Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Eine musikalische Herausforderung, die fetzt

Heike Weißapfel / 19.12.2013, 18:02 Uhr - Aktualisiert 19.12.2013, 19:13
Schildow (MZV) Das arbeitsintensive Probenlager ist vorbei. Notenhefte und Violine liegen bereit. Carmen Hoyer, die Leiterin des Jugendsinfonieorchesters Oberhavel-Süd, ist aufs Weihnachtskonzert bei Kerzenschein mit "ihren" Jugendlichen ganz eingestimmt.

Sobald sie die Geige ansetzt und die ersten Töne spielt, geht ihr Blick nach innen, und sie konzentriert sich ganz auf die Musik. Halbe Sachen gibt es für Carmen Hoyer nicht. "Es ist nicht ausschließlich Spaß", sagt die Violinistin. Was sie ihren Schüler ans Herz legt, gilt für sie selber auch. Etwa eine Stunde übe sie zurzeit am Tag, erzählt die Schildowerin und meint damit die reine Arbeit an ihrem Geigenspiel. Damit ist es aber längst nicht getan. Dass die 50-Jährige Geigenschüler unterrichtet, ist seit 2005 ihr tägliches Brot. Sie ist aber zudem die erste Violinistin und Konzertmeisterin des Jugendsinfonieorchesters, dessen Dramaturgin und - wenn es darum geht, den Saal weihnachtlich zu schmücken - sogar die Bühnenbildnerin. Für das Konzert am Sonnabend ist - abgesehen von der Generalprobe - fast alles vorbereitet. Jedenfalls findet Carmen Hoyer entspannt lächelnd beim Tee Zeit fürs Gespräch.

Dass sie auch komponieren sollte, fand sie anfangs gar nicht so selbstverständlich, sagt die Musikerin. "Es ist aus einer Art Notsituation entstanden. Für die Zusammenstellung an Instrumenten, die ich hatte, gab es einfach nichts Passendes. In so einem Fall kann man eine Bearbeitung machen lassen - das ist aber eine Geldfrage - oder eben selber etwas schreiben." Für die eigene Geige hatte sie gelegentlich dreistimmige Stücke komponiert, für ein ganzes Orchester aber noch nie.

Also setzte sie sich nicht mehr nur ans Klavier, sondern auch an ein spezielles Computerprogramm. So generiert sie Klangteppiche, hat ihren Spaß dabei und ist gleich noch Tonmeisterin. "Es klingt anfangs scheußlich, weil alle Stimmen noch ausbalanciert werden müssen. Es war ein richtiger Aha-Effekt, als mir das erste Stück gelungen ist." Notwendigkeit trifft sich mit Hobby. "Das ist ein bisschen wie Aufgaben mit Unbekannten lösen, wie damals bei der Matheolympiade", erzählt die sympathische Musikerin fröhlich, die "nur so" auch schon mal ein Physikbuch einfach durchliest.

"Es muss eine musikalische Herausforderung sein, es muss rhythmisch was losgehen, es muss fetzen", hat sie dabei stets als Ziel vor Augen. Unerwartete musikalische Effekte sollen Musiker wie Publikum begeistern. Selbstverständlich müssen alle Instrumente vorkommen, auch diejenigen, die sonst im Konzertsaal weniger präsent sind wie E-Gitarre oder Akkordeon. Auf diese Weise kann Carmen Hoyer gleich jedem je nach Können seinen Part aufs Instrument und in die Finger schreiben. Ihre Vorliebe für mitreißende Filmmusik und für irische Klänge sind aus den Kompositionen leicht herauszuhören. "Ich mag John Williams, Hans Zimmer und James Horner", nennt sie Beispiele. "Manchen Film sehe ich mir bloß wegen der Musik an." Klassische Komponisten wie Bach, Mozart und Schostakowitsch liebt sie aber auch.

Im sächsischen Wurzen geboren, hat Carmen Hoyer an der Hochschule "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig Musik studiert und an der Berliner Hochschule für Musik "Hanns Eisler" ihr Diplom gemacht. Unter anderem war sie viele Jahre lang stellvertretende Erste Konzertmeisterin am Metropol-Theater und spielte am Friedrichstadtpalast als koordinierte Erste Konzertmeisterin bis 2004 die Erste Geige. Seit 1993 wohnt sie mit ihrer Familie in Schildow, und dort hat sie sich 2005 als Violinenpädagogin selbstständig gemacht.

Nicht alle Jugendlichen wollen später einmal Profi-Musiker werden. Dass das Jugendsinfonieorchester doch schon jetzt viel mehr ist als ein Schulorchester, weiß jeder, der die jungen Leute schon einmal im Konzert erlebt hat. Wer mitmachen möchte, muss vorspielen, und Carmen Hoyer legt die Messlatte durchaus hoch. "Die Musiker müssen zum Leistungsniveau der Violinen und Violen passen", erklärt sie, und die hat sie in der Regel schon seit sechs bis sieben Jahren unterrichtet. Geige ist ein schwieriges Fach. "Andere Instrumente brauchen nicht so einen langen Vorlauf", sagt die Musikerin, die selbst nicht als Dirigentin, sondern als Erste Geigerin dabei ist.

Die Anforderung an die Qualität kommt aber nicht nur den Zuhörern zugute: Jeder, der im Orchester mitspielt, ist auch ein wichtiger Teil dessen und darf sich so fühlen. "Es ist keiner entbehrlich", sagt die Leiterin, und setzt lachend hinzu: "Im Dezember vor dem Konzert ist absolutes Krankheitsverbot, und im Winterurlaub darf sich jeder alles brechen, nur nicht die Hände." Denn wenn jemand fehlt, klingt die Musik zwangsläufig anders und womöglich unvollkommen. Deshalb muss in Krankheitsfällen sogar eilig ein Ersatz besorgt und bezahlt werden.

Aus der Notlösung ist längst ein Vergnügen der Komponistin und ein Motivationsschub geworden, wenn der Elan der Jugendlichen manchmal nachlässt. "Es gibt Zeiten, da spielen sie nicht mal mehr gerne für Oma und Opa." Da sei eine eigens für sie geschriebene Musik schon ein Anreiz, hat sie festgestellt. Ihre Orchestermitglieder wären an sich Carmen Hoyers schärfste Kritiker. "Wenn ihnen nicht gefällt, was ich schreibe, muss ich aushalten, dass sie keine Lust haben, das zu spielen." Sie kann das lachend sagen, denn bisher war es nie der Fall.

Diesmal hat sie ein Weihnachtsstück und eine "Traumtänze" überschriebene Suite in fünf Sätzen geschrieben, auf die sich die Konzertbesucher am Sonnabend freuen können. Tango-Elemente kommen darin ebenso vor wie Bolero und ein abschließender Blues. "Das ist für die klassischen Kids ganz schön schwer", verrät Carmen Hoyer. "Vertrauen" heißt das Stück - und das hat die Konzertmeisterin in ihr Orchester allemal.

 

¦ Die meisten Mitglieder des Jugendsinfonieorchesters kommen aus Mühlenbecker Land, Hohen Neuendorf, Birkenwerder und Glienicke, daher trägt es den Beinamen "Oberhavel-Süd". Erst 2012 gegründet, hat es bereits eine stattliche Größe erreicht. Zurzeit besteht das Orchester aus 31 Instrumentalisten im Alter von 10 bis 19 Jahren sowie der Leiterin.

¦ Es erklingen zwölf Violinen, zwei Violen, drei Celli, zwei Kontrabässe, drei Gitarren, zwei Querflöten, zwei Klarinetten, zwei Akkordeons, ein Klavier und ein E-Piano sowie zwei Schlagzeuge. In diesem Jahr ist das Jugendorchester mit dem Kulturförderpreis des Landkreises Oberhavel ausgezeichnet worden.

¦ Die jährlichen Weihnachtsmusiken mit zuvor kleinerer Besetzung gibt es schon das 9. Mal. Zu hören sind die jungen Musiker am kommenden Sonnabend, 21. Dezember, mit klassischen Weihnachtsliedern und Uraufführungen ab 16.30 Uhr im Schildower Bürgersaal. Der Eintritt kostet für Erwachsene acht, für Kinder drei Euro. Der Bürgersaal ist in der Franz-Schmidt-Straße 3. Vorbestellungen sind unter (03 33 56) 7 55 29 möglich.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG