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Seine Wahl war spektakulär, seine Amtszeit aufregend: Walter Kotzian seit fünf Jahren Bürgermeister von Pinnow

Der Bürgermeister, der nicht nein sagen kann

Einige graue Haare mehr: Walter Kotzian stellt sich nächstes Jahr wieder zur Wahl.
Einige graue Haare mehr: Walter Kotzian stellt sich nächstes Jahr wieder zur Wahl. © Foto: privat
Cornelia Hendrich / 19.11.2013, 07:30 Uhr
Pinnow (MOZ) Seine Wahl zum Bürgermeister war spektakulär und einmalig in der Uckermark. Immer wieder gab es bei der Wahl Gleichstand, ein Bürger musste letztlich ein Los ziehen - und so wurde Walter Kotzian Bürgermeister. Das ist jetzt fünf Jahre her. Seitdem hätte er vor allem viele schlaflose Nächte gehabt, erzählt er.

Bei der Kommunalwahl hatte keiner der Bewerber die ausreichende Mehrheit bekommen. Eine Stichwahl folgte und, höchst ungewöhnlich, die Pinnower Bürger stimmten tatsächlich mit 254 zu 254 Stimmen für die beiden Kandidaten. Man sah ein Dorf völlig verblüfft. Was nun? Nachlesen im Regelwerk, die Gemeindevertreter sollten also den Bürgermeister bestimmen. Auch auf deren Sitzung ein paar Tage später ein Patt, fünf zu fünf Stimmen. So kam es zum Losentscheid. Etliche Zuschauer hatten sich zu der spektakulären Gemeindevertretersitzung eingefunden, so viele, wie sicher noch nie teilgenommen hatten. Wer will?, wurde gefragt, und ein Bürger meldetet sich. Er zog dann das Los für Walter Kotzian.

"Das war aufregend", sagt Walter Kotzian heute, fünf Jahre später. Und auch, dass er nicht geahnt hätte, was auf ihn zukommt. "Ich habe damals mitgemacht, weil ich im Dorf etwas bewegen wollte. Ich wusste, das wird ein Abenteuer."

Denn Pinnow liegt dem 58-Jährigen am Herzen, hier ist er aufgewachsen, hier ist er zur Schule gegangen. Erst später, nach der Wende kehrte er aber zurück. Als Geräteturner war er kurz auf der Sportschule in Frankfurt gewesen, arbeitete dann zu DDR-Zeiten als KfZ-Schlosser in Schwedt. Beim Jugendtanz in der Papierfabrik lernt er seine Frau kennen. "Am 23. September 1969", sagt er wie aus der Pistole geschossen. Ein Mann, der den Tag des Kennenlernens auch 44 Jahre später sofort weiß, das würden sich wohl alle Frauen wünschen.

Eine Tochter haben die beiden, nach der Wende hat er als Kraftfahrer gearbeitet. Dann ging er zur Stadtverwaltung Schwedt, wo er in der Abteilung Kommunalstraßen vor allem für die Wartung der Technik zuständig ist, er hilft aber auch mal beim Winterdienst. Seine Eltern waren 1965 von Pinnow nach Schwedt gezogen, denn die Familie mit den sechs Kindern bekam dort eine schöne Wohnung und die Eltern beide Arbeit.

Und auch Walter Kotzian wohnte weiter in Schwedt, auch nach der Wende. Doch irgendwann sagte er sich, ein Haus wäre doch toll, vielleicht mit Tochter, Enkel und Großvater zusammen, vielleicht in seiner alten Heimat Pinnow. Und so machte er es. 1998 kam er ins Dorf zurück, wohnte mit der ganzen Familie in einem Haus. Bis die Kinder gute Arbeit in Berlin fanden und dort in die Nähe zogen. "Das ist schwer gewesen. Die Kinder waren weg", sagt er sehr traurig. Dabei hatte er doch extra für die Enkel einen Swimmingpool gebaut, ein Trampolin in den Garten gestellt. "Meinen Urlaub habe ich immer in den Ferien genommen, ohne jede Diskussion. Für die Kinder." Er ist ein Familienmensch, das merkt man.

Genauso ist ihm aber das Dorf wichtig, seine Heimat. "Es ist mein Geburtsort, ich wollte mich einbringen. Ich bin agil, kann gut organisieren", sagt er. Seit 2003 saß er deshalb in der Gemeindevertretung, erst zugehörig zur SPD-Fraktion. "Dann fanden sich ein paar Leute, wir wollten etwas tun für Pinnow." Deshalb trat er 2008 in die CDU ein. Parteigrenzen waren ihm eigentlich immer eher unangenehm. "Nach meiner Wahl wollte ich der Bürgermeister für alle sein, über die Parteien hinweg." Doch das sei nicht so leicht gewesen.

Walter Kotzian ist harmoniesüchtig, sagen einige. Schlagen die Wellen in der Gemeindevertretung hoch, die Streitenden werden lauter, ist er es, der eingreift. "Also", sagt er dann ganz ruhig, "wir haben hier die Meinung und die Meinung, und vielleicht kann man sich irgendwo in der Mitte treffen."

Er habe das Amt des Bürgermeisters unterschätzt, sagt er heute. "Ich habe nicht gewusst, wie belastend das sein kann." Er habe Nächte nicht geschlafen, weil er sich Gedanken über eine Sache gemacht habe. Gerade in den Anfangsjahren habe es auch viel Streit, ja Stillstand gegeben. Der Druck habe sich auch gesundheitlich bei ihm ausgewirkt.

Die Frontline in Pinnow war dabei immer die SPD, die den Amtsdirektor stellt, gemeinsam mit der Linken, gegen die CDU, die den Bürgermeister stellt. "Dass auch langjährige Freundschaften daran zerbrechen oder einfach nicht mehr so sind wie früher, das hätte ich nicht gedacht", sagt Walter Kotzian. Noch immer sei einiges zu verbessern. So wünschten sich die Bürger eine Verwaltung, bei der sie ihre Sorgen besser loswerden können und die für die Gemeinde da ist, sagt er.

Seine Ziele, die er vor fünf Jahren hatte, hat er erreicht. "Ein Dorf ohne Schule und Kita ist ohne Leben", sagt er. Beides konnte in Pinnow erhalten werden. Sein großes Projekt war die Gründung eines Dorfgemeinschaftsvereins, bei dem wirklich alle Vereine gemeinsam mitmachen. Heute hat der Verein fast 100 Mitglieder und mit Jan Teut sogar einen Sponsor. Zudem konnte ein Allgemeinarzt angesiedelt werden, die Gemeinde übernimmt für ihn die Mietkosten. "Wir haben jetzt Schule, Kita, Arzt, funktionierende Vereine und Betriebe, hier kann man sich niederlassen", sagt Walter Kotzian.

Und er - kümmert sich und kümmert sich. Ein Anruf und Walter Kotzian kommt. Egal, ob das Auto liegengeblieben ist, er kann es reparieren. Vor zwei Wochen stand er sonntags auf dem Feld, um jemanden den Trecker wieder heil zu machen. Egal, ob Oldtimer-Treffen, beim Angelverein, Feste vorbereiten, dem neuen Arzt Pinnow zeigen, Ringsprecher beim Schwedter Boxen, er ist immer dabei, scheint einen 48-Stunden-Tag zu haben. "Ich sage ja immer, ich habe einen Sprachfehler. Ich kann nicht nein sagen", sagt er. Das bestätigen seine Freunde. Seine Frau ist gutmütig und fragt höchstens vorsichtig, wann er mal wieder zu Hause sei. Zur nächsten Bürgermeisterwahl im Mai tritt er wieder an. "Jetzt habe ich die Erfahrung, jetzt weiß ich, wie man die Leute anpacken muss."

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