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Dampflok zum Eisenbahn-Geburtstag

© Foto: Paul Lötzke
Oliver Schwers / 08.10.2013, 04:40 Uhr
Casekow/Tantow (MOZ) Mit einer historischen Dampflokfahrt macht das Amt Gartz auf den desolaten Zustand der Stettiner Eisenbahnlinie aufmerksam. Hintergrund ist der 170. Geburtstag der damals bedeutenden Strecke Berlin-Stettin. Sie wird zum Ärger vieler Anwohner heute kaum noch befahren.

Die Idee stammt vom Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann. Der ärgert sich permanent über das, was von einer der ersten deutschen Eisenbahnlinien übrig geblieben ist. Und mit ihm viele Fahrgäste. Wer heute von Berlin nach Stettin (oder umgedreht) mit dem Zug fahren will, braucht Zeit, Geduld und Romantik für untergehende Eisenbahngeschichte. Denn ab Angermünde trödelt die vergessene Feldbahn ins Abseits. Irgendwann kommt der unelektrifizierte Triebwagen auf eingleisiger Strecke in Begleitung von Hasen und Rehen auch in Stettin an. Es gibt nur noch zwei Direktverbindungen zwischen den Metropolen. Ansonsten heißt es in Angermünde: umsteigen. Und zwar regelmäßig im Laufschritt. Dann sieht man polnische Familien in purer Hektik über die Bahnsteige jagen, um die Anschlüsse zu erreichen. Das alles spielt sich im Jahre 2013 ab.

Am 16. August 1843 war das mal anders. Damals startete eines der ehrgeizigsten Verkehrsprojekte Preußens. Zwischen Berlin und Stettin zischten Dampflokomotiven, die Aufschwung für eine ganze Region brachten. Aufgrund des rasant steigenden Verkehrsaufkommens wurde die Bahnstrecke relativ früh zweigleisig ausgebaut. Später rasten Schnellzüge hin und her. Das alles ist Geschichte.

"Die Eisenbahnstrecke hat an das Verkehrsaufkommen bis 1945 bislang nicht einmal ansatzweise angeknüpft, obwohl in Stettin und Berlin die Bevölkerung gewachsen ist", beschwert sich Frank Gotzmann auf der Internetseite seiner Amtsverwaltung. Er wird nicht müde, den unerklärlichen Zustand der Bahnstrecke anzuprangern und auf einen schon seit Jahren versprochenen Neubau zu drängen.

Und weil rund um Angermünde das Jubiläum des 150. Geburtstags der Berlin-Stralsunder Linie wie auch des 170. Geburtstages der Stettiner Strecke kaum begangen wurde, lässt das Amt nun selbst die Dampflok heizen. Am 18. Oktober startet ein historisches Exemplar von Casekow nach Stettin. Und das gleich zweimal an diesem Tag und kostenlos für alle Reisenden.

Die Erlebnisfahrt soll nicht nur Erlebnis und Geburtstagsgefühlsduselei sein. Sie hat konkreten politischen Hintergrund. Gotzmann will über das geschichtliche Bewusstsein die Verkehrsplaner in Berlin, Warschau, Stettin und Potsdam aufrütteln. Sie sollen "gemeinsam an einer zukunftsfähigen Verkehrsinfrastruktur im deutsch-polnischen Grenzraum" arbeiten. Zwar gibt es mittlerweile einen Staatsvertrag, doch steht der konkrete Ausbautermin zur Elektrifizierung noch immer nicht fest. Von einer Zweigleisigkeit ist nicht einmal die Rede.

Zur Erlebnisfahrt in sechs historischen Waggons mit jeweils 50 Plätzen erwartet das Amt Gartz einen Besucheransturm. Eingeladen sind schon die Schulen und Kindergärten der Region, um dem Nachwuchs von der früheren Bedeutung der Eisenbahn erzählen zu können. Auch an die Senioren richtet sich das von der Europäischen Union geförderte und damit kostenlose Mitreiseangebot. Sie kennen die Bahnstrecke noch aus Zeiten, in denen die Bahnhöfe entlang der Linie nicht verrotteten, die Gaststätten geöffnet waren und die Eisenbahner über der Empfangshalle wohnten. Heute mühen sich Städte und Gemeinden um den Erhalt der so typischen Architektur.

Für Frank Gotzmann ist das Dilemma weitaus größer. Er spricht von einer Infrastrukturlücke. Die besteht auf nicht ausgebautem Abschnitt über 40 Kilometer ab Passow, zum großen Teil auf deutscher Seite. Denn seitdem die Russen das zweite Gleis abbauen ließen, geht es mit dem Verkehrsaufkommen bergab. Der Amtsdirektor befürchtet weitere Einschnitte, weil mit derzeitigen Verbindungen keine zusätzlichen Fahrgäste zu gewinnen sind.

Deswegen machen die Gartzer, Tantower, Casekower und sonstigen Bahnfans jetzt selbst Dampf. So wie zur Gründungszeit vor 170 Jahren.

Weitere Informationen im Internet unter www.gartz.de sowie unter Telefon 033332 77102.

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JELI 09.10.2013 - 14:55:19

Chapeau!

Chapeau! Eine Dampflokfahrt für jedermann. Eine tolle Sache.

veikkos-archiv 09.10.2013 - 14:39:03

Tourismus im Oderland

wir erstellen zusammen mit Historikern und Heimatvereinen einen historischen Atlas für das Oderland als App, Reitwein ist fast fertig, dorthin gab es auch mal eine funktionierende Eisenbahnverbindung... Aber gerade für den Fahrradtourismus ist eine gute Eisenbahnlinie wichtig. Veikko Jungbluth Inhaber: http://www.veikkos-archiv.com

Andreas Schwarze 09.10.2013 - 09:10:32

@ B. Koch

Grundsätzlich, da gebe ich Hrn. Koch recht, es fahren zu wenige Züge, kein Takt, schlechte Infrastruktur. Doch warum immer nur auf den VBB hauen. Was konkret tut DB (samt ihrer Tochterunternehmen) um bei den bestehenden Problematiken die Qualität zu erhöhen? Wir erleben Kunden die die Kundenbrtreuer betreuen und ihnen auf dem IPhone zeigen wo die Anschlüsse in Stettin stehen. Defekte Automaten in den Zügen, versiffte Toiletten, Wagenreinigung eher sporadisch usw... da könnte ich noch beliebig weiter machen... Weshalb fährt DB REGION oder der FERNVERKEHR keine eigene Zugleistung (IR, IC)? Wenn doch so viel potential ist. Schließlich ist Berlin-Stettin auch Fernverkehr - siht man die Entfernung zwischen den Städten!

Benno Koch 08.10.2013 - 14:13:12

Welcher Politiker fährt wirklich Bahn?

Amtsdirektor Gotzmann überrascht immer wieder mit für Brandenburg ungewöhnlichen Aktionen - der Mann will wirklich, dass die Leute Bahn fahren! In Zeiten von eMobiltty ist es schon erstaunlich, dass Brandenburg und natürlich der Bund kein Konzept für die Elektrifizierung aller Bahnstrecken haben. Berlin-Stettin gehört dringend in diese Liste. Berlin mit der größten Stadt in seinem Umland - Stettin mit 400.000 Einwohnern - vernünftig mit der Bahn zu verbinden, wird scheinbar von allen Entscheidungsträgern nachhaltig verhindert. Und auch die Märkische Oderzeitung duckt sich weg, wenn es um die Ursachen geht - nämlich den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) als Besteller von SPNV-Leistungen auch genauso zu benennen: "Wir hätten auf den Strecken deutlich mehr Kapazitäten frei, allerdings liegen uns dafür keine Bestellungen vor“, so Arvid Kämmerer. „Das Trassenangebot Berlin-Stettin etwa mit täglich zwei durchgehenden Zügen und sechs Mal ab Angermünde könnten wir sogar verdoppeln.“ Siehe Interview mit Arvid Kämmerer, DB Netz AG - http://www.punkt3.de/index.php?go=lesen&read=2530&suchstring=K%C3%A4mmerer%20stettin . Warum steht sowas nicht in der Märkischen Oderzeitung?

Edwin Raiser Angermünde 08.10.2013 - 11:49:39

Tolle Aktion

Herzlichen Dank für diese tolle Aktion an den Amtsdirektor Gotzmann !! Meine Hoffnung ist ganz klar, 2 Gleise, stündliche Direktverbindung von Stettin nach Berlin, aber auch der Güterverkehr, vom und zum Hafen Stettin, auf die Schiene. Wie wäre es mit einer Unterschriftenaktion zur Unterstützung des Ausbaus? Edwin Raiser Angermünde

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