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Der ehemalige Stasi-Häftling Gilbert Furian berichtete am Bechstein-Gymnasium über sein Leben

Wegen Interesse an Punks in den Knast

So sieht eine Stasi-Akte aus: Gilbert Furian las einige Auszüge aus den meist banalen Protokollen, die bei seiner Bespitzelung angefertigt wurden.
So sieht eine Stasi-Akte aus: Gilbert Furian las einige Auszüge aus den meist banalen Protokollen, die bei seiner Bespitzelung angefertigt wurden. © Foto: MOZ/Eggers
Joachim Eggers / 10.01.2014, 14:57 Uhr
Erkner (MOZ) Mit der Parole "Ja, Klopapier" fing es an. Statt beim FDJ-Gelöbnis ständig im Chor "Ja, das geloben wir" zu rufen, entschlossen sich Gilbert Furian und zwei Freunde zu der kaum zu hörenden Veralberungs-Variante. "Da kamen wir uns oppositionell vor", erzählte der 1945 in Görlitz Geborene am Donnerstag bei einer Zeitzeugen-Stunde vor Zehntklässlern des Carl-Bechstein-Gymnasiums.

Die Episode markiert den Weg des von früher Kindheit an regimekritisch erzogenen und eingestellten Mannes bis zur Inhaftierung durch die Staatssicherheit. Vorgehalten wurde Furian, der damals in Berlin wohnte, dass er sich mit Punks beschäftigt hatte, in Interviews ihre Einstellungen und Lebensweisen dokumentierte und dieses Material illegal vervielfältigte. Wegen "Anfertigens von Aufzeichnungen, die geeignet sind, den Interessen der DDR zu schaden" wurde er zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt. In teils beklemmenden Details schilderte Furian, wie er vor der Anklage sieben Monate inhaftiert war, ohne zu wissen, dass er sich im Gefängnis Hohenschönhausen befand - heute Standort einer Gedenkstätten-Stiftung, für er ehrenamtlich tätig ist.

Nach seinem Vortrag löcherten die Zehntklässler Furian mit Fragen: Habe man in der DDR die politische Beeinflussung gemerkt? Die Antwort: "Die Beeinflussung war plump und offensichtlich." Ob es auch Mode gegeben habe, welches Gesundheits- und welches Schulsystem Furian besser finde. Das Leben in der DDR sei "ganz normal gewesen, nur eben mit der drakonischen Drohung im Hintergrund", sagte der Zeitzeuge - gemeint war die Drohung mit Repressalien.

Aber Geld habe eine geringere Rolle gespielt, und der Leistungs- und Konsumdruck sei nicht so stark gewesen. Und mit Ausnahme des naturwissenschaftlichen Unterrichts, schrieb er seinen Zuhörern ins Stammbuch, "sollten Sie froh sein, dass Sie nicht in der DDR zur Schule gehen".

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