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Maske auf, Musik an, Schritt nach vorn

Wilde Mischung: Die Mitglieder der Tanzcrew Faceless entwickeln aus amerikanischem Hip-Hop, venezianischen Masken und pantomimehaften Bewegungen einen eigenen unverwechselbaren Stil.
Wilde Mischung: Die Mitglieder der Tanzcrew Faceless entwickeln aus amerikanischem Hip-Hop, venezianischen Masken und pantomimehaften Bewegungen einen eigenen unverwechselbaren Stil. © Foto: MZV/Anna Fastabend
Anna Fastabend / 22.03.2014, 10:00 Uhr - Aktualisiert 22.03.2014, 10:56
Velten (MZV) Ihre Vorbilder kommen aus den USA. Bei ihren Auftritten haben sie venezianische Masken auf - selbst im Interview wollen sie anonym bleiben. In ihrem Video "Dancing all over the World" tanzen sie in China und der Türkei. Und doch ist und bleibt ihre Basis Velten, denn dort hat sich Faceless erfunden.

"Are you ready to step", steht in weißen Buchstaben auf dem T-Shirt eines Crew-Mitglieds. Freitagabend im Jugendclub Oase: Gummisohlen quietschen über den Fliesenboden, Hände schlagen auf Brustkörbe, klatschen zusammen. Faceless macht erst mal Trockenübungen ohne Musik. Der Raum, in dem die Crew wöchentlich für drei Stunden probt, sieht so gar nicht nach Tanzstudio aus. Er ist dunkel, und an den Wänden hängen statt großen Spiegeln uralte Kinoplakate.

Faceless gibt es seit 2009, damals gründete sich die Crew aber nur für ein einmaliges Tanzprojekt am Veltener Hedwig-Bollhagen-Gymnasium. Schon bei ihrem ersten Auftritt trugen die Mitglieder Masken. "Das haben wir uns von der Hip-Hop-Crew Jabbawockeez abgeguckt", erzählt eines der Gründungsmitglieder. "Wir wollten unsere Gesichter nicht zeigen, weil wir damals noch nicht so gut tanzen konnten", erklären sie die Maskerade. So richtig los ging es dann aber erst 2011. Und seitdem treten die mittlerweile neun Tänzer im Alter von 14 bis 22 Jahren, unter denen sich nur ein Junge befindet, regelmäßig bei Ereignissen wie Schulfesten und Neujahrsempfängen auf.

Das Zitat "Ich weiß ja nicht, ob Sie es schon wussten", von Kabarettist Rüdiger Hoffmann tönt laut aus dem CD-Player. Dann spricht eine Frauenstimme: "Hier gibt's ne fette, fette Party." Kurze Pause - Bässe wummern, und der amerikanische Hipp-Hopp und Elektronik-Künstler Redfoo ruft mit schrill quäkender Stimme in Dauerschleife: "Let's get ridiculous" (Kommt, wir machen uns lächerlich). Ein Mitglied zählt: "Zwei, drei, vier." Die Tänzer machen Schritte nach vorn, hinten, zur Seite, bewegen dabei roboterartig Hüften, Schultern, Arme - schnell, langsam, schnell. Sie stoppen abrupt, bleiben wie eingefroren in ihrer Pose stehen. Zu "I like to move it" vom Rapper Duo Real 2 Real bewegen sie ihre Hände so, "als ob wir Kuhmelker wären", albern die Tänzer herum.

Darauf, dass sie eine Crew und keine Tanzgruppe sind, legen die Mitglieder von Faceless viel Wert. Der Unterschied ist, erklären sie, dass es bei ihnen keinen Leiter gibt, sondern alle gleichberechtigt sind. "Jeder schmeißt seine Ideen rein", erzählt ein Mitglied. So entwickelt jeder Teile der Choreografie und bringt sie den anderen bei - und die Schrittfolgen sitzen bereits nach einem Training ziemlich gut, sagen sie. "Darüber hinaus sind wir auch außerhalb des Trainings befreundet, treffen uns zum DVD-Gucken, Kochen, Feiern." Bei Faceless wird zudem alles demokratisch entschieden - auch, dass die Tänzer ihre Namen nicht nennen. Denn nicht der Einzelne, sondern die Performance steht im Vordergrund, lautet die Begründung. Ganz in der Tradition von Tanzcrews wie den mexikanischen I.aM.mE spielt das Geschlecht bei Faceless keine Rolle. Eines ihrer größten Vorbilder ist daher die HipHop-Tänzerin Chachi Gonzales, die zu I.aM.mE gehört. Die 18-Jährige mit dem Puppengesicht und den schlabberigen Jogginghosen bewegt sich in einer Mischung aus Akrobatik, Kampfsport und Ballett ebenso lässig wie ihre männlichen Tanzpartner. Auch bei Faceless gibt es keine geschlechterspezifischen Bewegungen.

Wenn die Tänzer die Masken abnehmen, kehren sie in ihren Alltag zurück. Eine professionelle Tanzkarriere einzuschlagen, kommt für sie nicht in Frage - obwohl die meisten von ihnen schon tanzen, seitdem sie laufen können und die unterschiedlichsten Disziplinen von Standard über Streetdance bis zu lateinamerikanischen Tänzen beherrschen. "Wir sind Realisten", sagen sie und geben zu bedenken, dass sich viele Künstler mit prekären Arbeitsverhältnissen begnügen müssen und das Verletzungsrisiko hoch sei. Nach dem Auftritt kehren sie gern in ihren Alltag zurück, gehen zur Schule, arbeiten als Versicherungsangestellte oder studieren Wirtschaftsinformatik.

Dann hält es sie plötzlich nicht mehr auf den Stühlen - auf denen sie für dieses Gespräch gesessen haben. "Wir müssen weiter proben." Bis zu ihrem nächsten Auftritt zum 100-jährigen Jubiläum des Runge-Gymnasiums in Oranienburg am 12. April ist es nicht mehr lange hin.

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