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Dem Tod knapp entgangen

In Griechenland trennten sich die Wege: Mujda (19) kam als erste in Berlin an. Ihr Bruder Anush (20) verzweifelte in Athen, weil die Ausreise nach Deutschland monatelang nicht gelang.Foto: Anja Hamm
In Griechenland trennten sich die Wege: Mujda (19) kam als erste in Berlin an. Ihr Bruder Anush (20) verzweifelte in Athen, weil die Ausreise nach Deutschland monatelang nicht gelang.Foto: Anja Hamm © Foto: MZV
Anja Hamm / 25.01.2014, 10:00 Uhr - Aktualisiert 25.01.2014, 18:21
Hennigsdorf (MZV) "Ich hatte keine Vorstellung, was Krieg ist, was Emigration ist. Bis ich 17 Jahre alt war, hatte ich eine Familie." Anush Nejati ist heute 20 Jahre alt, mit seinen drei Geschwistern und den Eltern ist er nach fast zwei Jahren wieder vereint. Unter Todesgefahr hat der junge Afghane erleben müssen, was Krieg ist und was es heißt, auf der Flucht zu sein.

Im Mai 2010 beschließt die sechsköpfige Familie aus Herat im Westen Afghanistans ihrer Heimat für immer den Rücken zu kehren. "Es ist egal, wohin, Hauptsache weg!", sagt ihr Vater damals, erinnert sich die 19-jährige Mujda Nejati. Sie ist 14, als die Entscheidung fällt. Die Familie hat Haus und Garten in der drittgrößten Stadt Afghanistans, deren Altstadt Weltkulturerbe ist. Vater Nejibull verdient Geld als Teppichhändler und er führt ein Geschäft, Mutter Nafissa ist Lehrerin. Anush erhält privaten Englischunterricht, und sogar Mujda besucht die Schule - keine Selbstverständlichkeit. Die Taliban verbieten Mädchen den Schulbesuch und Frauen die Arbeit, erklärt Mujda. Sie gehen brutal gegen all jene vor, die sich nicht ihren fundamentalistischen Regeln beugen.

Das bekommen die Nejatis zu spüren, sie werden bedroht. Eingeschüchtert meidet Mujda die Schule. Dann wird ihr Vater Opfer eines Übergriffs Bewaffneter. Sie überfallen und schlagen den Händler auf dem Weg nach Kabul. Da reift sein Entschluss zur Flucht. Die jüngsten Kinder, Mursal und Daryush, sind 13 und 8 Jahre alt. "Meine Mutter hat sich Sorgen um unsere Zukunft gemacht", sagt Mujda.

Weil ein Onkel seit 15 Jahren in Berlin lebt, ist Deutschland das Ziel. Doch bis sich alle Familienmitglieder dort in Sicherheit befinden, vergehen fast zwei Jahre, in denen die Hoffnung, jemals anzukommen, immer wieder schwindet.

Die Familie verkauft ihr Haus, gibt Teppichhandel und Geschäft auf. Etwa 20000 Dollar kostet die Flucht mithilfe von Schleusern. Gemeinsam wollen sich die Nejatis auf den ungewissen Weg machen, 6000 Kilometer liegen vor ihnen, die sie vor allem in der schützenden und gleichwohl gefahrvollen Dunkelheit der Nacht und teils zu Fuß bewältigen werden müssen.

Wegen fehlender Dokumente trennt sich die Familie gleich zu Beginn. Anush und Mujda, die keinen Pass besitzen, gelangen mit einem Bus über die Grenze in den benachbarten Iran, wo sie auf die Eltern mit den jüngsten Söhnen treffen, die das Flugzeug nehmen. "Wir blieben in einem Haus", berichtet Mujda. Dass sie warten müssen, dass es irgendwann weitergeht, wissen die Nejatis. Sonst nichts. 15 Tage vergehen, erzählt Mujda, bis es plötzlich losgeht, nachts. Nur ein Rucksack pro Person für Essen und Getränke ist gestattet. "Alle trugen schwarze Kleidung, es gab kein Licht", schildert Mujda die unheimliche Situation. Sie werden weitergeschickt und wieder in ein Haus, wieder müssen sie abwarten, diesmal nur eine Nacht. Immer mehr Flüchtlinge kommen hinzu. Um die 20 Personen ist die Gruppe groß, erinnert sich die 19-Jährige. Es sind Afghanen und Pakistaner. Die Angst, von der iranischen Polizei entdeckt und geschlagen zu werden, beherrscht ihre Gedanken.

Im Grenzgebiet zur Türkei entgeht der 17-jährige Anush knapp dem Tod: Die Flüchtlinge schlagen sich zu Fuß durch die unwirtlichen Berge, sie fürchten die wilden Tiere, Schlangen. Nicht alle erreichen das andere Ufer eines Flusses, den sie durchqueren müssen, einige verlieren in der Wildnis die Orientierung, bleiben verschwunden. Und dann taucht die Grenzpolizei auf. Kurden, sagt Anush, der sichtlich mit sich ringt, von dieser Nacht zu berichten. Eigentlich sollte die Polizei mit Schmiergeld ruhiggestellt sein, doch einer fragt: "Wer hat euch hergebracht?" Zwei-, dreimal feuert die Polizei Schüsse in die Dunkelheit ab und Anush wird gestoßen, einen Abhang hinunter. Er kann sich an einen Baum klammern, der ihm das Leben rettet, wie er sagt. Dann bleibt er liegen, bewegt sich nicht, in Todesangst. "Ich hätte sterben können", sagt Anush.

2,6 Millionen Afghanen sind bereits geflüchtet, viele wie die Nejatis über Iran und die Türkei nach Griechenland - in die EU. Dutzende überleben den langen Weg nicht.

Mit einem Bus durchquert die Familie die riesige Türkei bis Istanbul. Es ist August und Griechenland ist zum Greifen nah. Doch zwei Wochen müssen sie in der türkischen Hauptstadt ausharren. Wieder in einem Haus, wie eingesperrt. "Wir durften nicht rausgehen", macht Mujda die beklemmende Situation deutlich. Dann geht es endlich über den Fluss Evros nach Griechenland, die Außengrenze der EU. 80 Prozent aller illegalen Einwanderer aus dem Nahen Osten und Nordafrika wählen diese Überquerung. Die Schleuser setzen die Flüchtlinge in teils kaputte Schlauchboote. Viele können nicht schwimmen, immer wieder ertrinken Menschen bei der Überfahrt. "Wir hatten richtig Angst", sagt Mujda.

Das rettende griechische Ufer aber entpuppt sich nur als die nächste Hölle für die Familie. "Ich versuche zu vergessen, was mir passiert ist", sagt Anush, den es am härtesten treffen wird. Bei der Anhörung später im Aufnahmelager in Eisenhüttenstadt, das alle in Brandenburg ankommende Asylsuchende passieren, fleht er, nicht über diese Monate berichten zu müssen.

Sieben Monate lang sitzen sie in Athen fest, in einem Land, das keine Migrationspolitik kennt und so gut wie keinerlei Chance bietet, einen Asylantrag auch nur einreichen zu können. Weil das gesamte Land unter den immensen Folgen der Krise leidet und Regierung wie Bevölkerung eigene Sorgen haben, sind sie mit der steigenden Zahl der Flüchtlinge überfordert. Wie Tiere werden die Papierlosen in Aufnahmelagern eingepfercht. Viele Flüchtlinge leben auf der Straße, wo Rechtsextreme Jagd auf sie machen. Der Weg, mittels gefälschter Pässe so schnell wie möglich weiterzureisen, ist für viele Flüchtlinge unausweichlich.

So entscheiden die Eltern, dass nun jeder allein versuchen muss, nach Deutschland zu kommen, wo sie hoffen, ihr Asylgesuch vorbringen zu können. Zusammen geht es nicht. Zunächst soll Mujda mit dem kleinsten Bruder Daryush mithilfe falscher Pässe das Flugzeug nach Berlin-Schönefeld besteigen. Ohne Glück, denn die Polizei am Flughafen stoppt die beiden. Mujda hat einen bulgarischen Pass erhalten, Daryush einen anderen. Der Schwindel fliegt auf, als Mujda angibt, sie reise mit ihrem Bruder. Mehrmals noch versucht das Mädchen ihr Glück, allein. Beim vierten Mal wird sie verhaftet, in Handschellen abgeführt. Die Polizei nimmt die Fingerabdrücke, sperrt sie zehn Tage ein. Und dann, im März 2011, gelingt ihr der Sprung ins Flugzeug. Die anderen Familienmitglieder folgen.

In Abständen von zwei, drei Wochen kommen Mursal, die Mutter mit Daryush, dann Vater Nejibull an. Nur Anush scheitert ein ums andere Mal. Wenn er den Athener Flughafen betritt, hat er das Gefühl, die Polizei hat ihn längst durchschaut. "Wenn man die Polizei sieht, wird man weiß, zittert", erzählt er. Er weiß, die Beamten wittern seine Angst.

Er kehrt immer wieder in die Stadt zurück, in der Fremdenhass in Gewalt umschlägt. Nicht die Jungen, die ihn anpöbeln, greift sich die Polizei, sondern ihn, das Opfer, berichtet Anush fassungslos, der sich fragt: "Ist das Europa?" Auch er wird am Flughafen festgenommen, 14 Tage sperrt man ihn ein. "Du musst hier bleiben bis zum Ende deines Lebens", rast es ihm durch den Kopf. Anush ist noch heute von den Erlebnissen erschüttert.

Er wird bestohlen, um mehrere 1000 Euro geprellt. Er schämt sich dafür, auf Betrüger hereingefallen zu sein, sagt er. Nach einem Jahr ist er hoffnungslos, aber gewiss: Er muss raus aus Athen. "Die Stadt ist zu gefährlich!" Über Simone Tetzlaff von der Flüchtlingsberatung in Hennigsdorf - dorthin hat die Landesausländerbehörde die Familie geschickt - erhält er Kontakt zur Veltener Pfarrerin Ute Gniewoß, die sich in Griechenland aufhält und Anush unterstützt. Es gibt scheinbar keinen anderen Ausweg, als legal nach Deutschland einzureisen. Und es funktioniert. Mehr als eineinhalb Jahre nach der Trennung sieht er die Familie in Hennigsdorf wieder.

"Es ist die glücklichste Zeit meines Lebens, ich darf zur Schule gehen", sagt Mujda über die zurückliegenden drei Jahre. Sie besucht ein Gymnasium, hat Deutsch gelernt. Ihre Geschichte erzählt sie in der neuen Sprache. Anush macht das Deutsch noch Probleme, er erzählt auf Englisch. In Hennigsdorf lebt die Familie mittlerweile in einer eigenen Wohnung - die Nejatis sind seit November 2013 nach erfolgreicher Klage als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention anerkannt.

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