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Dass Brandenburger Kinder auch künftig mit fünf Jahren eingeschult werden, sorgt bei Eltern und Experten für Unmut

Ein Stichtag wird zum Zankapfel

© Foto: dpa
Mathias Hausding / 09.10.2013, 20:18 Uhr
Potsdam (MOZ) Im März dieses Jahres hieß es, der Stichtag für die Einschulung wird verlegt, damit Kinder nicht mehr schon mit fünf in die Schule müssen. Im Juli dann die Kehrtwende des Brandenburger Bildungsministeriums: Alles bleibt, wie es ist. Seitdem ist die Verunsicherung unter den Eltern groß.

Achim Weber erlebte in den vergangenen Monaten ein Wechselbad der Gefühle. Erst die Freude darüber, dass die Landesregierung auf die Wünsche zahlreicher Eltern eingeht und eine Änderung des Stichtags für die Einschulung ankündigt. Dann die Ernüchterung, als Bildungsministerin Martina Münch (SPD) sich überraschend von den Plänen verabschiedet. Und nun ist der Familienvater aus Märkisch-Oderland verunsichert, denn die Ministerin hat quasi als Ausgleich für das Hin und Her versprochen, dass der Elternwille künftig stärker berücksichtigt wird.

"Was heißt das konkret?", fragt sich Achim Weber seitdem. "Welches Gewicht hat das Veto der Eltern?" Achim Weber, der in Wahrheit anders heißt, seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, um seine Kinder nicht zu belasten, fühlt sich ohnmächtig, dem Staat ausgeliefert. "Ich bin fest davon überzeugt, dass es für meine Kinder ein Nachteil sein kann, schon mit fünf eingeschult zu werden", sagt Weber. Er werde alles unternehmen, dies zu verhindern.

30. Juni oder 30. September? Diese Frage bewegt seit Jahren die Gemüter vieler Eltern in Brandenburg. Der alte und neue Stichtag 30. September bedeutet, dass Mädchen und Jungen, die bis dahin sechs werden, in jenem Jahr eingeschult werden. Für Achim Weber heißt es, dass seine beiden Kinder mit fünf ran müssten, weil sie in unterschiedlichen Jahren Anfang August beziehungsweise Ende September geboren wurden.

Der Vater erzählt freimütig, worum es ihm geht. "Bei meiner Tochter, die nächstes Jahr vor der Einschulung mit fünf steht, ist körperlich und geistig alles im grünen Bereich. Aber ich sehe, dass sie noch sehr verspielt ist, dass sie schnell die Lust an einer Beschäftigung verliert. Warum sollte ich sie also in die Lernmühle Schule schicken, wenn sie im Kindergarten noch ein Jahr reifen könnte?" Die Leitung des Kindergartens und die Kinderärztin seiner Tochter würden das genauso sehen. Weber sagt, er denke dabei an die gesamte Schulkarriere, kenne viele früh eingeschulte Kinder, die später Probleme bekommen hätten. "Ein Jahr Kindheit mehr schadet nicht", bringt er seine Überzeugungen auf den Punkt.

Zu dieser Erkenntnis schien sich auch die rot-rote Koalition durchgerungen zu haben. Mit dem 30. Juni sollte wieder jener Stichtag gelten, der bis 2005 dafür sorgte, dass kein Kind mit fünf zur Schule musste. Dann aber die Kehrtwende. Mit der Begründung, den "perfekten Stichtag" gebe es sowieso nicht, beließ Martina Münch alles beim Alten.

Gegen eine Verlegung des Stichtags hatten sich die Kommunen ausgesprochen. Sie fürchteten eine höhere Belastung für die Kindergärten, wenn weniger Mädchen und Jungen eines Jahrgangs in die Schule wechseln. Und von einigen Schulleitern war die Klage zu hören, dass ihnen der Verlust von Lehrerstellen drohe, wenn ein Viertel eines Jahrgangs nicht eingeschult werde.

Stephan Breiding, Sprecher des Bildungsministeriums, betont, dass dies nicht die ausschlaggebenden Gründe für die Kurskorrektur gewesen seien. Es gehe dem Ministerium vielmehr darum, künftig die Eignung eines jeden Kindes ganz individuell zu ermitteln. "Wir kommen den Eltern entgegen, ihr Wille wird stärker berücksichtigt." Auch von Eltern eingeholte kinderärztliche Gutachten werde man stärker würdigen. Breiding stellt aber auch klar: "Es wird kein Elternwahlrecht geben." Er kündigt an, dass Ende dieses Monats "eine Handreichung für die Schulleiter" vorliegen werde, wie künftig zu verfahren sei.

Wenn im Januar die nächsten Einschulungsuntersuchungen beginnen, hat im Konfliktfall also weiter der Staat das letzte Wort. Oder doch nicht? Wolfgang Seelbach, Sprecher des Landeselternrats: "Uns hat das Ministerium zugesichert, dass die Schulleiter angewiesen werden, unbürokratisch im Benehmen mit den Eltern zu entscheiden." Etwas schwammig sei die Formulierung, räumt Seelbach ein. Und er fügt hinzu: "Die Situation sorgt für große Verunsicherung unter den Eltern."

Darüber ist auch der SPD-Landtagsabgeordnete Mike Bischoff unglücklich. Der erklärte Gegner einer in seinen Augen "nicht zeitgemäßen" Einschulung mit fünf ist überzeugt, dass die jetzige Regelung nur ein Zwischenschritt sein kann. "Die Debatte geht weiter", verspricht er. Ziel müsse sein, das Verfahren umzudrehen, also die Einschulung mit sechs zum Normalfall und den Start mit fünf zur Kann-Regelung zu machen. "Der Elternwunsch steht im Mittelpunkt", bekräftigt Bischoff. Schon jetzt müsse Schluss sein damit, dass das Urteil eines Schulleiters über die Reife eines Kindes unantastbar sei.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte will sich zur bundesweit sehr unterschiedlich gehandhabten Stichtagsregelung nicht positionieren. "Die große Mehrheit unserer Mitglieder ist gegen die Einschulung mit fünf, aber wir haben dazu keine einheitliche Linie", sagt Sprecher Dr. Ulrich Fegeler. Er persönlich finde als Kinderarzt die frühe Einschulung "völlig falsch". Auch intelligente Fünfjährige seien meist von der Persönlichkeitsentwicklung her noch nicht so weit, sich in der Schule durchsetzen zu können, warnt Fegeler. (Mit Adleraugen)

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Mama3 10.10.2013 - 14:55:17

@Mama2

Dann gratulieren wir recht herzlich zu zwei super guten Kindern. Es spricht nichts dagegen, wenn Sie Ihre Kinder eher einschulen lassen. Hier geht es jedoch um den Zwang der Einschulung und nicht um das freiwillige Einschulen. Es lassen sich leider genug Beispiele aufzählen, in denen nicht die Eltern "immer eine Mitentscheidung" hatten sondern gar keine Mitentscheidung. Gehen Sie mal bitte zur Ärztin des LK, die die Schulfähigkeit feststellt und bitten Sie ganz höflich darum, dass Ihr Kind noch ein Jahr in der Kita verbleiben kann, so dass es dann mit 6 eingeschult wird und kurz danach 7 wird. Was folgt ist ein klares NEIN - da das Kind keine Gebrechen hat. Mir ging es so. Meine Tochter war zu diesem Zeitpunkt sehr klein und zierlich. Ich hatte KEIN Mitentscheidungsrecht. So sieht es auch aus.

Mama 2 10.10.2013 - 13:50:34

Eltern haben immer eine Mitentscheidung!

Ich habe bereits ein Kind mit 5 einschulen lassen, diese ist jetzt im Abi und es hat ihr nicht geschadet. Sollte mit ihrer Berufswahl alles klappen, entstehen ihr dadurch auch keine Nachteile. Nun ist die Zweite dran und nach einem Jahr bei Mama und 5 Jahren in der Kita, wird sie auch mit 5 Jahren eingeschult (wird im September 6) und ich habe dabei kein schlechtes Gewissen. Sie will es auch und kann die Schule kaum erwarten, also warum sollte ich sie noch länger in der Kita lassen wenn körperlich und geistig alles passt. Außerdem kenne ich einige Eltern die ihre Kinder zurückstellen lassen und damit keine Probleme bekommen haben. Also kann es ja nicht so schwer sein.

Frank 10.10.2013 - 11:07:57

was soll auch anderes dabei herauskommen

in Potsdam sitzt eine Ärztin als Bildungsministerin, ein Lehrer als Gesundheitsminister ...

Mutter aus Brandenburg 10.10.2013 - 10:52:18

Zankapfel Kindeswohl

Die Brandenburger Bildungspolitik erscheint in meinen Augen als eine „Spielwiese für Politiker“. Bevor ein Kurswechsel richtig durchgeführt ist, gibt es den Nächsten, so erlebe ich Schulpolitik als Mutter. Dies ist zu Lasten unserer Kinder und geht an der Realität des Lebens völlig vorbei. …“höhere Belastung von Kindergärten….., Verlust von Lehrerstellen“ wir reden hier über junge Menschen, über die Träger unserer Zukunft! Welches Unternehmen bietet dem fünfzehnjährigen Schulabgänger eine Ausbildung an? Was sagt der Jugendschutz dazu? Ups, vielleicht kann man diese Einschulungsfehlentscheidung ja korrigieren indem man die generelle Schulverweildauer auf 12 Jahre raufsetzt? Das soll kein Witz sein – denn welche Perspektive hat solch junger Mensch? Die Wirtschaft kann/ darf ihn noch nicht nehmen, also bleibt nur eine weitere „Schullaufbahn“. (sorgt gleichzeitig für den Erhalt von Lehrerstellen – wo sind die eigentlich in der Praxis, denn überall so tönt es, fehlen Lehrer) Es ist wirklich sehr motivierend für einen Jugendlichen, wenn er weiß, egal wie das Zeugnis ausfällt, er wird noch im „Hamsterrad“ Schule weiterlaufen müssen. Da kommt Frust auf, Lernunwille und Langeweile, die Jugend wird bestohlen zuerst der Kindheit, dann der Lebens-perspektive. Für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist dies nicht förderlich. Verlassen wir mal die menschliche Seite dieser Fehlentscheidung und wenden wir uns der wirtschaftlichen zu, so werden wir bald merken (wenn wir denn über den eigenen Tellerrand sehen) das daraus erhebliche Mehrkosten für die Gesellschaft resultieren. Nicht allen jungen Menschen schadet diese frühe Einschulung, aber was wird aus dem der mit guten und sehr guten Leistungen durchmarschiert bis zur Uni, dort auch noch einen guten Abschluss macht? Er hört schon als Studienanfänger, dass er als Absolvent zu jung sein wird und keine Chance auf eine Anstellung hat. Ein weltoffener Mensch wird sich auch international orientieren und ganz ehrlich, wer kommt freiwillig zurück, wenn er anderswo bessere Arbeits-, und Lebensbedingungen erfahren hat, zumal er hier vor Ort trotz aller Anstrengungen zurückgewiesen wurde? Liebe Abgeordnete es ist bereits fünf nach zwölf und das nicht nur in der Bildungspolitik!

Mira N. 10.10.2013 - 10:32:39

@Herr Weber

Sehr geehrter Herr Weber, auch wenn Sie so nicht heißen. Ich als Mutter zweiter Kinder teile voll und ganz Ihre Meinung. Leider wurde über viele Jahre mit der Rückstellung der Kinder nicht ordentlich umgegangen, Es wurden die Kinder so hingeschoben, dass es auch mit der Klassenstärke für die Eröffnung einer Klasse passt. An was hierbei nicht gedacht wurde und auch nicht weiter gedacht wird, sind die Kinder. Nicht jedes Kind wird studieren. Das heißt, dass Kinder mit 15 Jahre eine Lehre aufnehmen müssen. Aus meiner eigenen Erfahrung - man findet kaum ein Betrieb / eine Firma, die solche junge Leute eine Chance bieten. Über die Folgen muss ich hier nicht berichten. Das von Frau Münch nichts anderes zu erwarten war - wem wundert dies noch?? Vorschlag: Kinder müssen bis zum 7. Lebensjahr eingeschult werden. Dann kann man je nach Entwicklungsstand entscheiden, ob mit 6 oder 7 das Kind eingeschult wird. Herr Weber - ich wünsche Ihnen Kraft und Zuversicht und für Ihre Kinder alles Gute.

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