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Einst bedeutende alte Kartoffelsorten sind heute wieder begehrt / Gärtner suchen nach Besonderheiten

Der fast vergessene Reichskanzler

Der Kanzler in der Scheune: Reger Andrang an den Kartoffelkisten mit den klangvollen Namen
Der Kanzler in der Scheune: Reger Andrang an den Kartoffelkisten mit den klangvollen Namen © Foto: Stefan Csévi
Oliver Schwers / 31.03.2014, 06:50 Uhr - Aktualisiert 31.03.2014, 10:04
Greiffenberg (MOZ) Der Züchter Wilhelm Richter aus Zwickau muss ein patriotischer Anhänger Otto von Bismarcks gewesen sein. Nicht anders ist es zu erklären, dass er eine seiner beiden berühmtesten Kartoffelzüchtungen "Reichskanzler" nannte. Die 1885 entstandene Sorte wurde schnell zu einer der damals meistangebauten Standard-Kartoffeln. Die spätreife mehligkochende Knolle mit auffallend hellem Fleisch und der rötlichen Schale ist mehr als einhundert Jahre später nur noch den echten Kartoffelkennern bekannt. Denn neue Sorten mit größeren Formen und den bis heute beliebten gelben Schalen lösten den Reichskanzler ab und verwiesen ihn fast ins Reich der Geschichte.

Mehr als 100 nahezu vergessene Kartoffelsorten aus vielen Ländern warten auf Liebhaber: Pünktlich zur neuen Gartensaison können Interessenten in Nordbrandenburg seltene Pflanzkartoffeln kaufen. Der VERN ( Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg) bietet sie am Samstag (29. März) beim alljährlichen Pflanzkartoffeltag im Angermünder Ortsteil Greiffenberg (Uckermark) an.
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Pflanzkartoffeltag

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Allerdings finden Kenner immer wieder Gefallen an ausgefallenen Sorten. Und so wanderten die kleinen Pflanzexemplare des Kanzlers aus den Kartoffelstiegen des Greiffenbergers Vereins zum Erhalt und zur Rekultivierung von Nutzpflanzen (VERN)in die Einkaufstüten zahlreicher Kleingärtner und Hausbesitzer. Beim Pflanzkartoffeltag in der Pfarrscheune der evangelischen Kirche machten sich die neugierig suchenden Käufer aus allen Teilen Brandenburgs allerdings wenig Gedanken über die historische Herkunft der Speisekartoffeln. Was zählt, ist das Besondere. Und ganz besonders sind nun mal wenig bekannt Formen, Farben und Geschmacksrichtungen.

Mit seinem derzeitigen Angebot von rund 50 meist alten Sorten kann der VERN diese Nachfrage gut bedienen. Sein Ziel: Die Weitervermehrung bedrohter Züchtungen. Schuld an der Gefährdung dieses essbaren Kulturguts ist eigentlich die Werbung. Denn die deutsche Hausfrau folgte seit dem Siegeszug der Kartoffel den Lobpreisungen immer neuer Züchtungen und vergaß dabei die alten. So verschwanden rote und violette, kleine, hörnchenförmige und sonstige Knollen vom Küchentisch, während sich die dicke Gelbe den meisten Platz auf dem Teller verschaffte. Weißfleischige galten gar nur als Tierfutter. "In England ist das genau anders herum", weiß Christof Blank vom VERN.

Ganz nebenbei konnte die Landwirtschaft rein praktische Erwägungen umsetzen. Schließlich lassen sich gelbe Knollen viel besser aus dem Acker klauben. Und auch bei Krankheiten, Geschmack und Anbaubedingungen waren neue Kartoffeln eben im Vorteil.

Die Sache mit den Neuen hat allerdings einen Haken: "Gerade alte Sorten können wieder als Grundlage für neue Züchtungen mit wieder besseren Eigenschaften dienen", verteidigt Christof Blank die Tradition von Reichskanzler und Co. und deren Ehre. Kooperationspartner des Vereins bauen regelmäßig die Pflanzkartoffeln an, um die Vermehrung zu sichern. Den Rest erledigen die in den Startlöchern stehenden Kleingärtner, die längst ihre Böden vorbereitet haben. Das geradezu erstaunliche Interesse des weitgereisten Publikums, das sich auch noch um die Greiffenberger Straßensperrung herumkämpfen musste, erklärt Christof Blank mit einem stärkeren Bewusstsein für die Naturvielfalt und mit einem zielgerichteten Sinn der Menschen, zum Erhalt des Reichskanzlers und seiner Kollegen beizutragen.

Die Bauern der Uckermark sehen den Kartoffelanbau heute eher als Privatsache an. Die Hektarzahlen sind minimal. Der Reichskanzler bringt kein Geld.

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