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Interview mit Hans von Storch: "Ich habe keine Angst vor dem Klimawandel"

Hans von Storch ist Klimaforscher und Experte für den Küstenschutz.
Hans von Storch ist Klimaforscher und Experte für den Küstenschutz. © Foto: dpa
Ina Matthes / 31.03.2014, 08:04 Uhr - Aktualisiert 31.03.2014, 10:45
Hamburg (MOZ) Heute veröffentlicht der Weltklimarat IPCC seinen neuen Bericht über die Folgen der Erderwärmung. Ina Matthes sprach mit dem Klimaforscher Hans von Storch über Risiken, Vorsorge und die Unsicherheiten in der Forschung.

 

 

Herr Professor von Storch, der vergangene Winter war der viertwärmste seit 1881. Müssen wir uns auf mehr milde Winter gefasst machen?

Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir vermehrt derartige Winter bekommen. Das heißt aber nicht, dass es jetzt keine Winter mit Schnee mehr gibt. Es gibt sie nur weniger oft.

 

Um solche Folgen des Klimawandels geht es im zweiten Teil des neuen Berichtes des Weltklimarates IPCC, der am Montag vorgestellt wird. Was erwarten Sie von dem Bericht?

Die IPCC-Berichte sind gemeint als eine Beschreibung des gegenwärtigen Standes des wissenschaftlichen Wissens. Insofern rechne ich nicht mit großen Überraschungen. Uns ist ja so ungefähr klar, worüber wir einvernehmlich Wissen haben. Vielleicht gibt es einiges Unerwartetes für die Öffentlichkeit. Der vorhergegangene zweite Teil des Sachstandsbericht von2007 hat ja einigen Ärger erzeugt wegen nachgewiesener Schlampigkeit. Diese Schlampigkeiten gingen alle auffällig in eine Richtung, in Richtung einer Dramatisierung. Doch wir hatten bereits 2007 eine rege Blogosphäre im Internet. Und diese haben daskritisch diskutiert. Diese Bloger werden sicher wieder aktiv werden. Insofern werden wir in zwei, drei Monaten auch ein besseres Bild haben, wie ordentlich dieses Mal gearbeitet worden ist.

 

Hat der IPCC aus den Debatten 2007 gelernt?

Zum Teil schon. Aber zum Teil stecken auch strukturelle Probleme dahinter. Es gibt eine ganze Menge von Menschen, die Wissenschaft so zusammenfassen möchten, dass es einer bestimmten Klimaschutzpolitik dient. Das macht die Wissenschaft nicht besser.

 

 

Der Weltklimarat geht von einem Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 um 30 Zentimeter bis fast einen Meter aus. Was halten Sie von diesen Zahlen?

Ich glaube schon, dass das eine gute Schätzung ist. Das ist aber auch ein enorm breites Fenster. Und das spiegelt wider, dass wir erhebliche Wissensdefizite haben. Die Frage ist vor allem, wie sich die großen Wasserspeicher - die grönländischen Eisschilde und die Antarktis - in Zukunft verhalten. Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass das Eis durch die Erwärmung schneller schmilzt. Wir wissen nicht definitiv, wie sich der Verlust durch Schmelzen und der Gewinn durch Niederschläge im Verhältnis zueinander entwickeln. Wir müssen die Prozesse untersuchen, die dahinterstecken, und beobachten, wie sich die Eisschilde verhalten.

 

Wie groß ist die Gefahr für die deutschen Küsten?

Eine Bedrohung der Küsten besteht. Aber der Anstieg des Meeresspiegels entwickelt sich  über die Zeit. Man sollte sich zunächst klar machen, was in nächster Zeit, bis 2040, zu erwarten ist. Wenn wir von etwa 30 Zentimeter Zunahme ausgehen, sind wir wahrscheinlich auf der sicheren Seite. Dieser Anstieg wäre im Rahmen des bisherigen Küstenschutzes verkraftbar.

 

Was heißt das? Sollte man nichts tun?

Wir müssen beobachten, wie sich der Meeresspiegel und die Sturmflutgefahr tatsächlich ändern. Noch sind die Zahlen ja unsicher.  Wir müssen schauen, was 2020, 2030 passiert. Dann können wir neue Techniken zum Schutz der Küsten entwickeln.

 

Welche sind das?

Eine Möglichkeit ist, die Überlauffähigkeit der Seedeiche zu verbessern. Es muss notfalls mehr Wasser darüber laufen können, ohne dass sie brechen. Wenn Wellen über die Deiche an der Nordsee schlagen ist das zwar nicht schön, aber wenn es hin und wieder passiert auch nicht schlimm. Außerdem sollten alle Küstenschutzmaßnahmen, die jetzt in Angriff genommen werden, so ausgelegt sein, dass man sie verstärken kann. Und man sollte die Zeit nutzen und mit der Bevölkerung darüber sprechen, welche Strategien sie vernünftig findet, was akzeptabel ist. Man könnte diskutieren, was die Leute davon halten, wenn ein Koog, ein Marschgebiet, ab und an vollläuft. Wäre das akzeptabel, wenn es Entschädigung gibt?

 

Brechen künftig mehr extreme Ereignisse über uns herein, mehr Hitzewellen beispielsweise?

Wir können davon ausgehen, dass wir mehr Hitzewellen bekommen und weniger Kältewellen. Es spricht einiges dafür, dass die Starkniederschläge systematisch zunehmen werden. Ob das jetzt schon der Fall ist, darüber streitet man sich. Und in Bezug auf Stürme hierzulande haben wir keine systematische Änderung, obwohl dies regelmäßig behauptet wird von einschlägig interessierten Gruppen. Aber es ist nicht so. Zu den tropischen Stürmen gibt es auch eine heftige Debatte. Es fällt auf, dass gerade Unternehmen, die in der Risikoabsicherung engagiert sind, gerne betonen, die Stürme würden heftiger. Unsere Szenarien zeigen aber kein klares Bild. Hingegen sprechen fast alle Szenarien von einer Verstärkung des Starkniederschlags, einem Anstieg der Temperatur und des Meeresspiegels.

 

Dass wir einen Klimawandel haben, der hauptsächlich von Menschen verursacht wird ist für Sie unstrittig?

Vollkommen unstrittig.

 

Die Szenarien für ein künftiges Klima werden von Computermodellen errechnet. Wenn es noch so viele Unklarheiten z.B. bei den Stürmengibt, wie gut sind dann die Modelle?

Unsere Modelle sind vermutlich doch recht gut. Ihre Antworten leben aber auch davon, was wir sie fragen. Was wir sie fragen ist: Wenn man die Menge der Treibhausgase erhöht in der Atmosphäre, wie reagieren dann Temperatur, Wind, Stürme, Meeresspiegel? Aber wir wissen eben nicht, wie die Treibhausgase wirklich ansteigen werden, dazu müssten wir wissen, wie wir künftig wirtschaftenund wie viele Menschen dann auf der Erde leben.

Es wird viel darüber gesprochen, dass die Erwärmung die Zwei-Grad-Grenze nicht übersteigen dürfe, weil die Schäden  andernfalls verheerend wären. Ist dieses Zwei-Grad-Ziel angesichts des steigenden CO2-Ausstoßes noch zu schaffen?

Dieses Ziel kommt zwar von Wissenschaftlern, ist aber per se zunächst ein politisches Ziel. Es ist auch ein legitimes Ziel. Es ist allerdings nicht legitim zu sagen, das Ziel ist uns von der Wissenschaft vorgegeben und entscheidet über Tod oder Leben. Je geringer die Temperaturerhöhung ausfällt, umso besser. Ich persönlich meine, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichbar ist. Dass wir aber bei Überschreiten gar nicht mehr mit den Folgen der Erwärmung umgehen können, glaube ich nicht.

 

Die letzten Klimagipfel in Kopenhagen, Warschau haben keine Ergebnisse gebracht. Frustriert Sie das?

Nein, das nicht. Es hat mich auch nicht überrascht. Aber was mich überrascht hat, ist wie unzureichend die Politik die Möglichkeit des Scheiterns auf diesen Konferenzen vorbereitet hat. Ich würde davon ausgehen, dass die Politik bei solchen Ereignissen immer versucht, das Gesicht zu wahren und eine Erklärung zu verabschieden, die postuliert, dass man etwas erreicht hat. Ich denke, dass wird besser sein auf dem Weltklimagipfel in Paris 2015.

Glauben Sie, dass sich die internationale Staatengemeinschaft auf gemeinsame Ziele für eine Reduktion von Treibhausgas verständigt?

Das wird man nicht schaffen. Da müsste man Indien und China dazu bekommen mitzumachen. Aber eine positive Wirkung können die Klimakonferenzen trotzdem haben, nämlich dass eine Bewegung von unten entsteht, der Klimaschutz-Gedanke in der Wirtschaft, bei Innovationen eine Rolle spielt. Wenn der Staat so etwas fördert, wäre das ein gute Sache.

Die Erderwärmung hat in den letzten 15 Jahren scheinbar pausiert. Die Temperaturen stiegen langsamer als erwartet. Beunruhigt Sie das?

Das macht mich schon nervös. Die erste Frage ist, ist da weniger Wärme im Erdsystem geblieben? Wir wissen, dass die Ansammlung von Wärme weiter stattgefunden hat, nur dass ein großer Teil davon in die Ozeane gegangen ist. Die zweite Frage: Warum haben unsere Modelle uns das nicht gesagt? Das weist daraufhin, dass wir Reparatur- oder Verbesserungsbedarf bei diesen Modellen haben.

Für wie gefährlich halten Sie den Klimawandel?

Er stellt eine Herausforderung dar für die menschliche Gesellschaft, aber auch für die Ökosysteme. Ich meine aber nicht, dass der Klimawandel das größte Problem ist, dem sich die Menschheit gegenübersieht.

Sondern?

Das Nord-Süd-Gefälle beispielsweise. Wie viele Menschen sind während unseres Gesprächs jetzt vor Hunger gestorben? Ich habe keine Angst vor dem Klimawandel, vielleicht bin ich dafür auch zu alt. Ich glaube, dass die Ungerechtigkeit in der Welt, die Armut, die andauernde Bevormundung der dritten Welt durch den Westen gravierende Probleme sind.

 

 

* Zur Person:

Hans von Storch, geboren 1949 in Wyk auf Föhr, studierte Mathematik, Physik und Dänisch. Er ist Professor für Meteorologie der Uni Hamburg und Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Er gilt als "Klimarealist", wurde durch Kritik an aus seiner Sicht übertriebenen Klimaszenarien bekannt.

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