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Helfen, ohne zum Opfer zu werden

Anti-Gewalttrainer Chaska Stern am U-Bahnhof Wedding in Berlin
Anti-Gewalttrainer Chaska Stern am U-Bahnhof Wedding in Berlin © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 21.03.2014, 18:02 Uhr - Aktualisiert 22.03.2014, 10:59
Berlin (MOZ) Was tun, wenn U-Bahn-Schläger mit Prügeln drohen oder sich Skinheads plötzlich um einen Ausländer versammeln? Chaska Stern, Coach für Zivilcourage, bringt Menschen bei, wie man helfen kann, ohne selbst zum Opfer zu werden.

Wenn Chaska Stern die U-Bahn betritt, scannen seine Augen erst einmal das Abteil. Was für Leute sind im Waggon? Wo hängt die Notbremse? Wo ist der Türnotöffner? "Das mache ich inzwischen ganz nebenbei", sagt der 42-jährige Berliner. Aufmerksam sein - das ist das erste, das er seinen Schülern beibringt. Chaska, der seinem Gegenüber gerne das Du anbietet, ist Anti-Gewalttrainer. Wir sind zu einer Tour durch die Stadt verabredet. Worauf sollte ich achten, um mich zu schützen? Wie kann ich helfen, wenn sich Gewalt anbahnt?, lauten die zentralen Fragen. Treffpunkt ist der Alexanderplatz. Nur ein paar Meter weiter wurde Jonny K. zu Tode getreten. Meldungen von Überfällen und Schlägereien wechseln sich fast wöchentlich ab.

Auch Chaska wurde hier schon mal angegriffen. Ein Mann fühlte sich scheinbar von seiner dunklen Hautfarbe provoziert. "Du nimmst uns das Geld, die Arbeitsplätze weg", brüllte er ihn auf dem Bahnsteig an. Chaska, der mehrere Kampfsportarten beherrscht, blieb ruhig, tat so, als würde er mit einem Freund telefonieren und diesen als Zeugen mit einbeziehen. "Ich vermied den direkten Augenkontakt, signalisierte aber mit einer aufrechten Haltung, dass ich keine Angst habe." Ziemlich bald stellten sich zwei Frauen zwischen Chaska und den Angreifer, nahmen ihn mit in die Bahn. Ein Musterbeispiel, freut sich Chaska. "Immer das Opfer aus der Situation herausholen, nie den Aggressor angehen", ist eine der Grundregeln, die er immer wieder predigt. An diesem Abend muss sie keine Anwendung finden. Die breiten Gänge des U-Bahnhofes sind belebt. Immer wenn die Züge neue Massen ausspucken, begutachtet Chaska die Ströme intensiver. "Gehört die Clique wirklich zusammen? Oder gehen da vielleicht Taschendiebe auf Tuchfühlung? Die Reißverschlüsse von Chaskas Rucksack sind so genäht, dass man ihn abnehmen müsste, um sie zu öffnen. In seiner Jacke hat er ein zweites, altes Telefon, bei dem es ihn nicht weiter schmerzen würde, falls er es rausrücken müsste. Nie würde er mit Kopfhörern durch einen Park laufen. "Ich komme aus dem Urwald, da braucht man alle Sinne, damit man nicht auf ein tödliches Tier tritt", sagt Chaska, der als Indianer-Kind in Ecuador geboren wurde und als Kleinkind seine Eltern verlor. "Hier ist der Großstadtdschungel."

Obwohl der breitschultrige Mann, der seit seinem sechsten Lebensjahr Kampfsport treibt, einen Angreifer mit nur einem Finger fixieren kann, ist er ist prinzipiell erst einmal für die gewaltfreie Lösung. "Überrasche den Angreifer, sei kreativ, bringe ihn aus dem Konzept, indem Du beispielsweise plötzlich laut anfängst zu singen", lauten seine Ratschläge. Die Stimme ist die beste gewaltfreie Waffe. So laut wie möglich rufen, und dabei klar und aktiv sagen, was der andere tun soll. "Stopp - gehen Sie weg". Auch das "Sie" sei wichtig, damit das Umfeld weiß, dass es sich hier nicht um ein harmloses Gekappel unter Kumpels handelt. Öffentlichkeit herstellen, heißt die Devise. Andere potenzielle Helfer aktiv mit einbeziehen, schon bevor sich die Gewaltspirale anfängt zu drehen. "Viele bringen sich auch selbst in Gefahr", sagt der Anti-Gewalttrainer, der es durchaus für eine gute Lösung hält, auch mal rechtzeitig die Straßenseite zu wechseln.

Der S-Bahnhof Gesundbrunnen in Wedding wirkt am Abend ziemlich dunkel. In einer Ecke leert ein Trinker seine Flasche. Ein Junkie torkelt ziellos umher. "Menschen, die sich abends allein fürchten, sollten sich in der Nähe der Notrufsäulen und direkt vor den Überwachungskameras aufhalten, rät der Coach. Einen potenziellen Aggressor kann man dann darauf hinweisen: "Pass auf, da ist die Kamera! Du kannst entscheiden, ob Du morgen in der Zeitung stehst. Noch ist nichts passiert...."

Ortswechsel. Chaska Stern steht vor Teilnehmern des Volkshochschul-Kurses "Mutig - mulmig" in Lichterfelde Ost. Menschen zwischen 30 und 50, die sich in ihrem Bildungsurlaub mit dem Thema Zivilcourage auseinandersetzen. Da ist die zierliche Frau, die ihren Mann am liebsten wegzieht, wenn sich irgendwo Unheil anbahnt. Oder die Arzthelferin, die auf der Geburtenstation eine arabische Clan-Mutter abwehren musste, die versuchte, auf ihre Tochter und das Neugeborene einzustechen. Die einen wollen mutiger werden, die anderen wollen lernen, besonnener zu reagieren. Chaska Stern zeigt ihnen einen Youtube-Film, in dem vermummte Einbrecher am helllichten Tag auf einer belebten Straße die Scheiben eines Juweliers einschlagen. Einzig eine alte Frau läuft herbei und schlägt mit einer Handtasche die Räuber in die Flucht, während ein Polizist sich nur langsam nähert. Die Kursteilnehmer sind empört. Der Coach beschwichtigt sie. "Selbst Beamten wird beigebracht, nie allein in eine Situation mit mehreren Tätern zu gehen, sondern erst einmal Verstärkung zu ordern", mahnt er. Wir sind alle keine Supermänner, lautet die Message. "Aber wir können trotzdem etwas tun. Mindestens Hilfe holen". Chaska hat dazu eine Notruf-App auf seinem Smartphone. Neben den wichtigsten Nummern und Erste-Hilfe-Anleitungen hat sie eine GPS-Ortung. "Viele wissen in einer Stresssituation gar nicht, wohin sie die Polizei rufen sollen", erklärt er. Das ansteigende Adrenalin im Körper bringe auch Beine zum Zittern, könne sogar lähmend wirken, aber auch dafür sorgen, dass man über sich hinauswächst und schmerzunempfindlicher wird, erklärt der Coach, der viel von Security-Firmen gebucht wird.

Den Teilnehmern in der Volkshochschule zeigt er einfache Übungen, wie man sich ohne viel Kraft aus einem Klammergriff befreit. Wie man seinen Kopf am besten gegen Angriffe schützt oder die größte Schlagkraft aus der Hand herausholt. Mit der Taschenlampe könne man nachts im Park sein Gegenüber nicht nur blenden, sondern sie auch als Waffe umfunktionieren. Selbstschutz böten zur Not auch ein paar Münzen locker in der Hosentasche. Wer sie einem Angreifer mit voller Wuchte ins Gesicht schleudere, könne wertvolle Sekunden zur Flucht gewinnen. "Beim Rückzug aber nie rückwärts, sondern nur seitlich gehen", warnt der Trainer. "Die Stolpergefahr ist einfach zu groß."

Die Kursteilnehmer sind gebannt. Der Funke ist übergesprungen. Es sind nicht nur seine einfachen wie wirksamen Tipps, sondern vor allem auch die Leidenschaft, mit der Chaska Stern, der bei Adoptiveltern in der Nähe von Hannover aufwuchs, seine Philosophie rüberbringt. Am Ende des Vortrages zeigt er Bilder von seinen Kindern, spielend an einem Sommertag. "Das Leben ist viel zu schön, um es leichtfertig aufs Spiel zu setzen", sollen sie sagen.

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D. Wolf 22.03.2014 - 07:49:50

D. Wolf

Skinhead und Rechte als Schläger zu identifizieren ist leicht. Linke Caoten zu erkennen ist schwer. Also ist man immer auf dem linken Auge blind. Armes Deutschland

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