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Im Wahlkampf machen deutsche und polnische Sozialdemokraten auf die vergessene Stettiner Bahnlinie aufmerksam

Streckenrekord mit der SPD

© Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 23.04.2014, 06:55 Uhr
Angermünde (MOZ) Vor genau zehn Jahren trat Polen der Europäischen Union bei. Plötzlich herrschte Aufbruchstimmung für die vergessene Bahnlinie Angermünde-Stettin. Doch getan hat sich so gut wie nichts. Jetzt will die SPD im Wahlkampf einen neuen Streckenrekord aufstellen.

Genau 88 Minuten soll der durchgehende Zug von Berlin nach Stettin benötigen. Das wäre eine Spitzenleistung. Allerdings ohne Halt an den Bahnhöfen entlang der Strecke. Drin sitzen Sozialdemokraten und Gäste. Die Politprominenz wird angeführt von der SPD-Spitzenkandidatin im Europa-Wahlkampf Sylvia Yvonne-Kaufmann. Es begleiten sie der Berliner SPD-Landeschef Jan Stöß und Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler. Ebenso steigen polnische Sozialdemokraten ein. Der uckermärkische SPD-Bundestagsabgeordneter Stefan Zierke kann seine Heimat einschließlich der halb verfallenen Bahnhöfe vom Fenster aus betrachten.

Und er muss sich festhalten. Denn der Sonderzug am 25. April soll den Blick auf das Dilemma der maroden deutsch-polnischen Verkehrsverbindung lenken. Die beiden Metropolen Berlin und Stettin sind seit dem Zweiten Weltkrieg nur noch schlecht über die Eisenbahn miteinander verbunden. Nach Abbau des zweiten Gleises als Reparationsleistung an die Sowjetunion ging der früher florierende Personen- und Güterverkehr drastisch zurück. Doch auch nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Bahnlinie nicht besser. Wer heute aus der deutschen Hauptstadt nach Stettin muss, darf in Angermünde zunächst umsteigen und dann von dort in einem drittklassigen Triebwagen weiterzuckeln. Ab Passow wird die Strecke auch noch eingleisig. Von Elektrifizierung keine Spur. Jahrelang standen sogar Kühe auf dem Bahndamm herum und brachten die Fahrt ganz zum Erliegen.

Jetzt wollen sich deutsche und polnische Europa-Parlamentarier, Verkehrsbeauftragte beider Seiten und Vertreter der Bundesländer Berlin und Brandenburg sowie der benachbarten Wojewodschaft wiederum für den Ausbau einer der ältesten Bahnlinien Deutschlands einsetzen. Angeblich stehen europäische Gelder für die 170-jährige Strecke zur Verfügung. Ein Staatsvertrag wurde nach jahrelangem Hickhack unterzeichnet. Doch dabei geht es gar nicht um den zweigleisigen Ausbau, sondern lediglich um die Elektrifizierung der fehlenden 40 Kilometer zwischen Passow und Stettin zum Jahr 2020. Was weiter geschieht, steht in den Sternen der Uckermark.

In Berlin, Stettin und Potsdam ist man über die Eisenbahngeschwindigkeit nicht gerade erbaut. Regelmäßig leidet der Triebwagenzug von und nach Stettin an Überlastung. Das alte Gefährt fällt häufig sogar ganz aus. Vor allem polnische Flugreisende, die nach Berlin müssen, nutzen inzwischen die schnelleren Sammeltaxis, die im Stundentakt über die Autobahn huschen. In Gartz und Umgebung hat man Wut im Bauch, weil die Gefahr besteht, irgendwann ganz vom internationalen Eisenbahnnetz abgekoppelt zu werden. Die erhoffte Steigerung der Fahrgastzahlen blieb verständlicherweise aus, obwohl zu Spitzenzeiten nur noch Stehplätze im Angebot sind.

Hinter den Kulissen gibt es sogar noch größere Sorgen. Es geht um die Eisenbahntechnik. Viele neuere polnische Züge dürfen gar nicht nach Deutschland. An der Bundesgrenze endet eben auch der jeweilige Standard. Die Folge: Künftig müssen selbst bei einer Elektrifizierung sogenannte Mehrsystem-Lokomotiven eingesetzt werden, die dann zwar auf beiden Strecken zugelassen, aber um 250 Prozent teurer als herkömmliche sind. Niemand weiß, wer diese Spezialfahrzeuge bestellt. Denn die Strecken werden öffentlich ausgeschrieben. Ein Risiko für private Verkehrsunternehmen, die sich bewerben. Ebenso stellt sich die Frage, ob und wie sich polnische Firmen an der Ausschreibung beteiligen können, denn es gilt ja unterschiedliches Recht auf einer Strecke, die über zwei Staaten führt.

"Auf all diese Probleme wollen wir bei der Fahrt des Sonderzugs aufmerksam machen", sagt Jürgen Murach, stellvertretender Fachausschussvorsitzender für Mobilität bei der SPD. Er kennt das zähe Verhandeln zwischen zwei Ländern, die einem Europa angehören. Denn genau diese Dinge waren auch schon vor zehn Jahren bekannt, als Politprominenz aus Deutschland am 1. Mai 2004 mit einem durchgehenden Zug nach Stettin fuhr, dort mit Blasmusik empfangen wurde und nach großen symbolischen Gesten wieder verschwand.

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Beobachter 24.04.2014 - 10:59:28

Ach ja?

Wenn die uckermärkische SPD sich so garnicht für den Schienenverkehr interessiert, warum hält dann weiterhin jeder RE3 in den kleinen uckermärkischen Dörfern Nechlin, Warnitz, Seehausen oder Wilmersdorf, aber nicht in der 5.000-Einwohner-Stadt Biesenthal vor den Toren Berlins..?

Benno Koch 23.04.2014 - 16:37:10

Kleine Probleme lösen

Die Rekordfahrt ist ein schönes Signal für die Bahnlinie Berlin-Stettin. Natürlich muss die Märkische Oderzeitung auch die richtigen Fragen stellen. Und wenn Oliver Schwers sich in Floskeln wie Wahlkampf verheddert, dann wird es nichts. Natürlich sind die Busse nicht schneller, fahren auch nicht im Stundentakt und sind im Normalpreis doppelt so teuer wie die Bahn, die von Berlin nach Stettin nur 10 Euro (7,50 Euro BahnCard) kostet. Aber sie fahren natürlich öfter als die Bahn. Wer in diese Busse einchecken will, schafft das spontan vor Ort meist gar nicht. Es sind zwar keine Sammeltaxis, aber eben kleine Busse. Und man muss zusätzliche Zeit für das Procedere auf dem Parkplatz einplanen. Natürlich wird es Zeit, dass die kilometerlangen Langsamfahrstellen nach so vielen Jahren endlich mal beseitigt werden. So was muss auch als normaler Unterhalt gehen, den die Bahnkunden und der VBB natürlich mit jedem Ticket bereits bezahlt haben. Ein paar Minuten Fahrzeitgewinn durch einen richtigen Ausbau sind natürlich auch schön. Das große Problem liegt aber in der Anzahl der Züge pro Tag und den fehlenen Anschlüssen. Mit nur acht Triebwagen pro Tag und Richtung sind wichtige Hauptverbindungen nicht sinnvoll nutzbar - Stettin ist ja ein wichtiger Eisenbahnknoten. So verpassen alle vier Fernverkehrsverbindungen der TLK-Züge aus der Dreistadt Gdansk-Sopot-Gdynia den Anschluss in Stettin Hbf. weiter nach Berlin um wenige Minuten: Um 14:33 Uhr zum Beispiel um 2 Minuten, um 18:30 Uhr um 6 Minuten, um 10:39 Uhr um 25 Minuten und um 21:39 Uhr geht gar nichts mehr - da ist auf der Strecke nach Berlin bereits seit fast zwei Stunden Nachtruhe. Mit vielen anderen Anschlüssen sieht es leider nicht besser aus. Vielleicht hilft ja eine kleine Liste mit den ersten leicht lösbaren Aufgaben für die Bahnlinie Berlin-Stettin: 1. Anschlüsse in Stettin Hbf. besser planen, mit Umstieg am gleichen Bahnsteig und mit Übergangszeiten von maximal 15 Minuten. 2. Einen normalen Stundentakt für die Bahnverbindung zwischen den Metropolen Berlin und Stettin bestellen, der Besteller heißt hier Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. 3. Früh- und Spätzüge bestellen, also mindestens einen Zug gegen 22 Uhr zurück von Stettin nach Berlin. 4. Langsamfahrstellen zwischen Angermünde und Tantow durch normalen Unterhalt sofort beseitigen. 5. Polnisch-Intensiv-Kurse für alle Bahnmitarbeiter, die die Züge nach Polen fahren. Damit man sich bei Verspätungen und gefährdeten Anschlüssen auch mal verständigen kann. 6. Reinigung und Kontrolle der Zugtoiletten mindestens einmal pro Tag (McDonald's schafft das schließlich auch sogar jede Stunde), spätestens vor dem ersten Frühzug. Damit sind die entscheidenden Punkte für eine normale Nutzung der Bahn erstmal abgearbeitet. Alles andere zum geplanten Streckenausbau kann dann in den nächsten Jahren bis 2020 mit dem offenbar nötigen Vorlauf kommen.

Roland B. 23.04.2014 - 15:38:04

Lupo

Ihr Rechtsradikalen verbreitet doch auch ständig euren Müll hier im Forum.

lupo 23.04.2014 - 15:26:16

@ Isenhagen

"......einfach mal andere wählen, aber ganz andere." Genau @ Isenhagen! Zum Beispiel solche Linksradikalen wie Sie hier im MOZ-Forum und schon gibt es die blühenden Landschaften in der Uckermark.

Isenhagen 23.04.2014 - 13:32:53

wer hat uns verraten?

die Sozialdemokraten......einfach mal andere wählen, aber ganz andere

Seppel 23.04.2014 - 10:15:18

Wieder eine Berlin-Brandenburger Lachnummer ^^

Einfach mal bei Herrn Mehdorf nachfragen, das Potsdamer Politbüro wird dieses Vorhaben wohl kaum gerafft kriegen.

Pöppel ,Herbert 23.04.2014 - 09:29:02

Zug nach Stettin ! ?

Nun sind 25 Jahre nach " Kommunisten "-Zeiten vergangen und es hat sich nichts getan ! WARUM !? WEIL die kommunistisch geformten " Bürger " noch 100 Jahre brauchen ...........

medj 23.04.2014 - 09:02:23

komisch

da ist dem autor bestimmt ein schreibfehler unterlaufen das muss schneckenrekord statt streckenrekord heißen

W aus Templin 23.04.2014 - 07:43:25

Wahlversprechen 2

Da hat der "Bürger" recht. Nach fast 6 Jahren in der lokalen Regierung erkennt die SPD nun die Wichtigkeit der Strecke. Ich erinnere mich nicht, in der vergangenen Legislatur je ein Wort dazu von der Vertretern der SPD in Angermünde gehört zu haben. Positiv tritt in diesem Zusammenhang der Amtsdirektor aus Gartz auf, der es nie versäumt, auf die Wichtigkeit der Strecke Berlin-Stettin hinzuweisen. Auch einige kleine bürgerlichen Parteien Angermündes (zB CDU) setzten sich im Zusammenwirken mit Gartz für eine bessere Bahnanschließung ein. Wenn das laufen würde, wäre ein wichtiges Argument für einen teuren Straßenausbau (auch SPD Wahlversprechen) der B 198 gegenstandslos.

Bürger dieser Stadt 23.04.2014 - 07:11:26

zum Thema

...man merkt, es ist wieder mal Wahlk(r)ampf. Da werden Versprechungen von vor 10 Jahren hervorgeholt und nach der (ev. erfolgreichen) Wahl hat man wieder mal Amnesie. Die Vergangenheit zeigt doch in jeder Wahlperiode das gleiche Bild. Aus meiner Sicht hilft da nur, durch die Wahl eine starke Opposition zu erschaffen.

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