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Nächster Halt Küchenmöbel

Andreas Dziamski steht vor seinem ehemaligen Geschäft an der Friedrich-Engels-Straße. Jahrzehntelang wurden hier Unterschränke und Ecksitzbänke verkauft. Dziamski selbst leitete den Laden von 1990 bis 2000.
Andreas Dziamski steht vor seinem ehemaligen Geschäft an der Friedrich-Engels-Straße. Jahrzehntelang wurden hier Unterschränke und Ecksitzbänke verkauft. Dziamski selbst leitete den Laden von 1990 bis 2000. © Foto: Marc Schütz
Marc Schütz / 18.12.2013, 18:53 Uhr
Neuruppin (RA) Seit mehr als dreizehn Jahren werden in der Friedrich-Engels-Straße 37c keine Küchenmöbel mehr verkauft. Trotzdem hängen über den Schaufenstern noch die alten Schilder. Zuletzt war ein Gemüseladen in dem Geschäft, das früher weit und breit der einzige Spezialhändler für Kuchenmöbel war.

Da steht er. Groß gewachsen. Kräftig. Grüne Augen. Dunkles Haar. Voller Tatendrang. Es ist der 19. März 1990. Andreas Dziamski dreht den Schlüssel im Schloss nach rechts und drückt die Tür zum Küchengeschäft in der Friedrich-Engels-Straße 37c auf. Es riecht muffig. Ein bisschen nach Keller, ein bisschen nach den Linoleum-Rollen, die in einer Ecke stehen. Das hier wird sein Reich sein. Für die nächsten zehn Jahre. Bis vor einigen Wochen war Dziamski noch Stadtrat für Sport und Erholungswesen. Jetzt ist er Verkaufsstellenleiter der Konsumgenossenschaft Küchenmöbel Neuruppin. So heißt das Geschäft offiziell.

Eigentlich ist Andreas Kuck hier noch der Chef. 1984 hatte der Neuruppiner angefangen. Im November 1988 klopft die Nationale Volksarmee an. Wehrdienst. Im Wendejahr 1990 entschließt sich Andreas Kuck schließlich für eine Anstellung im Westen. Das Küchengeschäft wird er nicht weiter führen.

Kurz vorher erzählt Kuck Andreas Dziamski beim Volleyball davon. Und der Mann mit den kräftigen Armen zählt eins und eins zusammen. Denn seinen Posten als Stadtrat, den er zu diesem Zeitpunkt gerade inne hat, wird es nicht mehr lange geben.

"Wir hatten damals zwei Besuche in unserer Partnerstadt Bad Kreuznach", erzählt er heute. Einen Stadtrat für Erholung und Sport gibt es dort nicht. "Aber wir haben immer alles kopiert, was aus dem Westen kam", sagt er.

Also muss etwas neues her, bevor es zu spät ist. Da kommt ihm der Kontakt zum Küchen-Kuck ganz recht. Und dessen Pläne, das Land Richtung Westen zu verlassen auch. "Er hat mir gesagt, dass er geht und dass ich eine Woche warten soll, falls etwas nicht klappt", sagt Andreas Dziamski. Also legt sich der Noch-Stadtrat auf die Lauer, beobachtet die graue Fassade des Küchengeschäfts ganz genau. Hinter den Schaufenstern, vor denen sich bis vor wenigen Wochen noch lange Schlangen bildeten, tut sich nichts. Niemand, der den Menschen Küchenteile aus Wittstock Weißensee verkaufen könnte. Keine Möglichkeit, hier Linoleum abzustauben. Alles ruhig.

Einige Tage später wird Andreas Dziamski bei der Konsumgenossenschaft in Neuruppin vorstellig. Er sagt den Damen und Herrn dort, dass er gerne der neue Verkaufsstellenleiter für das Geschäft wäre. Ungläubiges Kopfschütteln. "Kuck kommt nicht wieder", beteuert Dziamski. "Woher wissen Sie das?", wird er gefragt. Er weiß es einfach.

Dann blickt er im März 1990 in das Geschäft, schaut auf die rund 20 Rollen Linoleum in der Ecke und stellt fest, dass noch viel mehr in dem Gebäude steckt, als er vorher gedacht hatte. Der Keller, der ein wenig muffig riecht, ist nur eines von insgesamt drei Lagern. Ein anderes befindet sich in der Fischbänkestraße. Noch eins in einer Scheune in Nietwerder. Und alle sind beinahe randvoll. Rund 65 000 D-Mark Warenwert stehen dort rum. Andreas Dziamski kauft die Bestände von der Konsumgenossenschaft ist nun selbständig. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. "Bloß weg den Mist!", sagt Andreas Dziamski heute. Er weiß, dass bald alle Kunden moderne Küchen haben wollen. Er weiß aber auch, dass es bislang schwierig war, Schränke und Tische für den Platz am Herd zu erstehen. Schon morgens standen die Leute in den 1980er Jahren Schlange, in der Hoffnung, fündig zu werden. Meistens gab es aber nur Einzelteile. "Die Leute brauchten einfach noch andere Schränke, die zu ihren passten", sagt Andreas Dziamski. Er macht einen Ausverkauf. An nur zwei Sonnabenden ist alles weg. Und er hat endlich leere Lager für den Neuanfang. Fortan läuft es gut. Im Umkreis von 25 Kilometern ist der Laden an der Friedrich-Engels-Straße anfangs noch das einzige Küchengeschäft. Zwar stehen die Leute nicht mehr wie früher Schlange, aber die Bestellungen kann Dziamskis Team kaum bändigen. Ironischerweise wollen alle Kunden dasselbe. Obwohl das Angebot im Küchensektor seit dem Mauerfall sehr viel umfangreicher geworden ist. "Aber es gab nur eine Farbe: Eiche Rustikal", lacht Andreas Dziamski. "Vielleicht noch Eiche hell. Aber das war's dann auch." Das Geschäft ist mittlerweile so bekannt, dass sogar die Bushaltestelle davor offiziell nur noch "Küchenmöbel" heißt. Bis Mitte der 1990er boomt der Laden. Die Kunden kaufen Dziamski die gepolsterten Ecksitzbänke fast vom Lkw runter, wollen Geschirrspüler und Ceran-Kochfelder. "Wenn wir nach einem halben Jahr zur Nachmontage zu den Kunden nach Hause fuhren, lagen meist Tischdeckchen auf den damals neumodischen Kochfeldern."

1997 macht Dziamski einen zweiten Laden an der Karl-Marx-Straße auf. Bessere Lage, mehr Laufkundschaft. In der Friedrich-Engels-Straße 37c gibt es nur noch Kleinteile.

Aber die Auftragslage wird schlechter. Im Dezember 2000 gehen in dem Traditionsladen die Lichter aus. Zwei Standorte kann sich der Küchen-Mann nicht mehr leisten. Ein Obst- und Gemüseladen zieht ein. Auch der ist mittlerweile dicht.

Mit Küchen-Dziamski ist sieben Jahre später auch in der Karl-Marx-Straße Schluss. Es geht nicht mehr. Immerhin: Im Internet wird der Mann mit dem struppig, grauen Haar noch als Küchen-Verkäufer geführt. Aber Andreas Dziamski hat beruflich längst andere Pfade eingeschlagen.

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