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Suche nach Menschlichkeit im Heimathafen Neukölln

Nachwuchsschauspieler aus Berlin stehen gemeinsam mit afrikanischen Flüchtlingen, die anonym bleiben wollen, auf der Bühne des Heimathafens Neukölln.
Nachwuchsschauspieler aus Berlin stehen gemeinsam mit afrikanischen Flüchtlingen, die anonym bleiben wollen, auf der Bühne des Heimathafens Neukölln. © Foto: Promo
Anna Fastabend / 29.04.2014, 18:28 Uhr
Berlin (MOZ) Europa hat zwei Gesichter. Seinen Bürgern gegenüber zeigt es sich freundlich. Sie dürfen reisen, wie es ihnen beliebt, überall hinziehen und arbeiten. Über dieses freundliche Gesicht erzählt man sich Geschichten in den Ländern, in denen die Not am größten ist, in denen vergewaltigt und gemordet wird. Sobald die Geflüchteten aber vor seinen Toren stehen, zeigt Europa sich von seiner abweisenden Seite.

In dem Stück "Grenzfaelle", das die 26-jährige Regisseurin Anna-Katharina Schröder im Heimathafen Neukölln inszeniert hat und das am 23. April vor ausverkauftem Haus seine Premiere feierte, wird Europa von einem Aquarium versinnbildlicht. Der kleine gläserne Kasten mitten auf der Bühne sieht von außen zwar hübsch aus, ist von innen aber auch bloß ein Gefängnis.

Anna-Katharina Schröder hatte bereits viel zum Thema gelesen. Richtig konkret wurde die ausweglose Situation der Geflohenen für sie aber erst, als sie ihnen im vergangenen Dezember bei einer Demonstration am Kreuzberger Oranienplatz begegnet war. Gemeinsam mit Schauspielerin Esther Zimmering beschloss sie, ein Theaterprojekt auf die Beine zu stellen. Die Gruppe, bestehend aus Geflüchteten und Berliner Schauspielern, traf sich zunächst einmal die Woche. Dabei wurde schnell klar, dass es nicht darum gehen sollte, Schicksale auszustellen. "Die Beteiligten sollten Spaß an der Produktion haben ", so die Regisseurin, "und das Publikum soll sich als Teil der Debatte erkennen."

In einem Experiment mit fiktiven und realen Elementen hat die Regisseurin die Flüchtlingsdebatte in das Esszimmer des Berliner Pärchens Marie und Jack geholt. Jack (der Darsteller möchte anonym bleiben) will Luxuswohnungen bauen und hat deshalb die Bezirksbürgermeisterin und eine Rechtsanwältin zum Abendessen eingeladen. Doch als er von der Arbeit kommt, befinden sich lauter fremde Menschen in seiner Wohnung. Bei ihnen handelt es sich um Freunde seiner Frau Marie (Esther Zimmering), die aus ihren Heimatländern fliehen mussten. Beim gegenseitigen Kennenlernen prallen Welten aufeinander. Jack fällt aus allen Wolken, weil die Gäste seine Anzüge tragen. Marie hatte sie ihnen angeboten, damit sie für das Geschäftsessen angemessen gekleidet sind.

Als Bürgermeisterin Dr. Wortmann (Annina Butterworth) die fünf Afrikaner fragt, welche Berufe sie ausüben, wird der Small Talk zum politischen Disput. Die Protagonisten, die von den Geflüchteten mit großer Energie verkörpert werden, können nicht verstehen, warum sie in Deutschland nicht arbeiten dürfen. Bürgermeisterin und Rechtsanwältin (Alexandra Krüger) geraten in Erklärungsnot, halten sich aber, als wäre sie ein Rettungsanker, wie verzweifelt an der bestehenden Gesetzeslage fest. Doch die Geflüchteten haben mit Marie und Frieda (Lisa Conrad) auch Verbündete auf ihrer Seite. Im Radio muss die Bezirksbürgermeisterin dem Moderator (Jan Möller) Rede und Antwort stehen.

Und dann gibt es den Helden Jack, der vor langer Zeit selbst nach Deutschland geflohen ist und seine Biografie zugunsten seiner Integration verdrängt hat. Dafür steht sein weiß angemaltes Gesicht. Durch die Konfrontation im Wohnzimmer erinnert er sich zunehmend an seine eigene Vergangenheit. "Grenzfaelle" ist weit entfernt von Betroffenheitstheater. Stattdessen traut es sich, den politischen Diskurs auf die Bühne zu bringen.

Vorstellungen: 6./7.5., jeweils 19.30 Uhr, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, Berlin-Neukölln, Telefon 030 56821333

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