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Atelier im schwarzen Stall

Roland Rother
Roland Rother © Foto: MOZ/ Uwe Stiehler
Uwe Stiehler / 30.03.2014, 15:30 Uhr
Briesen (MOZ) Frankfurt (Oder) und Roland Rother – das kann man sich wie eine dieser unglücklichen Beziehungen vorstellen, in der sich der eine verzehrt und der andere mit tiefgekühlter Emotion die Zugeneigtheit zur Einbahnstraße macht.

Roland Rother ist in Frankfurt geboren – am 29. März vor 70 Jahren. Er ist dort aufgewachsen. Er kennt die Stadt noch als Trümmerfeld, kennt noch ihren alten Grundriss mit den engen Gassen, durch die sich quietschend die Straßenbahn schlängelte. Er hat mit angesehen, wie die Reste der Altstadt unter Neubaublöcken begraben wurden, wie neue Viertel entstanden. Quader an Quader gebaut. Dass dieser ästhetischen Sterilität etwas fehlt, hat man in Frankfurt bemerkt, als es die DDR noch gab. Da wurde Kunst gekauft, um die neuen Quartiere aufzuhübschen. Auch Werke von Rother.

So bekam er in den 80er-Jahren den Auftrag, ein Wahrzeichen für die Stadt zu schaffen. Roland Rother dachte an einen stilisierten Hahn, das Wappentier, sechs Meter hoch. Aus Bronze sollte er sein. Ist nicht billig, hält aber ewig. Zwei Jahre arbeitete er an dem Gips-Entwurf, der als Vorlage für die Gussform dient. Als er fertig war, gab es die DDR nicht mehr. Rothers Entwurf wurde zerteilt, eingelagert, aber nie für einen Guss verwendet. Vor zwei Jahren ließ die Stadt, die ein Kulturbüro besitzt, das sich die „Restaurierung, Bestandspflege und -verwaltung“ der Kunst im öffentlichen Raum zur Aufgabe gemacht hat, den Hahn schreddern. Aus Platzgründen, hieß es. Rother?hätte den Hahn ja abholen können. „Das war meine größte Arbeit. Mein Hauptwerk“, meint der Bildhauer verbittert.

Es bleibt anderes von ihm. Sein „Phoenix“, der in Frankfurt zwischen neuer Mensa und Ziegenwerder steht. Der geologische Park und die Bronze „Großes Liebespaar“, in der Mann und Frau wie in einem ewigen Kreis ineinander übergehen. Beides hat er für Eisenhüttenstadt geschaffen. In Fürstenwalde, Beeskow und Eberswalde sind seine Figuren und Reliefs zu finden, in Mallnow bei Lebus und in Kienitz an der Oder seine Kriegs-Mahnmale. Die Friedrich-Statue von Neutrebbin im Oderbruch ist ebenfalls von Rother. Er hat ihren Vorgänger, der seit 60 Jahren verschwunden ist, originalgetreu nachempfunden. Und auch zur Verschönerung von Berlin-Hohenschönhausen trug er mit der Figurengruppe „Element Wasser“ bei. Wie er das alles geschafft hat? „Das frage ich mich heute auch“, sagt er. „Ich habe bei solchen großen Aufträgen immer gemerkt, dass ich mehr kann, als ich von mir weiß.“

Er habe an der Hochschule in Berlin-Weißensee eine sehr gute Ausbildung genossen. Er fing dort als Spätberufener an, hat vorher Maler und Lackierer gelernt. „Ich hätte den Beruf weitergemacht, wenn ich in Berlin nicht angenommen worden wäre.“ Ein Freund hatte ihn überredet, sich mit ihm zu bewerben. Rother?wurde genommen, der Freund nicht. Er fing dann in Dresden an und reiste später in die Bundesrepublik aus. „Ich wollte nicht mit“, meint Roland Rother. „Man konnte auch in der DDR bleiben, ohne sich zu verbiegen.“

Nach dem Studium ging er wieder nach Frankfurt. „Ich hätte in Berlin bleiben können. Aber das war nicht meine Welt.“ Er suchte sich ein Zweitquartier auf dem Lande und fand einen Hof in Wilmersdorf, das heute zu Briesen gehört. Das Haus war vor dem Krieg ein Mädchenheim. Dahinter stand, was der Bildhauer den „schwarzen Stall der LPG“ nennt. Da hielt die Kolchose Kühe, die in keiner Buchhaltung auftauchten und für Tauschgeschäfte mit den sowjetischen Truppen vorgesehen waren. Die LPG, erzählt Rother, habe sich durch diese Untergrundwirtschaft Diesel für ihre Fahrzeuge und einen Bergepanzer besorgt, mit dem sie die Silage zusammenpressen konnte. Das war zu einer Zeit, als Rother der Bart lang wuchs, Künstler wie Künstler aussehen wollten und er zu Pleinairs fuhr, „um ein bisschen rumzuspinnen. Ich war enttäuscht, dass hinterher alles große Kunst sein sollte.“

Er hat das Grundstück mit Haus und Stall noch vor dem Ende der DDR erwerben können und sich dort eine Wohnung und eine große Werkstatt eingerichtet. Er ist 1991 dorthin ganz ausgewandert, als seine Aufträge wegbrachen, aber die Mieten für seine Frankfurter Wohnung und sein Atelier sich vervielfacht hatten. Seitdem, auch das empfindet er als Stachel, hat er, der sich immer noch als Frankfurter fühlt, kaum mehr da ausstellen können.

So ist die Schau zu seinem 70. Geburtstag auch nicht in Frankfurt, sondern im Städtischen Museum in Eisenhüttenstadt zu sehen. Rother zeigt Plastiken, die in den vergangenen 20 Jahren entstanden sind. Sinnliches und auch Aggressives. Eine Serie zum Beispiel, die von Kleists martialischem Stück „Penthesileia“ und den „entkoppelten Hunden“ inspiriert wurde, die gemeinsam mit Penthesileia Achill zerfleischen.

Man sieht in dieser Ausstellung auch seine Leidenschaft für die kleine Form und warum Rother?zu den wichtigsten Vertretern deutscher Medaillenkunst gehört. „Solche winzigen Arbeiten haben etwas sehr Sinnliches“, sagt er. „Man kann sie in die Hand nehmen, sie mit den Fingern betrachten.“ Ihm sei nichts zu simpel, nichts zu klein, meint er. Zu seinen Lieblingsarbeiten im kleinen Format gehört ein Knäuel aus vier Schneckenhäusern, die aneinander haften. Bronze, liegt schwer in der Hand. „Gruppensex“, sagt Rother trocken. Dann blitzt es in seinen Augen. „Das hat schon was, wenn man es in vier Richtungen schnecken lässt.“

„Zweierlei Art“, Roland Rother und Günter Neubauer von Knobelsdorff“, bis 6.4., Städtisches Museum und Galerie, Löwenstr. 4, Eisenhüttenstadt

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