zeit nie mehr persönliche Sachen dabei, als in ihr Auto passten - sollte ein Ende haben. "Man will ja auch mal irgendwo bleiben", sagt sie. All ihre Freundschaften aus Jugendtagen habe sie während der Zeit in der Ferne gepflegt, und eine Schulfreundin hat ihr auch den Tipp mit dem Frankfurter Salon gegeben. Neben ihren Eltern leben ihre vier Großeltern in der Region. Und nicht zuletzt möchte Catharina Gleißner auch eine eigene Familie gründen.

Dass sie für die Rückkehr nach Hause einiges aufgegeben hat, ist ihr bald aufgefallen. "Viele Leute hier sind so verbissen", hat sie beobachtet. "Aber das ist verständlich. Viele, die arbeiten gehen, verdienen nicht soviel, dass es zum Leben reicht."

Sie sei nie vom Staat abhängig gewesen und das werde ihr auch nicht passieren, sagt Catharina Gleißner entschieden. "Unabhängigkeit ist mir wichtig. Ohne Aussicht auf einen Job wäre ich nicht zurückgekommen. Ohne Arbeit wird man doch nicht glücklich." Notfalls müsse sie eben wieder woandershin gehen. "Dass das möglich ist, habe ich mir ja schon bewiesen."

Im Moment sieht es aber nicht so aus, als würde das notwendig werden und eigentlich möchte sie sowieso bleiben. "Ich kann nur jedem raten, sich woanders auszuprobieren", sagt sie. Aber zurückkommen sei ebenso wichtig. "Was soll denn hier sonst werden, wenn alle Jungen weggehen?" Dabei steht zu befürchten, dass sich die Abwanderung fortsetzt: Mit der Solarkrise, der Schließung zweier Werke in Frankfurt und der Insolvenz eines dritten dürften wohl erneut viele Menschen die Region verlassen, vermutet Catharina Gleißner. "Da waren doch ganze Familien beschäftigt", sagt sie. "Die müssen ja jetzt weggehen, wenn sie arbeiten wollen." Das ist so eine Aufgabe für die Politiker, findet sie: Perspektiven für ein lebenswertes Leben in Brandenburg zu schaffen. Auch wenn jeder seinen eigenen Teil dazu beitragen müsse.

Genau das hat sie mit ihrer Rückkehr auch vorgehabt, wie sie sagt: "Weggehen kann jeder und den Zurückgebliebenen erzählen, wie toll es in der Ferne ist. Aber hier zu bleiben, sich etwas aufzubauen und glücklich zu werden, das ist die Kunst."

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