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Angucken, ansprechen, anfassen!

Berührungsängste verlieren: Teilnehmerin Bärbel Wutke vom Behindertensportverein Oberhavel (links) und Ausbilderin Ruth Richard kleben die Kontakte des Defibrillators auf den Oberkörper der Übungspuppe.
Berührungsängste verlieren: Teilnehmerin Bärbel Wutke vom Behindertensportverein Oberhavel (links) und Ausbilderin Ruth Richard kleben die Kontakte des Defibrillators auf den Oberkörper der Übungspuppe. © Foto: MZV
Anna Fastabend / 23.04.2014, 13:53 Uhr
Oranienburg (MZV) "Als Nichtschwimmer geht man im Wasser unter", erklärt Ausbilderin Ruth Richard den 20 Teilnehmern des Erste-Hilfe-Aufbaukurses im DRK-Zentrum Oranienburg. Der Vergleich macht mit einem Schlag klar, was eigentlich selbstverständlich ist: Die Versorgung von Verletzungen will gelernt sein.

Anders als beim Schwimmen ist es aber so, dass regelmäßig geübt werden muss, damit die richtige Verhaltensweise im Notfall präsent ist. Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes empfiehlt deshalb, alle fünf Jahre ein Erste-Hilfe-Training zu absolvieren.

"Welche Nummer wählen Sie bei einem Unfall?", fragt Ruth Richard gleich zu Anfang des Kurses. Es werden die Telefonnummern 115, 112 und 110 in die Runde geworfen. Die Teilnehmer können die Frage schnell beantworten, schließlich sind sie keine Anfänger: Die Notrufnummer ist die 112. Wenn sie besetzt ist, dann muss die 110 gewählt werden. Die hier Anwesenden arbeiten in Oranienburg, Velten und Berlin bei der Feuerwehr, einer Spedition und in der Gemeindeverwaltung. Außerdem befinden sich unter ihnen eine Krankenschwester, zwei Heilerziehungspfleger und ein Maschinist. Als betriebliche Ersthelfer nehmen sie nicht zum ersten Mal an einem Erste-Hilfe-Training teil. "Auch wenn es banal klingt, haben wir gerade den wichtigsten Punkt angesprochen", klärt die 63-jährige Ausbilderin auf. Denn allein der Notruf entscheidet zu 50 Prozent darüber, ob dem Verletzten erfolgreich geholfen werden kann.

Teilnehmerin Christiane Treu aus Oranienburg arbeitet auf dem Schrottplatz und hat sich freiwillig als Ersthelferin im Betrieb gemeldet. Ihr Arbeitgeber schickt sie nun alle zwei Jahre zur Fortbildung. "Ich hoffe natürlich, dass nichts Schlimmes passiert", sagt die 29-Jährige. Dennoch musste sie gerade erst eine Platzwunde am Kopf versorgen. "Ein Kunde hatte sich an einem Stück Schrott gestoßen", erzählt sie.

Der achtstündige Aufbaukurs ist sowohl für betriebliche Ersthelfer als auch für Menschen gedacht, die ihr Wissen in Erster Hilfe auffrischen möchten. Deshalb ist es bedauerlich, dass an diesem Donnerstag niemand aus privatem Interesse mitmacht. "Dabei passieren die meisten Unfälle im Haushalt", sagt Ruth Richard. "Je nach Nachfrage und Zeit der ehrenamtlich tätigen Ausbilder bietet das DRK- Oranienburg regelmäßig Kurse an", erklärt der Organisator der Kurse, René Pallasky. Dabei sind die Kosten mit 40 Euro für den zweitägigen Grundkurs und 25 Euro für den eintägigen Aufbaukurs verhältnismäßig gering.

Laut einer Umfrage zu Erster Hilfe aus dem Jahr 2013, die das DRK gemeinsam mit dem ADAC durchgeführt hatte, glaubten zwar 73 Prozent der Befragten, am Unfallort helfen zu können. Jedoch wussten nur 33 Prozent darüber Bescheid, welche Maßnahmen erforderlich sind. Erschreckend war, dass nur jeder Fünfte eine korrekte Wiederbelebung durchführen konnte. Das ist wenig überraschend - denn nach Angaben des DRK ist der Erste-Hilfe-Kurs bei vielen über zehn Jahre her. "Zu DDR-Zeiten musste man jedes Jahr ein Training machen", erzählt die teilnehmende Bärbel Wutke. Das solle ruhig wieder eingeführt werden, findet die 50-Jährige, die beim Behindertensportverein Oberhavel arbeitet. Der 40-jährige Mathias Schrader, der in der Behindertenwerkstatt in Schönfließ tätig ist, sagt: "Ich freue mich, dass es heute so praxisbezogen ist."

Die Atmosphäre ist locker und herzlich, obwohl die meisten Teilnehmer sich nicht kennen. Das liegt vor allem an Ruth Richard, die in ihrer Zeit als Intensivkrankenschwester gelernt hat, sich auf unterschiedliche Menschen einzustellen. Die zierliche blonde 63-Jährige befindet sich im Vorruhestand und gibt ihr erworbenes Wissen gerne weiter. Sie duzt jeden und schafft damit sofort Vertrauen. Zusätzlich arbeitet sie mit einem Belohnungssystem, das auch Erwachsenen gefällt: Bei erfolgreich absolvierten Übungen verteilt sie Schokolade. Gleich zu Anfang müssen zwei Freiwillige ihr Wissen unter Beweis stellen: Anhand einer Puppe zeigen sie die drei A's der Ersten Hilfe - die Abkürzungen für angucken, ansprechen und anfassen. Dann soll einer der beiden einen fiktiven Notruf absetzen. Trotz Publikums meistert er die Beantwortung der W-Fragen zu Unfallort und Unfallhergang souverän.

Das Wissen aufzufrischen, ist auch deshalb wichtig, weil sich immer wieder ändert, was man als Helfer darf und was nicht. Das macht Ruth Richard bei einer weiteren Übung deutlich. Ein Foto zeigt einen Mann mit aufgeschnittener Pulsader. "Darf man einen Gürtel nehmen, um die Blutung zu stillen?", fragt eine Teilnehmerin. Das wird von der Ausbilderin verneint. "Damit würdest du das Gewebe abschnüren und der Muskel wäre nach spätestens 20 Minuten irreparabel kaputt", warnt sie. Dennoch darf der Helfende in einer solchen Situation mehr als früher: Bei einer Übung suchen die Teilnehmer bei ihrem Nachbarn nach der richtigen Stelle am Oberarm, der zwischen den beiden Muskeln liegt. Wird das Gefäß gedrückt, stoppt die Blutung.

Auch für die Herz-Lungenwiederbelebung bei bewusstlosen Personen gelten laut Pallasky seit einiger Zeit neue Regeln. Früher führte man 15 Mal die Herzdruckmassage durch und beatmete ein Mal. Heute drückt man dreißig Mal auf das Brustbein zwischen den Brustwarzen, und führt zwei Mal eine Mund zu Mund Beatmung durch. Und wieder geht es an die Puppe - dieses Mal wird die Wiederbelebung mithilfe eines Defibrillators geübt. Das Gerät, das mit Stromstößen das Herz wieder zum Schlagen bringen soll, hängt mittlerweile in vielen öffentlichen Einrichtungen. Die Geräte geben genaue Anweisungen und steigern die Überlebenschance um 70 Prozent, erklärt die Ausbilderin.

Für das DRK als größte Hilfsorganisation weltweit arbeiten seit 1859 viele Helden. Ihr Motto ist: freiwillig und uneigennützig Hilfe zu leisten und dabei keinen Unterschied zwischen Freund und Feind zu machen. Wer nicht weiß, dass H.E.L.D auch die Bezeichnung für Maßnahmen am Unfallort ist, der sollte vielleicht über ein Wiederauffrischungstraining nachdenken.

Das Deutsche Rote Kreuz hat seinen Sitz in Oranienburg, Berliner Straße 104, Telefon: 03301 2009611, per Mail ist der Verband zu erreichen über: kgst@drk-oranienburg.de

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