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Historiker Tim Buchen organisiert eine interdisziplinäre Tagung über den demografischen Wandel

Gegenbild zur Endzeitstimmung

Seit einem Jahr an der Viadrina: Tim Buchen arbeitet am Zentrum für interdisziplinäre Polenstudien.
Seit einem Jahr an der Viadrina: Tim Buchen arbeitet am Zentrum für interdisziplinäre Polenstudien. © Foto: MOZ/Frauke Adesiyan
Frauke Adesiyan / 22.10.2013, 07:05 Uhr
Frankfurt (MOZ) An den drei Fakultäten der Europa-Universität lernen über 6700 Studenten. Rund 70 Professoren und deren Mitarbeiter forschen in ihren Fachgebieten. In der Reihe "Woran ich arbeite" berichten wir jede Woche aus dem wissenschaftlichen Alltag der Viadrina.

Wie geht es den Alten in Deutschland? Und wie ihren Altersgenossen in Polen? Trifft das häufig projizierte Bild der verbitterten, einsamen Oma, die zu Hause sitzt und jeden Cent umdrehen muss zu? Glaubt man der Generali Altersstudie, muss an diesem Vorurteil einiges korrigiert werden. 71 Prozent der Bürger über 65 Jahren sind völlig zufrieden mit ihren sozialen Kontakten. Selbst die 80- bis 85-Jährigen sind an vier von sieben Tagen unterwegs. Fast die Hälfte der Alten bringt sich mit bürgerschaftlichem Engagement ein. "In der Diskussion um eine überalterte Gesellschaft darf man nicht von einer abgehängten Gruppe ausgehen, die versorgt werden muss", korrigiert Dr. Tim Buchen ein Vorurteil. Flexibel, mobil und engagiert, so sind viele Alte von heute. Für eine Endzeitstimmung gebe es keinen Grund.

Für die Tagung über demografischen Wandel in Polen und Deutschland, die am Donnerstag im Logenhaus stattfinden wird, bereitet sich der Mitarbeiter des Zentrums für interdisziplinäre Polenstudium (ZIP) auf eine Gesprächsrunde über das Altwerden vor. Die Vorstellung der Generali-Studie wird einen Teil ausmachen, auch eine Untersuchung über die gleiche Altersgruppe in Polen wird vorgestellt. Das Markenzeichen des Zentrums und damit auch der Tagung: Großer Wert wird auf interdisziplinäre Ansätze gelegt. In drei Gesprächsrunden geht es neben den Altersstudien auch um eine historische Sichtweise auf Migration nach dem zweiten Weltkrieg und um Probleme heutiger Migration. Dabei kommt beispielsweise ein Wissenschaftler zu Wort, der sich mit sogenannten Eurowaisen beschäftigt, also mit Kindern die über lange Zeit ohne Eltern aufwachsen, weil diese in andere Länder gehen, um mehr Geld zu verdienen.

Von den verschiedenen Perspektiven erhofft sich der Historiker Buchen profunde Einblicke in das Phänomen demografischer Wandel. "Die Geschichte zeigt, dass es schon viel tiefere Einschnitte gegeben hat", gibt er ein Beispiel. Er wolle nicht behaupten, die Situation mit einer immer älter werdenden Bevölkerung sei prima. "Aber sie ist viel weniger katastrophisch als dargestellt", findet er. Der Holzhammerantwort, es brauche einfach eine höhere Geburtenrate, würde er gern differenziertere Sichtweisen gegenüberstellen. "Auch wenn in strukturschwachen Regionen wie Ostbrandenburg oder Lubuskie mehr Kinder geboren würden, heißt das ja noch nicht, dass weniger in die Ballungsräume abwandern", erklärt er eine seiner Überzeugungen.

Auch die Studien, die in seiner Gesprächsrunde vorgestellt werden, vereinen mehrere Ansätze. Zum einen fragte man die Rentner nach ihrem Befinden. Diesen subjektiven Eindruck glich man dann mit objektiven Daten wie dem Einkommen ab. "Es ist doch spannend, wenn man immer wieder über das Rentenniveau diskutiert, in so einer Studie aber herauskommt, dass den älteren Bürgern ihre Gesundheit und gesellschaftliche Integration viel wichtiger ist", führt Buchen aus.

Zu welchen Ergebnissen diese Interdisziplinarität führen kann, hat die erste Tagung des Zentrums gezeigt, die sich vor einem Jahr um die Arbeitnehmerfreizügigkeit drehte. Damals kamen unter anderem Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Kulturwissenschaftler zusammen, um über die Chancen und Probleme der neuen Regelungen zu sprechen. "Sie alle landeten bei dem Problem der Sprache", erinnert sich die Leiterin des ZIP, Dr. Dagmara Jajesniak-Quast. Bei der Publikation, die nun zu diesem Thema erscheinen wird, nimmt der Beitrag eines Wissenschaftlers, der sich genau mit diesem Problem beschäftigt entsprechend großen Raum ein. "Ich bin schon gespannt, zu welchen Ergebnissen wir diesmal kommen werden", beschreibt die Zentrumsleiterin ihre Vorfreude. Tim Buchen erhofft sich, dass jeder Teilnehmer Neues mitnehmen kann. "Wenn man danach neue Aspekte in Betracht zieht, hat es sich gelohnt", findet er.

Die Tagung ist öffentlich. Sie läuft an diesem Donnerstag von 13 bis 20 Uhr im Logenhaus. Anmeldung per E-Mail unter klodnicki@europa-uni.de.

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