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Geschichte der Brandenburger Motorenwerke

Historische Zeugnisse: Diese Auslass-Ventile eines Flugzeugs hat Jens Paulsen bei einem seiner vielen Spaziergänge rund um das ehemalige BraMo-Werk zwischen Zühlsdorf und Basdorf gefunden.
Historische Zeugnisse: Diese Auslass-Ventile eines Flugzeugs hat Jens Paulsen bei einem seiner vielen Spaziergänge rund um das ehemalige BraMo-Werk zwischen Zühlsdorf und Basdorf gefunden. © Foto: Ulrike Kirsten
Ulrike Kirsten / 13.01.2014, 03:47 Uhr - Aktualisiert 13.01.2014, 12:45
Zühlsdorf (MZV) Junge Leute wissen es vielleicht gar nicht: Der Automobilhersteller BMW hat seine Ursprünge auch in Brandenburg. Wer in den Wäldern zwischen Zühlsdorf und Basdorf spazieren geht, stößt auf Zeugnisse dieser Geschichte.

Unter Moos und Unkraut liegen sie - in Beton gegossene Überbleibsel, die Fundamente, auf die sich der Erfolg des bayerischen Unternehmens gründet. Mitten im Wald gab es eine Fabrik der Brandenburgischen Motorenwerke (BraMo), die ihren Stammsitz in Berlin-Spandau hatten. 1939 übernahm BMW die BraMo. 90 Prozent des gesamten Umsatzes machte 1941 der Geschäftsbereich Flugmotoren aus. Produziert wurden diese auch in Zühlsdorf/Basdorf. "Das BMW-Logo erinnert noch heute an diese Zeit. Es stellt nämlich ein Flugzeugtriebwerk dar", sagt Tankstellenbetreiber Jens Paulsen. Der Basdorfer beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Werksgeschichte. Über seine Recherchen spricht er am Sonnabend in der Zühlsdorfer Bahnhofsstube vor etwa 80 Gästen.

"Mir sind bei Touren durch den Wald zwar immer die Fundamente und aufgeschütteten Walle aufgefallen", erzählt der Kfz-Mechanikermeister. Mit seinen Forschungen beginnt er aber erst, als ihn Mitte der 90er-Jahre ein älterer Franzose an seiner Tankstelle fragt, wo es denn zum Werk gehe. Paulsen dämmert es, dass es sich dabei um die Fundamente im Wald handeln muss, wo zu DDR-Zeiten eine streng bewachte Antennenanlage stand. "Es gibt viele Gerüchte, warum diese so streng geschützt wurde", sagt Paulsen. Von Bunkern und Geheimdienst ist die Rede.

Wenige Monate nach der Begegnung bekommt Paulsen Post aus Paris. "Der Franzose hatte mir seine Erinnerungen an die Zeit in Basdorf geschickt." In den 40er-Jahren war dieser als Wanderarbeiter nach Deutschland gekommen und hatte im Casino in Basdorf gearbeitet. "Das war Teil der Siedlungen für die Arbeiter und Ingenieure, die im Werk tätig waren", erzählt Paulsen. Etwa 4000 waren es. Er fragte dann in Archiven nach Luftbildaufnahmen und Fotografien.

Die Aufnahmen sind beeindruckend. Sie geben einen Eindruck von der Dimension des Werkes. Allein die Hauptproduktionshalle muss 500 Meter lang gewesen sein. "Die Motoren wurden auf kleine Wagen aufgebockt und von einer Montagestation zur nächsten geschoben", erzählt Paulsen. Zwar stehen heute kaum noch Gebäude aus dieser Zeit. Die Wege und Werkhallenböden sind aber fast alle noch vollständig erhalten. "Zu dem Komplex gehörte unter anderem auch eine Lehrwerkstatt, eine Werkskantine, ein Veranstaltungssaal und ein Verwaltungsgebäude. Ein Bahngleis führte ins Werk."

Neben dem Bau von Sternmotoren wurden Flugzeugmotoren repariert und überprüft. "Dabei wurden die Motoren komplett auseinander genommen. Kaputte Teile wurden aussortiert, noch funktionstüchtige wieder verwendet", erklärt der Basdorfer und zeigt auf einige Auslass-Ventile. Wo er diese gefunden hat? "Im Wald, bei unzähligen Spaziergängen."

In der Fabrik, erzählt Paulsen, wurde aber nicht nur geschraubt, geschweißt und gelötet. "Es gab auch eine Entwicklungsabteilung, die beispielsweise an Triebwerken forschte. Diese wurden ja erst Mitte der 40er-Jahre in Flugzeuge eingebaut." Nach dem Krieg gingen einige Ingenieure aus Zühlsdorf ins Ausland, arbeiten unter anderem für die französische Luftfahrtbehörde.

Gebannt hören die Besucher Jens Paulsen zu. Immer wieder gibt es zustimmendes Nicken. Auch von Ursula und Günter Plath aus Liebenwalde. "Mein Vater hat während des Kriegsdiensts im BraMo-Werk gearbeitet. Er hat dort heimlich Kerzenständer und Dinge für den täglichen Gebrauch gedreht. Er hat immer erzählt, dass es ihm nicht gut ergangen wäre, wenn man ihn erwischt hätte. Es war ja streng verboten, Kriegsmaterialien für eigene Zwecke zu benutzen", erzählt Ursula Plath.

Der Zweite Weltkrieg machte auch vor dem BraMo-Werk nicht Halt. "Am 22. März 1944 wurde das Werk bombardiert. 75 Prozent der Gebäude wurden dabei vernichtet", sagt Jens Paulsen. Zuhörerin Anni Schwengber in der ersten Reihe wirkt gedankenverloren. Sie selbst hat den Angriff miterlebt. "Ich habe von 1943 bis 1945 eine Lehre in der kaufmännischen Abteilung gemacht, mich um Materialbestellungen gekümmert", sagt die 86-Jährige. An die Zeit vor dem Angriff kann sie sich genau erinnern. "Einige Tage davor hat es Flugblätter vom Himmel geregnet, auf denen stand: ,BraMo, wir haben Dich!'" Anni Schwengber kann sich vor den Bomben retten. Hunderte andere nicht. "Es waren auch Jungs aus dem dritten Lehrjahr unter den Toten", erzählt die Zühlsdorferin und senkt den Kopf.

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