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Im Mordprozess Maike Thiel erklärt Therapeutin das Verhalten von Zeugin Dominique S.

Psychologin analysiert Aussagen

Roland Becker / 21.01.2014, 23:09 Uhr
Hennigsdorf/Neuruppin (MZV) Ob die wegen Mordes und Anstiftung zum Mord an Maike Thiel angeklagten Michael und Christine Sch. verurteilt werden, dürfte wesentlich davon abhängen, ob das Gericht Dominique S. Glauben schenkt. Die frühere sehr enge Freundin des Hauptangeklagten gilt im Prozess um die seit 3. Juli 1997 verschwundene Maike Thiel als Hauptbelastungszeugin. 15 Jahre hatte sie ihr Wissen verschwiegen. Dann packte sie aus; erst bei der Polizei, danach im Neuruppiner Landgericht. Der Kern ihrer Aussage: Noch am Tag des vermuteten Mordes habe Michael Sch. ihr gegenüber die Tat gebeichtet, geschildert und seine Mutter als Anstifterin benannt.

Die Verteidigung hat seither immer wieder versucht, die Aussagen dieser Zeugin in Zweifel zu ziehen. In der Tat hat Dominique S., die sich seit drei Jahren in psychologischer Behandlung befindet, Anlass dazu gegeben. Warum schreibt eine junge Frau Liebesbriefe an einen Mann, den sie für einen Mörder hält? Weshalb erkundigt sie sich am Telefon nach Fortschritten bei der Suche nach Maike, wenn sie doch deren Schicksal kennt?

Der Volksmund würde sagen: Wie tickt diese Frau? Um dies zu klären, hatte Richter Gert Wegner zu Dienstag die behandelnde Psychotherapeutin Dr. Angelika G. geladen. Die zeichnet von ihrer Patientin, die sie von der Schweigepflicht entbunden hat, ein Bild, das die Auftritte von Dominique S. vor Gericht mit all den Widersprüchlichkeiten durchaus besser verstehen lässt. Die Fachärztin liefert auch einen Anhaltspunkt dafür, weshalb Dominique S. vor Gericht nur stockend aussagte, nach Worten suchte oder diese offenbar nicht über die Lippen bringen konnte. "Sie hat in der Therapiegruppe davon gesprochen, wie schwer es ihr fällt, als Zeugin Worte auszusprechen, Sätze zu bilden. Für sie hat die Aussage vor Gericht die Qualität einer Prüfungssituation", berichtet die Psychotherapeutin. Prüfungsangst ist einer der Gründe, weshalb Dominique S. in psychologischer Behandlung ist. Erst im vorigen Jahr habe die Patientin eine berufliche Qualifizierung nicht abschließen können, weil sie im entscheidenden Moment nicht sprechen konnte.

Nachdem Dominique S. vor Gericht ausgesagt hatte, habe sie von sich aus das Schicksal von Maike Thiel in der Therapiegruppe thematisiert. "Ich hatte den Eindruck, dass sie sich schon längere Zeit gewünscht hat, ihr Schweigen überwinden zu können", vermutet die Psychotherapeutin vor Gericht. Für ihre Patientin sei es ein großer Schritt gewesen, darüber vor einer Gruppe von Menschen zu sprechen. "Sie hat sich in den folgenden Sitzungen mehr und mehr stabilisiert", schätzt sie den Erfolg dieser Beichte ein.

Die Fachärztin liefert auch Anhaltspunkte dafür, weshalb Dominique S. ihr Wissen um den Mord 15 Jahre für sich behielt. Für diese S. seien Michael und Christine Sch. eine Art Familienersatz gewesen. "Das hat sich zwar mit den Jahren auseinanderentwickelt. Aber es existiert nach wie vor eine starke Bindung an diesen Freund", ist Dr. Angelika G. überzeugt. Die Patientin müsse über Jahre "unter dem schlechten Gewissen gelitten haben, ihn zu schützen oder die Fakten auf den Tisch zu legen".

Dominique Sch. habe aus eigenem Antrieb um psychologische Hilfe gebeten. Neben der Prüfungsangst leide sie unter Konzentrationsstörungen und Misstrauen bezüglich der Verlässlichkeit von Menschen. Die Psychotherapeutin konstatiert: "Im Nachhinein kann ich diese Symptomatik gut zuordnen. Sie hat etwas mit dem Mord zu tun."

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