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War der gestiefelte Kater einst arrogant und selbstverliebt?

Benno Dietrich / 30.12.2013, 16:10 Uhr
(MOZ) Seit mehreren Jahren können die Leser des Märkischen Marktes in der Silvesterausgabe den "Unerhörten Geschichten" von Roland Albrecht lauschen. Die Dinge, die ihm diese Geschichten erzählen, findet er zumeist zufällig. Er muss diese nur noch aufschreiben. Phantasie und Historie mischen sich hierbei in der ihm eigenen Art. Aus dieser Sammlung schöpft sein kurioses "Museum der unerhörten Dinge" in Berlin seine Exponate. Diesmal begleiten wir ihn auf einem seiner Spaziergänge.

Roland Albrecht ist gern zu Fuß unterwegs. Das muss auch so sein, denn sonst wäre sein "Museum der unerhörten Dinge" nie entstanden oder wäre längst geschlossen worden. Die im doppelten Sinne unerhörten Dinge, die er findet oder besser, die ihn finden, würden nie zu ihm gelangen, wäre er ein Stubenhocker. Diesmal hat uns der Museumsdirektor eingeladen, ihn auf einen seiner Streifzüge zu begleiten. Häufig ist er zwischen Uckermark und Oder-Spree unterwegs, streift durch die Landschaft und die kleinen Ortschaften. Doch heute möchte er uns an seinen Lieblingsort führen - seinen Hausfriedhof in der Nähe seines Museums in Schöneberg, auf den St. Matthäus-Kirchhof.

"Es ist der schönste und ungewöhnlichste Friedhof, den ich in Berlin kenne", verspricht er auf dem kurzen Weg dorthin. Regelmäßig dreht er hier seine Runden. Hier sind sein einstiger Hausmeister begraben und eine sehr gute Freundin. Er mag es, sich an diesem Ort vom Jahr zu verabschieden, wenn er zu Silvester noch einmal über das Gelände streift. "Und hier finden mich auch seltsame Dinge, wie eine Gitarrensaite, Oliveneicheln, versteinertes Eis oder alte, zerknitterte Fotos." Und immer erzählten ihm diese Dinge ihre Geschichte.

Als wir den Haupteingang passieren, fällt gleich links ein Café auf. 2004 hatte der Akrobat, Schauspieler und Krankenpfleger Bernd Boßmann das einstige Verwalterhäuschen entdeckt und zwei Jahre später - pünktlich zum Jahr des 150-jährigen Bestehens des Friedhofs - als Café "Finovo" umgebaut, dessen Name für Ende und Anfang steht. Hier gibt es Kaffee, Kuchen und Würstchen. "Und die berühmte Berlinade", wie Roland Albrecht weiß, ein Berlin-adé-Getränk.

Am 25. März 1856 hatte auf dem Friedhof die erste Beisetzung stattgefunden. "Damals war die Umgebung noch nicht bebaut, und man konnte vom Hügel aus auf Berlin schauen", erzählt der passionierte Friedhofsgänger. Dieser Ort der Stille wurde so beliebt, dass er bereits 1863 nach Osten sowie 1866 und 1884 nach Westen erweitert werden musste. Heute finden sich hier die Grabstätten vom Charité-Arzt Rudolf Virchow, des Sängers Rio Reiser und der Gebrüder Grimm. Allein ihretwegen schlendert Roland Albrecht, der Geschichtensammler, oft am Grimmschen Familiengrab vorbei. Hier hatte er vor einem Jahr, unter den Blättern nahe der Grabsteine, ein kleines, mit winziger alter Schrift beschriebenes Büchlein gefunden. Er zieht es aus seiner Tasche und beginnt eine seiner unerhörten Geschichten zu erzählen: "Es stellte sich heraus, dass dies ein Notizbüchlein der Gebrüder Grimm ist. Es stammt aus den Jahren zwischen 1812, als sie ihren ersten Band der Kinder- und Hausmärchen herausgaben. Und in diesem Büchlein verzeichneten sie unter anderem all die Orte, Landschaften und vor allem Figuren, die in den Märchen vorkamen und hatten sie mit den Charaktereigenschaften und besonderen Merkmalen versehen. Da sich unter den gesammelten Erzählungen auch fragmentarische, in sich widersprüchliche oder zotenhafte Aufzeichnungen befanden, für die sich seinerzeit weder ein Verleger noch ein Lesepublikum interessierte, veränderten sie zahlreiche Texte oder reagierten bei folgenden Auflagen auf Kritik von Freunden und Rezensenten. Deshalb stehen bei einigen der Märchenfiguren gar gegensätzliche Eigenschaften. So war der gestiefelte Kater zunächst gar nicht so ein selbstloser Geselle, der seinem Herren zu Ruhm und Ehre verhelfen wollte. In der ursprünglichen Form muss es ein sehr eitler, selbstverliebter und genusssüchtiger Kater gewesen, der sich nur deshalb neue Stiefel machen ließ, um auf Katzenschau zu gehen. Er war erst über einen befreundeten, schlauen Kater auf die Idee mit den Rebhühnern für den König, den gestohlenen Kleidern seines badenden "Grafen' und den Trick mit der Maus, in die sich der mächtige Zauberer verwandeln sollte, gekommen. Das jedenfalls verraten die ursprünglichen Aufzeichnungen in dem Büchlein. Später korrigierten die Grimms diese Eintragungen, so dass der gestiefelte Kater zu einem liebenswürdigen Kerlchen wurde, mit dem sich die Kinder identifizieren konnten.

Auch Hänsel und Gretel hielten zunächst nicht so geschwisterlich zusammen und stritten öfter oder waren gar bösartig zueinander. Hier glätteten die Grimms ihre Figuren ebenfalls und gaben ihnen sympathischere Charakterzüge."

Die Grimmsche Grabstätte scheint ohnehin ein merkwürdiger Ort zu sein. Eines Tages entdeckte er an einem der Abfallkörbe nahe der Grimms eine Buchstabentüte, die jemand, der mit seinem Einkauf hier entlang spazierte, verloren haben muss. Aber damit gab sich Roland Albrecht nicht zufrieden. Buchstaben-Nudeln und die Grimms - da muss mehr dahinterstecken. So nahm er sie jetzt nochmals mit und legte sie eine Weile an die Grabstelle von Jacob und Wilhelm Grimm. Dann hob er sie wieder auf und wartet darauf, was sie ihm in der nächsten Zeit zu erzählen hat. Und vielleicht wird sie, die Buchstaben-Suppe, bald zu einem Museumsstück, gemeinsam mit Grimms Notizbüchlein ...

(Museum: Crellestr. 5-6, 10827 Berlin-Schöneberg; Mi-Fr 15-19 Uhr oder auf Anfrage; Tel: 030/7814932; Buch "Museum der unerhörten Dinge", Wagenbach Verlag, 13,90 Euro)

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