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Auf neu eröffneter Landmanufaktur huldigen Yvonne und Mathias Tietze seiner Majestät - dem Apfel

Königin von Biesenbrow

Berühmte Handbewegung: Jeden Tag muss Yvonne Tietze einmal jede Flasche berühren und ein Stückchen weiterdrehen. Mindestens zwölf Monate gärt der Apfel-Cremant in den Flaschen.
Berühmte Handbewegung: Jeden Tag muss Yvonne Tietze einmal jede Flasche berühren und ein Stückchen weiterdrehen. Mindestens zwölf Monate gärt der Apfel-Cremant in den Flaschen. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Oliver Schwers / 16.10.2013, 07:45 Uhr
Biesenbrow (os) Eine Königin hat das Dorf Biesenbrow seit wenigen Tagen. Unter diesem Namen nahm eine Landmanufaktur ihren Betrieb auf. Ihr Zepter ist der Apfel. Aus der aromatischen Frucht entsteht ein erlesener Sekt, der sich Apfel-Cremant nennt. Ein königliches Produkt für Gourmets.

"Gold aus Biesenbrow", der "Edle von Biesenbrow", "Sternenhimmel über Biesenbrow" - so romantisch klingt die Liebe zu einem Dorf. Yvonne und Mathias Tietze sind verliebt. Nicht nur ineinander, sondern in eine unsterbliche Landschaft und ein typisches Landleben. Und so verewigen die beiden zugezogenen Berlinflüchtlinge ihre Wahlheimat auf Flaschenetiketten. Darinnen steckt zum Beispiel die "Schöne von Biesenbrow". Die Schöne heißt eigentlich Ingrid Marie und ist eine Apfelsorte. In der Landmanufaktur bleibt der aromatische Charakter der runden Köstlichkeit nicht nur als Saft, sondern vor allem als Wein erhalten. Ab 2014 verlassen die Flaschen mit den wohlklingenden Namen die Manufaktur, um sich auf dem Gourmet-Markt zu behaupten.

"Esst weniger und dafür besser", ruft Mathias Tietze den deutschen Verbrauchern zu. Normalerweise hat der 41-Jährige überhaupt nichts mit Äpfeln, Weinen und Säften zu tun. Stattdessen tummelt er sich in seinem Arbeitsleben auf Baustellen herum. Seine Planungsgesellschaft verwandelt hässliche Plätze in Städten, lässt moderne Architektur einziehen und hat den Marktberg in Prenzlau verändert.

Vor Lärm, Stress und der Anonymität der Großstadt floh der Bauingenieur mit Frau Yvonne und Kindern 2009 in die Uckermark. "Wir wollten den Kindern die Möglichkeit geben, ländliches Leben kennenzulernen." Das spielt sich jetzt in einem umgebauten und zuvor lange leer stehenden Bauernhaus in Biesenbrow ab. Der riesige Hof ist ein Naturparadies mit Hunden, Katzen und Federvieh. Und eine Huldigung an das Obst der Uckermark. "Der Apfel wird immer noch unterbewertet", behauptet Mathias Tietze.

Und wenn sich die Neu-Biesenbrower einmal in eine Idee verbissen haben, dann lassen sie so schnell nicht los. Eigentlich wollten beide etwas Eigenes und Bleibendes produzieren. Schließlich stand auch der alte Stall auf dem Hof leer. Und so experimentierten sie mit einem Weinballon herum. Der schien zu schmecken. "Wenn wir Wein hinkriegen, kriegen wir auch Sekt hin", forderte der Optimist in ihnen. Schon war die Idee geboren. Wer kostete, gab ihnen recht. Und schon gings weiter: Eigener Anbau, selbst pflücken, nachweisbare Herkunft, schonender Umgang mit dem Obst, Direktvermarktung. "Wir wollen auf dem wahnsinnig gewordenen Konsummarkt ein Zeichen setzen", lautet ihre Kampfansage an Billig und Co.

Das Zeichen ist das Aushängeschild, die eigentliche Königin: Ein Apfel-Cremant, hergestellt in 15monatiger traditioneller Flaschengärung, auf Champagnerhefe gereift, angeboten als Brut oder Feinherb. Die ersten Flaschen sind im Mai 2015 verkaufsfertig. So lange muss Yvonne Tietze jeden Tag einmal die berühmte Drehbewegung in den Lagerregalen machen und jede Flasche berühren. "Interessant, wo die Reise hingeht", sagt Ehemann Mathias. Denn den Geschmack kann man nun mal nicht vorwegnehmen.

Tatsächlich steckt im Apfel mehr als gemeinhin angenommen. Zur relativ unspektakulären Eröffnung der Landmanufaktur in Biesenbrow ließen Tietzes die Besucher von ihren sortenreinen Säften kosten. Die Verblüffung war ihnen sicher. Schon die Farbvielfalt verriet den ungeheuren Aufwand. Alle Früchte werden handverlesen, schonend pasteurisiert und direkt in 0,25-Liter-Flaschen abgefüllt. "Wir haben uns 800 Apfelbäume an den Straßen angesehen und verkostet", erzählt Yvonne Tietze. Und viel Erfahrung gewonnen. Jetzt entsteht eine eigene Apfelplantage mit 2500 Bäumen aus 100 Sorten in Biesenbrow.

Wer den königlichen Saft - die Flasche kostet 2,50 Euro - genießt, weiß am Ende, dass keine einzige Faulstelle mit in die Presse ging. "Wir wollen ein Genussprodukt", sagt Mathias Tietze. Und diesen Anspruch erhebt die neue Manufaktur für alle Erzeugnisse. Nach dem Start wird die Produktion von Angestellten übernommen. Auch der Verkauf über Wochenmärkte, Hotels und gehobene Gastronomie. Die Ideengeber widmen sich dann neuen Aufgaben. Ihnen schwirrt der Kopf voller Fantasie.

In ihrem Silicon Valley - ein modern eingerichteter Büroteil im alten Stall - schmieden sie Pläne. Nur wenige Meter weiter entsteht derzeit das Pferdehotel, ebenfalls Bestandteil der Manufaktur. Es soll Gäste ins Dorf ziehen. An den Wänden des Planungsbüros hängen Entwürfe, Projekte, ausgefallene Ideen. "Wir wollen Dinge neu entwickeln, wir glauben daran und fahren nicht dreimal im Jahr in den Urlaub", erklärt Mathias Tietze die Familienphilosophie.

Für die Sektkellerei, die sich nicht so nennen darf, nutzten sie ausschließlich eigenes Kapital und den alten Gewölbekeller, jedoch keine Fördermittel. Zum Wirtschaftswunder wird die neue Königin ohnehin nicht beitragen. Aber der Name des Dorfes dürfte zumindest den Liebhabern edler Apfelweine bald bekannt sein.

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