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Rainald Grebe besingt die "Berliner Republik"

Generalist und Häuptling:  Rainald Grebe ist kein Stoff zu kompliziert.
Generalist und Häuptling: Rainald Grebe ist kein Stoff zu kompliziert. © Foto: dpa
Anna Fastabend / 19.12.2013, 11:48 Uhr
Berlin (MOZ) Echte Indianer sehen der Wahrheit ins Auge und kennen keinen Schmerz. Ganz besonders gilt das für Häuptling Rainald Grebe, den Deuter der deutschen Befindlichkeit. Am Freitagabend wacht ein Mischwesen aus Bundesadler und Berliner Bär über der Bühne des sich langsam füllenden Saals im Admiralspalast. Er wird von Aufnahmen aus dem Backstage-Bereich abgelöst. Rainald Grebe und das Orchester der Versöhnung bereiten sich auf das Konzert "Berliner Republik" vor. Erst das Personal: Frauen in Strumpfhosen stülpen sich Perücken über die Haare. Männer frieren in dicken Jacken, einer spielt Kicker. Dann der Chef: Grebe im Morgenmantel, darunter nackt bis auf die Unterhose, stopft sich Häppchen vom Buffet in den Mund, im Hintergrund geköpfte Champagnerflaschen und Zimmerpalmen. Danach knetet ihm eine Frau auf der Massagebank den Rücken durch.

"White Christmas" von Irving Berlin. So eröffnet Grebe im Anzug und mit seinem Markenzeichen, dem Federschmuck, die diesjährige "Betriebsweihnachtsfeier". Wer bei der Unterschriftenliste des "Wein trinkenden Berlin-Mitte" Schlagzeugers Martin Brauer mitmacht, "kämpft gegen Fracking, Genmais und Chlorhuhn", sagte Grebe, um gleich danach sein Orchester für Geburtstage und Stadtfeste ans Publikum zu verscherbeln. Über allem scheint ein Adventskranz. Im persönlichen Jahresrückblick berichtet Grebe, er sei zu fett gewesen. Doch dann hat ihm Fitnesspapst Detlev D. Soost geholfen: "Entweder du kannst es oder du kannst es nicht." Und da ein Häuptling kein Waschlappen ist, war die körperliche Selbstoptimierung ein Klacks. Auf der Bühne gibt es Applaus von der Klatschmaschine, seinem Notfallplan, falls nicht gelacht wird.

Polizeischeinwerfer rasen über die Zuschauer, während Grebe auf einem Schreibtischstuhl vor dem Klavier sitzend das Stück "Fliegen wir mal drüber" (über unser Land) singt. Denn alles ist statistisch erfasst - eine Million ist im ADAC, eine Million hat nicht gewählt. "Und du?", tönt er. Immer tiefer geht es rein in dieses 21. Jahrhundert, das an vielen Ecken und Enden "ein Loch in den Himmel" stinkt.

Denn an einer Welt, in der sogar Juristen so aussehen, als ob sie Autogramme geben würden, ist etwas faul, findet Grebe. Vor allem, wenn das Mitte-Paar Thorsten und Brigitte beim Brunchen über die Grünen als Faschos von morgen spricht, einfach weil es politisch involviert klingt. Erst im Refrain fällt ihnen ein: "Ach, was war heute noch mal - Bundestagswahl". Doch dann muss das Ei geköpft werden. Mit Laptop unter dem Arm und irrem Blick kann Grebe auch den Berater, der bloß noch Phrasendrescher ist: "Ich bin Malte und consulte." Dessen letzte menschliche Regung ist es, seinen Klienten einen Kaffee anzubieten, weil das irgendwie Sinn macht. Im Lied "Kokon" bringt Grebe das Dilemma auf den Punkt: Vor dem Wahnsinn der Welt haben wir es uns unter Angela Merkels Rock gemütlich gemacht. Gut, dass manch einer trotzdem den Blick nach draußen wagt. Tosender Beifall erfüllt den Saal, da es Häuptling Rainald Grebe höchstpersönlich ist.

"Berliner Republik", bis zum 30. Dezember im Admiralspalast

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