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Kinder von Krätze befallen: Mutter fordert bessere Aufklärung

Der Erreger der Skabies ist die Krätzmilbe. Sie paart sich an der Oberfläche der Haut. Die weibliche Krätzmilbe gräbt dann Gänge in die Hautschicht. Dort legt die Milbe Eier ab, aber auch kleine Kotballen. Das führt dazu, dass sich die Haut entzündet.
Der Erreger der Skabies ist die Krätzmilbe. Sie paart sich an der Oberfläche der Haut. Die weibliche Krätzmilbe gräbt dann Gänge in die Hautschicht. Dort legt die Milbe Eier ab, aber auch kleine Kotballen. Das führt dazu, dass sich die Haut entzündet. © Foto: MZV
Burkhard Keeve / 15.11.2017, 18:49 Uhr
Oranienburg (OGA) Marie Keller (Name geändert) und ihre drei Kinder haben harte Tage hinter sich. Voller Kratzen, Jucken und Ärger. Schuld sind winzige Spinnentierchen, die auf dünne, feuchte Hautstellen stehen, sich eingraben und Eier und Kot ablegen - Krätzmilben.

Als ihr Sohn Max es am Freitag nicht mehr aushielt und sich die juckenden Hautstellen auf seinem Körper immer mehr ausbreiteten, wusste seine Mutter keinen anderen Rat mehr und fuhr ihn in die Rettungsstelle des Oranienburger Krankenhauses. "Ich habe erst gedacht, er hat Windpocken. Dort waren sie sich so gut wie sicher, dass er die Krätze hat", sagt seine Mutter. Keine Allerweltskrankheit, doch nicht gefährlich, aber unangenehm für alle in der Familie. "Das ist mit Scham besetzt, wie bei Läusen", sagt Marie Keller. "Keiner will so etwas haben und darüber sprechen will auch niemand."

Um sich die Diagnose bestätigen und behandeln zu lassen, gingen sie am Montag schließlich noch zu weiteren Ärzten. Doch für sie bedeutete das zusätzlichen Ärger. Nach der bestätigten Krätze-Diagnose durch den Hautarzt, erhielt sie das Rezept für eine Creme und Hinweise, wie sie diese anzuwenden hat. "Man muss die befallenen Stellen, am besten den ganzen Körper, damit einschmieren, lange einwirken lassen. Dann abspülen." Soweit fand Marie Keller alles okay. Dass ihr Sohn am nächsten Tag schon wieder zur Schule gehen sollte und daher auch keine Krankschreibung erhielt, verstand sie nicht. "Das ist doch nicht sofort alles weg. Es juckt und nässt noch viel länger. Die Kinder sehen schlimm aus, im Gesicht und am Körper."

Übers Wochenende hatten sich auch die kleineren Geschwister von Max die Krätze eingefangen und kämpften mit Hautausschlägen und böse juckenden Stellen. Um ihnen das Gespött in der Schule und der Kita zu ersparen, ließ Marie Keller ihre Kinder auch nach der Salben-Behandlung zu Hause. Um die Tierchen loszuwerden, schaffte sie sogar neue Matratzen an, warf die alten weg und "auch die Teppiche sind rausgeflogen", sagt Marie Keller.

Sie rief Schule und Kita an und riet zur Aufklärung. Auch einige Eltern der engsten Freunde ihrer drei Kinder benachrichtigte sie. "Krätze ist doch meldepflichtig. Ich glaube allerdings, dass viele die Symptome mit Neurodermitis oder mit der Hand-Mund-Fuß-Krankheit verwechseln und nicht richtig reagieren und ihre Kinder dennoch in die Schule schicken." Sie hält auch die kurze Behandlung für falsch - mit fatalen Folgen. "Das kann so zu einer richtigen Epidemie werden", ärgert sich Marie Keller.

Doch Oberhavels Amtsarzt Christian Schulze beruhigt. "Es gibt tatsächlich einen erheblichen Informationsbedarf bei Krätze und auch bei Läusen. Beide sind sehr stark schambesetzt, weil sie als Schmuddelinfektionen gelten." Doch letztlich sei Ursache der parasitären Hautkrankheit Skabies, die im Volksmund Krätze genannt wird, nicht eindeutig, so Amtsarzt Schulze. Es könne jeden treffen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Beruf.

Allerdings sei Krätze "keine meldepflichtige Infektionskrankheit", erläutert Oberhavels Amtsarzt. Nur wenn Fälle gehäuft in Sammeleinrichtungen wie Altenheime, Kindergärten und Schulen vorkommen, müsse das Gesundheitsamt eingeschaltet werden. Diese Verpflichtung gilt aber erst nach der letzten Gesetzesänderung im Sommer dieses Jahres.

Auch von einer Epidemie sieht Christian Schulze keinerlei Anzeichen. "Es kann natürlich gefühlt so sein, dass Läuse und die Krätze immer lästiger werden - belegen lässt sich ein Anstieg aber nicht." Die Anzahl der registrierten Skabies-Fälle liege auf Vorjahresniveau (siehe Kasten rechts).

In diesem Jahr habe es beispielsweise einen Ausbruch von Krätze in einem Altenheim in Oberhavel gegeben. Tatsächlich betroffen waren 25 Bewohner, außerdem habe es 75 Verdachtsfälle gegeben, so Christian Schulze. "Wir haben dort dann intensiv beraten."

Schließlich nimmt Schulze auch die Ärzteschaft in Schutz. Eine Krätze-Diagnose sei nicht leicht, aber die fünf Hautärzte, die es in Oberhavel gebe, seien auf jeden Fall in der Lage, derartige Fälle auch zu erkennen. Eine Verwechslung mit Neurodermitis und der Hand-Mund-Fuß-Krankheit schließt er bei Hautärzten aus. Auch die 24-Stunden-Regel nach Auftragen der Salbe sei korrekt. Die Tierchen seien nach der Behandlung abgestorben. Schulze: "Der Heilprozess der Haut dauert aber meistens länger und es bleibt oft ein ganz fieser Juckreiz."

Mittlerweile gebe es Medikamente zum Einnehmen. "Das ist eine große Erleichterung, sich nicht mehr einsalben zu müssen, gerade in Kinder- und Pflegeeinrichtungen", sagt der Amtsarzt.

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