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Auf Schritt und Tritt der Tod

Die beiden 14-jährigen Schülerinnen der Lenné-Gesamtschule Anna Baron (vorne) und Luca Luisa Ritz betrachten die vielen abgelegten Sträuße vor dem Mahnmal in der Erschießungsanlage Station Z.
Die beiden 14-jährigen Schülerinnen der Lenné-Gesamtschule Anna Baron (vorne) und Luca Luisa Ritz betrachten die vielen abgelegten Sträuße vor dem Mahnmal in der Erschießungsanlage Station Z. © Foto: MZV
Anna Fastabend / 09.03.2014, 09:00 Uhr - Aktualisiert 10.03.2014, 08:59
Oranienburg (MZV) Das Grauen begleitet die Schüler der Potsdamer Lenné-Gesamtschule auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen bei jedem Schritt. Während ihres Projekttages, bei dem sie sich mit der Lebenssituation der Häftlinge auseinandersetzen, bewegen sie sich zwischen Fassungslosigkeit und Verdrängung.

Die Neuntklässler trudeln am Donnerstagmorgen aus allen Richtungen des weitläufigen Areals auf dem Appellplatz ein. Zwischen 1936 und 1945 mussten sich die Inhaftierten hier täglich bei Wind und Wetter im Morgengrauen aufstellen. Die SS-Männer zählten durch, um zu überprüfen, ob ein Häftling über Nacht geflohen war. Einmal mussten die Gefangenen deshalb 14 Stunden an Ort und Stelle ausharren.

Die 17 Mädchen und Jungen, die hier jetzt etwas verloren herumstehen, sehen müde aus. Sie sind wegen der langen Anfahrt von Potsdam nach Oranienburg in aller Frühe aufgestanden. Und sie haben bereits die Einführung vom Museumspädagogen Jan Haverkamp und die Erkundung des Geländes in Arbeitsgruppen hinter sich.

"Auf die Exkursion habe ich mich zunächst gefreut", erzählt eine Schülerin, "doch jetzt habe ich das Gefühl, dass überall, wo ich hintrete, ein Mensch gestorben ist." Der Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen ist für die meisten Schüler die erste richtige Konfrontation mit den Schrecken der NS-Zeit - nicht alle wissen, wie sie damit umgehen sollen. Ein Junge hält sein Smartphone in den trüben Himmel und dreht sich im Kreis. "Was machst du?", fragen seine Mitschüler. "Ein Panoramabild", mutmaßt einer.

Als sich alle gleichzeitig durch den schmalen Eingang der ehemaligen Häftlingsbaracke drängen, fragt eine Schülerin: "Wie haben hier denn über 500 Menschen hineingepasst, wenn es schon für uns eng wird?" Die 14- bis 15-jährigen Mädchen und Jungen werfen einen flüchtigen Blick in den Toilettenraum und auf die Schlafstätte. Hinter einer Glaswand stehen dicht an dicht gedrängt Hochbetten aus Holz. Teilweise mussten sich zwei bis drei Häftlinge ein Bett teilen, sagt Haverkamp, und das lässt die Lebensumstände der inhaftierten Menschen noch unvorstellbarer werden. Die Schüler halten es keine fünf Minuten in dem bedrückenden Gebäude aus. Wieder an der frischen Luft will eine Schülerin wissen: "Gab es denn Matratzen?" Als Haverkamp dies bejaht, erscheint den Schülern eine solche Annehmlichkeit fast ungeheuerlich. Doch sie wird von dem Museumspädagogen sogleich relativiert. "Sie waren aus Stroh, das kaum gewechselt worden ist", erzählt er.

Überlebende berichteten, dass die Matratzen voller Ungeziefer waren. Wenn in der Nacht ein Häftling gestorben war, entleerten sich infolge der Körpererschlaffung auf der Unterlage zudem Blase und Darm. Pure Schikane war es, dass die SS-Männer trotzdem peinlich darauf bedacht waren, dass die Betten morgens ordentlich gemacht wurden. "Sonst oder auch ohne Grund schlugen sie die Gefangenen zusammen."

Jan Haverkamp ist ein junger Mann mit verwuschelten braunen Haaren und einem entspannten Auftreten. Er hat Geschichte und Politikwissenschaften studiert. Projekttage mit Schülern zwischen 14 und 15 Jahren veranstaltet er zweimal in der Woche. Es ist zu merken, dass er viel Erfahrung hat, ein so sensibles Thema altersgerecht zu vermitteln. Dazu gebraucht er eine einfache, aber keine beschönigende Sprache.

Die Jugendlichen präsentieren die Ergebnisse der Gruppenarbeit vor der ehemaligen Gefangenenbaracke, in der Häftlingsküche und vor dem Gedenkturm. In wenigen Sätzen erzählen die Neuntklässler vom Ziegelwerk, in dem die KZ-Häftlinge Zwangsarbeiten verrichten mussten, bis sie tot umfielen. Von der Hungersnot, den medizinischen Experimenten und dem Umgang der Oranienburger mit dem Lager.

"Im Geschichtsunterricht sind wir erst beim Versailler Friedensvertrag", sagt eine Schülerin. Allerdings hätten viele von ihnen Anne Franks Tagebuch gelesen. Vor diesem Hintergrund erscheint die dreiviertelstündige Gruppenarbeit kurz, um einen Vortrag vorzubereiten.

Den anderen zuzuhören, fällt dabei nicht immer leicht. Zum einen finden die Schüler es viel interessanter, das Areal auf eigene Faust zu erkunden. Zum anderen ist es fast unmöglich die Geschichten auszuhalten. Ihre Hilflosigkeit zeigt sich darin, dass sie ab und zu abgelenkt wirken und über andere Themen sprechen. Auch ihre Handys nutzen sie als mögliche Zufluchtsorte. Immer wieder lesen sie darin oder fotografieren Baracken und Mitschüler, ohne so genau zu wissen, warum.

Als der Kopf eigentlich schon randvoll mit unfassbaren Bildern ist, führt Jan Haverkamp die Schüler noch zur Station Z. In dem zu DDR-Zeiten abgerissenen Gebäude wurden massenhaft sowjetische Kriegsgefangene durch Genickschuss getötet. "Der Todeskandidat wurde nichts ahnend an eine Körpermesslatte gestellt, dahinter war ein Loch in der Wand, durch das ihm ins Genick geschossen wurde", sagt der Museumspädagoge. Damit niemand die Schüsse hörte, wurde Marschmusik gespielt. "Das ist so krank", fast einer der Schüler das Gehörte zusammen. Eine andere sagt: "Mir läuft es hier eiskalt den Rücken herunter."

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