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Tilmann Köhler inszeniert "Jugend ohne Gott" am Deutschen Theater

Schockiert: der Lehrer (Chistoph Franken, l.) und sein Kollege (Helmut Mooshammer)
Schockiert: der Lehrer (Chistoph Franken, l.) und sein Kollege (Helmut Mooshammer) © Foto: Marquardt/drama-berlin.de
Anna Fastabend / 19.12.2013, 19:55 Uhr
Berlin (MOZ) Diebin Eva mit einem Stein in der Hand küsst den Tagebuchschreiber Z. Sie stehen auf einer Bretterbühne, im Hintergrund stapeln sich die Schultische. Dann brüllt Z (Thorsten Hierse) "Sau" und stößt die Diebin (Maike Schmidt) so brutal von sich weg, dass sie zu Boden fällt. Er stampft mit dem Fuß auf. Der helle, harte Klang von Schuhsohlen auf Holz erfüllt den Theatersaal. Und obwohl diese Szene voll von Gewalt ist, erleben beide miteinander einen Moment der Glückseligkeit. Sie spüren zum ersten Mal, dass sie fühlende Menschen sind.

Die Szene stammt aus dem Stück "Jugend ohne Gott" von Ödön von Horváth, das am Mittwoch in den Kammerspielen des Deutschen Theaters als Koproduktion mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Premiere hatte. Tilmann Köhler hat bei seiner Inszenierung den Roman für sich sprechen lassen und mit einfachen Mitteln auf die Bühne (Karoly Risz) gebracht. Als Requisiten gibt es nur Tische, Äpfel, Schulhefte und einen Stein. Dadurch zeichnet Tilmann das erschreckende Bild der Jugend aus der Zeit zwischen Weimarer Republik und Zweitem Weltkrieg umso eindrucksvoller nach. In der Geschichte prallt der humanistisch geprägte Geografielehrer (Christoph Franken) auf das erstarkende faschistische Weltbild seiner Schüler.

Zu Beginn singen vier Jungen aus dem Knabenchor Berlin ein Kirchenlied. Der Lehrer versteckt sich hinter einem zu einer Wand aufgestellten Tisch und beißt in einen Apfel. Währenddessen zupft ein Gitarrist (Thonací) mit Rastafrisur einfache Akkorde. Der Lehrer fühlt sich von den an ihn gestellten Erwartungen bedrängt. In seinem Beruf findet er keine Erfüllung mehr.

Als der Junge N (Harry Schäfer) in einem Schulaufsatz "die Neger" als hinterlistig und faul bezeichnet, stellt der schockierte Lehrer ihn zur Rede. Was dann passiert, ist wie in einer verkehrten Welt. Der Vater des Jungen wirft ihm Sabotage am Vaterland vor und der Direktor ermahnt ihn, alles von der Jugend fernzuhalten, was ihre Ausbildung zu Kriegsmaschinen beeinträchtigen könnte. Zwischen Menschlichkeit auf der einen Seite und Menschenverachtung auf der anderen wird der Schreibtisch hin und hergeschoben.

Da der Lehrer seinen Arbeitsplatz behalten will, hält er still. Nun sei das Zeitalter der Fische angebrochen, prophezeit ihm ein pensionierter Kollege (Helmut Mooshammer). Die Fische plappern ohne Sinn und Verstand die Lügen aus dem Radio nach. Der Lehrer entdeckt einen Vorboten der gefühlskalten Fische in seiner Klasse, den T (Anton von Lucke). Im militärischen Ausbildungslager eskaliert die Situation: Der Lehrer bricht das Tagebuch des Z auf und dieser glaubt, N habe es getan. Der Lehrer schweigt. Dann wird N erschlagen aufgefunden und die Falschen werden verdächtigt. Erst vor Gericht findet der Lehrer zur Wahrheit und damit zu seinen Idealen zurück und wird darüber hinaus zur Vorbildfigur für einige Jugendliche.

Tilmann Köhler hat sich mit großer Genauigkeit des Stoffes angenommen, der an Aktualität nichts eingebüßt hat. Er verweist darauf, dass es unverzichtbar ist, Verantwortung für heranwachsende Generationen zu übernehmen. Jugendliche, als Produkt ihrer Sozialisation, brauchen Liebe und Perspektiven.

Vorstellungen: 22. und 28.12., 4.,8. und 19.1.13, Deutsches Theater, Berlin-Mitte, Kartenteilefon: 030 28441225

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