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Das geht unter die Haut

Körperschmuck: Tätowierer Marc Fischer sticht dem Frankfurter Jörg Zerfowski einen Indianerkopf auf die Wade.
Körperschmuck: Tätowierer Marc Fischer sticht dem Frankfurter Jörg Zerfowski einen Indianerkopf auf die Wade. © Foto: MZV/Anna Fastabend
Anna Fastabend / 13.04.2014, 11:43 Uhr - Aktualisiert 14.04.2014, 11:48
Frankfurt/Hennigsdorf (MOZ) „Das musst du richtig wollen“, sagt Tätowierer Marc Fischer, „sonst hältst du es nicht durch.“ Und richtig wollen bedeutet, eine Tätowiermaschine zu kaufen und erst mal an sich selbst zu üben – immer wieder mit der Nadel in den eigenen Oberschenkel. Und dabei auszuhalten, dass die ersten Bilder eben nur Versuche sind.

Da ist die Sache mit dem Vertrauen. Jörg Zerfowski ist stark wie ein Baum und kein Mann der großen Worte. Er ist 57 Jahre alt und hat sich vor drei Jahren zum ersten Mal in seiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) in die rechte Wade stechen lassen. Das Tattoo findet er aber nicht so prickelnd. Dieses Mal ist die linke Wade dran, auf die soll ein Indianerkopf. Er hat sich von seiner Tochter Aileen beraten lassen. Sie ist 26 Jahre alt und wirkt nicht nur neben ihrem Vater zart. Aber sie trägt Ohrringe, die das Ohrläppchen weiten, einen Nasenring und ein Piercing in der Wange. Über den ganzen Körper verteilt sind Rose, Anker, Baum und Totenkopf, insgesamt sieben Tattoos.

Die meisten davon hat Marc Fischer gestochen. Er ist 29 Jahre alt und arbeitet im Tattoostudio Straight Ink in Hennigsdorf. Er ist ein guter Freund, auf den Aileen sich verlassen kann. Und Jörg Zerfowski verlässt sich auf seine Tochter: „Wem sollte man vertrauen, wenn nicht dem eigenen Kind.“ Vor allem wenn das Kind mehr Ahnung und den Vater erst auf die Idee gebracht hat, dass Tattoos heute salonfähig sind. Um Körperschmuck im weiteren Sinn geht es auch bei ihren Berufen – beide verkaufen Kleidung, sie in einem Modegeschäft in Berlin-Mitte, er in einem Geschäft für Berufsbekleidung in Frankfurt (Oder). Für die junge Frau sind Tattoos längst nichts mehr, was man verstecken oder wofür man sich schämen muss. „Das war in der DDR anders“, sagt Jörg Zerfowski. Damals hatten nur Leute aus dem Knast welche: Stopfnadel, Faden drum, Farbe am Faden lang und mit der Spitze unter die Haut, erzählt er. Marc Fischers Lieblingsfarbe ist Schwarz, bei seinen Klamotten und auf der Haut, die zu großen Teilen mit Schwarz-Weiß-Porträts seiner Helden bemalt ist. Um richtig arbeiten zu können, braucht er einen Raum, in dem er und seine Kunden sich wohlfühlen – mit Dielenboden, Ledersofa und Musik, die bei der Arbeit inspiriert. Er braucht auch Laptop, Drucker, Liege, eine Menge Farbe und Desinfektionsmittel, Einmalhandschuhe und zwei Tätowiermaschinen. Wovon eine für die Linien und eine für die Schattierungen ist. Eine Idee wird konkret. „Sitting Bull“, ein berühmter Häuptling, gewinnt den Kampf der möglichen Motive. Kein Wunder – als einer der Mächtigsten im Sioux-Stamm kämpfte er bereits im späten 19. Jahrhundert gegen europäische Eindringlinge. Marc Fischer hat das Porträt einfach gegoogelt. Zwar kann er sich einen Indianer auch ausdenken. „Doch die Details, die ein Gesicht  lebendig machen, bekommt man aus der Fantasie nicht hin“, sagt er.

Mithilfe von Pauspapier überträgt der Tätowierer einzelne Linien von „Sitting Bull“  auf ein weiteres Papier. Er rasiert Jörg Zerfowskis Unterschenkel und streicht den mit einem Mittel ein, das die Linien vom Papier auf die Haut überträgt. „Hast du Angst vor den Schmerzen?“, fragt Aileen Zerfowski ihren Vater. „Das ganze Leben ist ein Schmerz“, antwortet er, nur seine Augen verraten, dass es nicht ernst gemeint ist.

Marc Fischer füllt sieben Abstufungen von schwarzer Farbe in winzige Töpfe, setzt die Nadel in die Maschine ein. Jörg Zerfowski nimmt auf der Liege Platz, auf dem Bauch, für den Kopf wird er in den nächsten drei Stunden keine bequeme Position finden. Zu Jonny Cash rattert die Maschine die Linien entlang, immer bis in die zweite Hautschicht hinein. Ein Schmerz, der schwer zu beschreiben ist. Doch die drei versuchen, ihn in Worte zu fassen: Wie tausend Nadelstiche, die sich aber niemand vorstellen kann, der sich noch nicht unter die Nadel gelegt hat. Oder wie ein aufgescheuertes Knie. Nach zwei Stunden hat Jörg Zerfowski vor Anstrengung ein rotes Gesicht und den für ihn treffendsten Vergleich: „ Ich kenne das Gefühl aus DDR-Zeiten. Es fühlt sich wie die zarten Stromschläge an, die man bekam, wenn man seine Zunge an die Pole einer Flach-Batterie hielt.“ Es passiert zwar selten, aber es kommt vor, dass die Kunden ohnmächtig werden, erzählt Marc Fischer. Das liegt aber nicht an den Schmerzen, sondern an der Aufregung. Und dann? „Man wartet, bis der Kreislauf stabil ist und macht in der Regel weiter“, sagt er.

„Am Anfang musst du Dreck essen“, sagt Marc Fischer. Er kommt aus einem kleinen Ort zwischen Aachen und Köln, hatte Grafiker gelernt und war als Verkaufstrainer für englische Banken in ganz Deutschland unterwegs. „Ich kann quatschen, deshalb haben sie mich genommen“, sagt er, ansonsten hatte er irgendwann genug von Zahlen und Hotelzimmern. „2008 habe ich gekündigt und war einen Tag später in Berlin. Habe erst mal gejobbt, im Café und in einem Bekleidungsgeschäft gegenüber von Aileen Zerfowskis Arbeitsplatz.“ Dass er nun tätowiert, klingt folgerichtig: „Meine Mutter sagt, sie hätte mich als kleinen Junge mit Papier und Stift in die Ecke setzen und zwei Wochen in den Urlaub fahren können – ich hätte mich nicht wegbewegt.“ Nach den Selbstversuchen zu Hause kam er über eine Freundin nach Hennigsdorf. „Dort habe ich zweieinhalb Jahre bei meinem Chef Michel Schuster gelernt. Das hieß lange Zeit über die Schulter gucken und saubermachen.“ Doch seit dem vergangenen Jahr ist Marc Fischers Ausbildung beendet. Da sie nicht staatlich anerkannt ist, entscheidet der Chef, wann sein Lehrling weit genug ist.

Marc Fischer tätowiert fast alles und jeden. Nur bei politischen und menschenverachtenden Motiven kennt er kein Pardon. Und bei Minderjährigen nicht – auch nicht mit Einverständnis der Eltern. „Wenn Mädchen sich die Finger tätowieren lassen wollen, weil ihre Stars das gerade machen, dann schicken wir sie weg“, sagt er, „die wissen doch nicht, was sie später werden möchten.“ Die unsäglichen Sterne, die eine Zeitlang jeder wollte, würde er stechen – doch herausfordern würde ihn das nicht. Auch müssten die Kunden bereit sein, für das simple Motiv zwei Monate zu warten und 80 Euro die Stunde auszugeben.

Er liebt den Realismus und den menschlichen Ausdruck. So befindet sich Gitarrist Jimi Hendrix gleich zweimal im Raum, an der Wand und auf Marc Fischers Musikbein – das hat er den Größen von Rock und Metal gewidmet. Jörg Zerfowski hat es überstanden und begutachtet das neue Tattoo stolz im Spiegel. Aileen Zerfowski schießt mit ihrem Handy gleich ein Foto vom stolzen Krieger, um es an die Mutter zu schicken. Und Häuptling „Sitting Bull“ ist für immer und ewig mit der Wade von Indianerfan Jörg Zerfowski verschmolzen – fast so, als wäre es nie anders gewesen.

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