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Am Wochenende beginnen in der Wuhlheide elf neue Kinder mit der Ausbildung / Seit dem Missbrauchsskandal wurde einiges verändert

Parkeisenbahn versucht den Neustart

© Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 10.10.2013, 07:24 Uhr
Berlin (MOZ) Ein Jahr nach der letzten Verurteilung eines ehemaligen Parkeisenbahners wegen Missbrauchs wirbt der Verein in der Wuhlheide wieder um Nachwuchs. Mit festangestellten Pädagogen und mehr Transparenz soll der Neustart gelingen.

Alles hört heute auf Jannis Kommando. Erst als der Neunjährige mit der rotschwarzen Mütze die Kelle hebt und kräftig in die Trillerpfeife pustet, setzt die Schmalspurbahn ihre Fahrt fort. "Vorher durfte ich schon die Schranke hochkurbeln", berichtet Jannis begeistert. "Das ist schon alles spannend hier", sagt auch seine Mutter. Eigentlich wollten beide ins nahe Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ). Dann entdeckten sie den Aushang mit der Aufforderung, bei den Hobby-Eisenbahnern reinzuschnuppern. Ob sie ihren Sohn auch im Verein anmelden würde? "Eher nicht. Wir wohnen zu weit weg", sagt Yvon Wiegmann. Es klingt ein wenig erleichtert. Denn auch die Mutter aus Weißensee hat von dem Missbrauchsskandal gehört, der das Idyll in der Wuhlheide erschütterte. Sie ist an diesem Vormittag die einzige, die die Einladung zum "Schnuppertag bei der Parkeisenbahn" annimmt.

Mathias Thalheim macht sich dennoch keine Sorgen um Nachwuchs. "Wir starten am Wochenende mit elf neuen Kindern in die Ausbildung", sagt der 26-Jährige. Die Stühle in seinem kleinen Büro sind nagelneu. Seit Juni ist der Pädagoge auf der Anlage, um die Weichen der Kinder- und Jugendeinrichtung neu zu stellen. 2014 will der Senat sein Konzept sehen, das Missbrauch unmöglich machen soll. Inzwischen müssen alle Mitarbeiter ein Führungszeugnis vorlegen. Präventionsschulungen sind für Kinder wie Erwachsene Pflicht. Es gibt eine Kinderschutzbeauftragte, und kein Kind darf mehr alleine mit einem Erwachsenen auf Bahnhöfen oder Stellwerken bleiben.

Alle vier bis sechs Wochen trifft sich Thalheim, der vorher als Erzieher in einer Grundschule in Wedding gearbeitet hat, mit Vertretern des Senats und des Bezirksamtes und berät, was verändert werden muss. Er und eine weitere Pädagogin, deren Stelle noch unbesetzt ist, soll die nötige Professionalität in die sonst nur von Ehrenamtlichen geführte Einrichtung bringen. Sieben Männer hatten in der Vergangenheit die undurchsichtigen und hierarchischen Strukturen genutzt, um Schutzbefohlene gefügig zu machen. Manche kamen mit Bewährung davon. Die höchste Strafe erhielt im Juni 2012 ein Ex-Bahnhofsleiter. Er muss für drei Jahre und neun Monate in Haft.

"Es ist wichtig, dass die Kinder Mitspracherecht haben", sagt Thalheim. Er will auch die Gruppenarbeit ausbauen. Doch viele der Neuerungen stießen gerade bei den Kindern auf wenig Gegenliebe. So seien aus den Freizeitreisen, auf denen es ebenfalls sexuelle Übergriffe gegeben hat, inzwischen Ausflüge geworden. "Die Kinder würden aber gerne übernachten. Das ist aber momentan ausgeschlossen", erklärt der Pädagoge. Auch die Dienstzeiten der Kinder und Jugendlichen hat er von acht auf viereinhalb Stunden reduziert.

Nick aus Hellersdorf würde gerne längere Schichten arbeiten. "Man ist zwar abends kaputt, aber es macht Spaß", sagt der 13-Jährige aus Hellersdorf. Während der Zug mit den schmalen Holzsitzen durch den Wald tuckert, verkauft der Junge in der blauen Bahner-Uniform Fahrkarten an zugestiegene Familien. Am S-Bahnhof Wuhlheide, wo die Lok regelmäßig mit Hilfe einer Fernbedienung über eine Nebengleis an das andere Ende der Bahn rangiert wird, zieht der Junge eine Warnweste über, um die Bremsen zu kontrollieren. Noch in diesem Jahr will er die Prüfung zum Fahrdienstleiter 1 machen. "Dann darf ich auch ein Stellwerk bedienen", erklärt er nicht ohne Stolz.

Noch immer können sich Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 21 Jahren bis zum Bahnhofsleiter hocharbeiten. "Die hierarchischen Strukturen kann man bei einer Bahn nie ganz auflösen", sagt Heiko Copius. Der Kriminalist aus Berlin hat sich nach dem Skandal ehrenamtlich als einer der drei neuen Geschäftsführer zur Verfügung gestellt. Auch, weil er selbst als Kind Ende der 70er Jahre bei der damaligen Pioniereisenbahn eine schöne Zeit hatte. "Für mich war das ein sicherer Hort, mit Menschen, die sich gekümmert haben", erinnert sich Copius. Zu DDR-Zeiten habe es auf jedem Bahnhof einen hauptamtlichen Pädagogen gegeben. Die Strukturen, in denen Leute mit pädophiler Neigung ihre Chance gesehen haben, seien erst nach der Wende entstanden. Doch Strenge und Zwänge sollen nun Geschichte sein. "Wir haben hier inzwischen eine große Achtsamkeit geschaffen", versichert Copius.

Die neue Transparenz ist auch greifbar. Der jüngst sanierte Bahnhof Eichgestell besteht fast nur noch aus Glas. Von draußen kann jeder sehen, wie Jannis dort den Lautsprecher-Knopf drückt, um den nächsten Zug anzusagen. Danach darf der blonde Junge die Zeiten in ein Fahrtenbuch eintragen. "Eigentlich ist es schön, dass es das hier alles noch gibt", meint seine Mutter nachdenklich. Irgendwie sei man vor Missbrauch nie ganz gefeit. "Wenn es nicht der Parkeisenbahner ist, dann ist es vielleicht der Sportlehrer", sagt sie nachdenklich.

Die Berliner Parkeisenbahn wurde 1956 als Pioniereisenbahn auf dem Gelände des heutigen Freizeit- und Erholungsparks (FEZ) in der Wuhlheide eingeweiht. Die Schmalspurbahn mit acht Bahnhöfen und einer Spurweite von 60 Zentimetern befährt eine Strecke von sechs Kilometern und wird größtenteils von Kindern und Jugendlichen betrieben. In ihrer Freizeit müssen sie dafür eine Ausbildung absolvieren. Seit der Wende wird die Bahn von einem gemeinnützigen Verein geführt. 2011 wurde bekannt, dass es in den vergangenen Jahren zu Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Parkeisenbahner gekommen ist. Es gab insgesamt vier Prozesse mit sieben Angeklagten. Momentan hat der Verein 160 Mitglieder, 57 davon sind unter 18 Jahre alt.(neu)

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