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Schüler des Hedwig-Bollhagen-Gymnasiums treffen in Gedenkstätte auf KZ-Überlebenden Alexander Fried

Reden, um zu verstehen

Anna Fastabend / 21.03.2014, 09:00 Uhr
Oranienburg (MZV) Alexander Fried hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, gegen das Vergessen anzukämpfen. Er war 19 Jahre alt, als er in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert wurde. In der Gedenkstätte erzählt er Schülern des Veltener Hedwig-Bollhagen-Gymnasiums von seinen Erinnerungen.

"Für mich ist es nicht einfach gewesen, hierher zu kommen", wird Alexander Fried später sagen, als er sich nach dem intensiven Gespräch mit den Elftklässlern am Donnerstagvormittag zum ersten Mal richtig hinsetzen kann. Es ist sein dritter Besuch in Sachsenhausen, und doch: "Ich habe sehr schlecht geschlafen. Meine Frau, die normalerweise in einem anderen Raum nächtigt, musste sogar herüberkommen, um mich zu beruhigen."

Beim Rundgang zuvor umringen die 16- und 17-jährigen Schüler den 88-jährigen Geschichtsprofessor - und ihre Fragen wollen einfach nicht versiegen. Die Mädchen und Jungen möchten wissen, wie die Ankunft war, das Leben in den Baracken - und ob Alexander Fried im Lager jemals an Selbstmord gedacht hat oder an Flucht.

Aus der Begegnung der Gymnasiasten mit dem Zeitzeugen soll ein Film entstehen. Der Schwerpunkt des Projekts liegt darauf, wie es Kindern und Jugendlichen damals in Sachsenhausen ergangen ist. "Bisher wurde minderjährigen Häftlingen nicht viel Beachtung geschenkt", erklärt Initiatorin Astrid Ley. Der Film soll Jugendlichen helfen, sich besser in die Situation der Gefangenen hineinzuversetzen.

"Am Bahnhof von Oranienburg ist mir als Erstes die Fraktur-Schrift aufgefallen, die hatte ich noch nie zuvor gesehen", erinnert sich der Professor zurück. "Es war ein düsterer und bitterkalter Tag im Dezember 1944", erzählt er. Der aus der Slowakei stammende Fried war einer von tausenden jüdischen jungen Menschen, die aus den im Osten gelegenen Konzentrationslagern nach Sachsenhausen gebracht worden waren. "In meinem Waggon waren fast hundert Menschen eingepfercht", erzählt Fried. Als der Zug hielt, versuchten neun Jungen zu fliehen. Er selbst hatte schon den Fuß in der Tür, als er sah, dass diese Jungen erschossen wurden. "Wie die Hunde jagten sie uns dann vom Bahnhof zum Konzentrationslager", sagt Fried - und zwar nicht die SS-Männer, sondern die Kapos, Häftlinge, die die anderen Gefangenen beaufsichtigen sollten.

Alexander Fried, der mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Ferdinand nach Sachsenhausen verschleppt worden war, lebte mit anderen Jugendlichen in einem extra Bereich in Sachsenhausen. Während sein Bruder im Krankenrevier Spritzen verteilen musste, zwang man ihn, im Heinkel-Werk zu schuften. Dort wurden Kampfflugzeuge hergestellt. Da er der Älteste beim Essen an seinem Tisch war, wurde er zum Brandschutzbeauftragten ernannt. Warum es eine solche Position überhaupt gab, kann er sich bis heute nicht erklären. Er bekam deshalb aber eine Portion mehr von der täglichen Suppe, die wie Kaffee aussah und schrecklich schmeckte. Die anderen Jugendlichen beschimpften ihn deshalb.

Detailliert und bildgewaltig berichtet Alexander Fried den Schülern von seinen Erlebnissen - auch von der Zeit nach der Befreiung: Zwei "wunderschöne" Pferde zogen die Kutsche, die ihn auf seinem Weg nach Hause bis nach Stettin brachte. Immer wieder muss seine Frau Dorothea Woiczechowski ihn bremsen und daran erinnern, dass er nicht zu sehr in den Redefluss kommt.

"Wir haben diskutiert, ob es beim Fragen stellen eine Schmerzgrenze gibt", erzählt Schülerin Rebecca Jurat. Doch sie seien darin übereingekommen, dass man alles fragen dürfe, solange man sensibel dabei sei. Und Alexander Fried beantwortet alle Fragen - auch die nach den Selbstmordgedanken: Sein Glaube habe ihm geholfen, nicht aufzugeben. Gestellt hat die Frage Paul Schmidt. Für ihn ist es "eine besondere Erfahrung, einen Zeitzeugen persönlich kennenzulernen". Er verstehe das Geschehene so besser, als durch Fakten und Zahlen.

Während des Rundgangs hat Alexander Fried den Jugendlichen seine Telefonnummer gegeben. Er findet es wichtig, dass die Verbindung zwischen jüdischen und deutschen Bürgern gepflegt wird und die Schicksale der KZ-Insassen nicht in Vergessenheit geraten.

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