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20 Jahre Barnim - 20 Jahre Migration zeigt Lebendigkeit der Nationalitäten, aber auch Probleme auf

Nachdenkliche Jahrfeier

Der Ton macht die Musik: Sequenz heißt die Eberswalder Band die am Tag der Begegnung Lieder der Rockoper "Meister und Margarita" darbot. Eingeladen hatte der Barnimer Beirat für Migration und Integration, um an 20 Jahre Migration zu erinnern. 285 Asylbewe
Der Ton macht die Musik: Sequenz heißt die Eberswalder Band die am Tag der Begegnung Lieder der Rockoper "Meister und Margarita" darbot. Eingeladen hatte der Barnimer Beirat für Migration und Integration, um an 20 Jahre Migration zu erinnern. 285 Asylbewe © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Andrea Linne / 17.10.2013, 04:12 Uhr
Eberswalde (MOZ) Lebensfrohe Gesänge aus Vietnam, süße Speisen aus Asien, aber auch nachdenkliche Worte skizzierten den Tag der Begegnung innerhalb der interkulturellen Woche im Barnim. "20 Jahre Barnim - 20 Jahre Migration" hieß es am Dienstagabend im Paul-Wunderlich-Haus.

Im Foyer die Ausstellung "Bruderland ist abgebrannt" wies gleich den Weg auf die schwierige Betrachtung. Zeigt die Schau doch in Ausschnitten das Leben von ehemals 90 000 Vertragsarbeiten aus Kuba, Vietnam, Nordkorea, China, Angola, Algerien, Ungarn und Polen in der DDR und nach dem Mauerfall. Zwar macht die Exposition nicht gerade einen zeitgemäßen Eindruck, dennoch bildet sie in Bildern und Erinnerungstexten sehr viel Persönliches aus dem Leben von Ausländern in Deutschland ab. Bis zum 31. Oktober ist sie im Paul-Wunderlich-Haus zu sehen.

Eine Schautafel ist auch dem jungen Angolaner Amadeu Antonio gewidmet, der am 25. November 1990 in Eberswalde totgeprügelt wurde. Sein Name gilt als Symbol. Sein ehemaliger Freund und Vereinsvorsitzender von Palanca in Eberswalde, John Munjunga, saß mit im Podium, als sich eine von Péter Vida geführte Diskussion entspann.

"Er ist gestorben wegen seiner Hautfarbe, einen anderen Grund gibt es nicht", sagte der Angolaner, der 1987 als Vertragsarbeiter nach Eberswalde kam. "Es war der Beginn für uns, zu kämpfen gegen Rassismus." Er beschreibt, wie oft die Farbigen am Bahnhof Eberswalde von der Polizei kontrolliert wurden, wie vieler Gespräche es bedurfte, um der Kriminalisierung zu begegnen. In Restaurants wurden Schwarze nicht bedient. Eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, war fast unmöglich. Der Weg über die Heirat war oft der letzte Ausweg. Und doch sagt Munjunga heute: "Eberswalde ist meine Heimat."

Dass der Weg weit ist, aber Veränderungen auch anerkannt werden müssten, das betonte Mohamed Hamdali, der sich als "Wahl-Barnimer" bezeichnet. "Ist Integration gelungen, dann sage ich nicht Ja. Ist Integration gescheitert? Dann sage ich nicht Ja", machte der Mitbegründer des Ausländerbeirates im Barnim deutlich. Auch wenn sich viel getan habe in Sachen Eingliederung und Akzeptanz verschiedener Glaubensrichtungen oder Nationalitäten, es fehle noch immer an wichtigen Zugangsmöglichkeiten der Teilhabe. Ob das die Arbeit in Ämtern und Behörden sei, die für Ausländer im Barnim noch immer fast unzugänglich ist, oder ein Miteinander auf Augenhöhe. "Wir brauchen Verbindlichkeiten auf allen Ebenen", sagte Hamdali.

Dass dies nicht immer einfach sei, machte Sylvia Ulonska, die Barnimer Sozialdezernentin deutlich. So würden Asylbewerber nicht immer freiwillig die Deutschkurse besuchen, die der Barnim für alle 285 neuen ausländischen Bewohner des Barnim in diesem Jahr anbietet. Auch in den Kommunen sei es oftmals schwer, das Verständnis dafür zu gewinnen, Wohnungen zur Verfügung zu stellen. In Wohnverbünden wie im Brandenburgischen Viertel leben - betreut von Vereinen und Landkreis - die Asylbewerber mit Familien. Kinder würden sich beinahe unkompliziert in den Schulen und Kita einleben, so Ulonska. Da brauche es kaum administrative Unterstützung.

Zurzeit sucht der Kreis in Oderberg nach geeigneten Wohnungen, Bernau ist seiner Verpflichtung noch nicht nachgekommen. Dass für jeden einzelnen Asylbewerber Mietverträge zu unterzeichnen sind, das beschere Ulonska reichlich Arbeit. "Ist das nötig?", fragte die Sozialdezernentin.

Sich für die Nachbarn zu interessieren, ihre Ängste auch ernst zu nehmen, daran appellierte Margitta Mächtig, die Barnimer Landtagsabgeordnete der Linken. Die Biesenthalerin bedauerte auch das Fehlen der meisten Bürgermeister des Kreises. Nur Uwe Schoknecht aus Schorfheide und Ortsvorsteher Carsten Zinn aus dem Brandenburgischen Viertel waren gekommen.

Wie bunt das Leben der Ausländer dennoch ist, machte die Vorsitzende des Migrations- und Integrationsrates im Land, Diana Sandler, deutlich. Allein im Bernauer Kultur- und Beratungszentrum in der Berliner Straße 52 c träfen sich mehr als 3000 Menschen verschiedener Nationalitäten und Glaubensrichtungen. Der Jüdischen Gemeinde Barnim gehören mehr als 400 Menschen an. Im Klub Stern sind regelmäßig 150 Kinder und Jugendliche anzutreffen. Pastorin Beatrix Spreng, die im Beirat des Althüttendorfer Flüchtlingsheims mitarbeitet, würdigte den Wandel im Umgang mit Flüchtlingen. Aber auch heute dürfte vieles noch nicht ausgesprochen werden - aus Furcht vor Stigmatisierung.

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