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Sohn des letzten Sachsendorfer Gutsbesitzers Hans-Adolf Schmelzer liest aus seinem 2013 erschienenen Buch

"Meines Vaters Felder"

Blick ins Familienalbum: Hans-Jürgen Schmelzer (l.) hatte es nach Sachsendorf mitgebracht. Rechts Regina Koppe, die Schmelzer aus der Kindheit noch kennt.
Blick ins Familienalbum: Hans-Jürgen Schmelzer (l.) hatte es nach Sachsendorf mitgebracht. Rechts Regina Koppe, die Schmelzer aus der Kindheit noch kennt. © Foto: MOZ/Doris Steinkraus
Doris Steinkraus / 13.05.2014, 04:10 Uhr
Sachsendorf (MOZ) Immer wieder mussten weitere Stühle hereingetragen werden. Am Ende verfolgten die Zuhörer sogar noch aus dem Gaststättenraum die Lesung von Hans-Jürgen Schmelzer. Der jüngste Sohn des einstigen Sachsendorfer Gutsbesitzers stellte sein Buch "Meines Vaters Felder" vor.

"Wenn meine Eltern das wüssten", bekennt ein sichtlich bewegter Hans-Jürgen Schmelzer angesichts der große Zuhörerschar. Nicht nur ältere, auch viele jüngere Sachsendorfer, aber auch ehemalige Bewohner sind gekommen, um bei der Lesung aus dem im November 2013 erschienenen Buch dabei zu sein. Drei Generationen der Schmelzers prägten die Geschicke des Dorfes. Der Sohn des letzten Gutsbesitzers räumte zu Beginn mit einem Irrtum auf. Die Familie Schmelzer kam durch Heirat von Adolph Schmelzer mit der Witwe Anna Baath nach Sachsendorf. Der aus der Magdeburger Börde Stammende hatte sich auf der Domäne Wollup Verdienste erworben. Die Börde galt zu jener Zeit als Schmelztiegel der modernen Landwirtschaft.

Der erste Schmelzer bewirtschaftete allerdings nicht sein eigenes, sondern Staatsland - die Domäne Sachsendorf. Aufgrund seiner Tüchtigkeit durfte er sich Amtsrat nennen. Ihm gelang, was vorher keiner der Pächter schaffte. Er erkannte, dass der hohe Wasserstand auf den Feldern Grund für schlechte Ernten war. Er ließ Gräben ziehen und machte das Land zu einem der ertragreichsten im Umkreis. Schmelzer holte Belgische Kaltblutpferde ins Dorf, die schwere Kastenwagen ziehen konnten. Er pflasterte Straßen und sorgte dafür, dass für seine Arbeiter vernünftige Wohnungen gebaut wurden. Die dankten es ihm mit hoher Arbeitsmoral und tiefer Verbundenheit.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Pacht erneuert hätte werden müssen, bot der Staat die Domäne zum Kauf an. Erst da begann die Zeit als Gutsbesitzer. Hans-Jürgen Schmelzer liest viele Episoden vor. Grundlage für sein Buch bildeten Tagebuchaufzeichnungen und Dokumente.

Während sich die Älteren im Kulturhaus zum Teil noch an viele prägende Wirtschaftsbauten erinnern, entsteht für die Jüngeren ein interessantes Bild von dem einst blühenden Ort. Schmelzer räumt auch mit einem jahrzehntelang verbreiteten Bild vom Leute schindenden Gutsbesitzer auf. Sein Vater Hans-Adolf Schmelzer harrte 1945 bis zum letzten Treck aus, blieb bei Leuten und Vieh, bis er in die Hände der Roten Armee fiel. Nach Wochen ständiger Lagerwechsel und langen Fußmärschen war er völlig unterernährt und wurde am Bahnhof Frankfurt als ohnehin bald Sterbender in die Freiheit entlassen. Schmelzer kehrte zurück nach Sachsendorf und hatte nur ein Ziel: wieder Landwirt zu sein.

Doch andere haben jetzt das Sagen, die Felder werden miserabel bewirtschaftet, im September 1946 schließlich kommt die Ausweisung. Schmelzer war einst Mitglied der NSDAP, zog allerdings nicht in den Krieg. Nie habe sein Vater diesen Bruch verkraftet, erzählt Sohn Hans-Jürgen. "Er hat sich zu Tode geraucht", sagt er. Hans-Adolf Schmelzer stirbt 1975 im Rheinland. Er kam nie wieder nach Sachsendorf, die Einreise wurde ihm verwehrt, später wollte er das Kapitel einfach nur abhaken. Er habe nichts mehr von all dem wissen wollen. Als nach der Wende Besuche möglich sind, habe auch die Mutter, die 1995 gestorben ist, nie den Wunsch gehabt, ins Oderland zu fahren. Zu schwer wogen wohl die Erinnerungen.

"Genau so war es", bestätigt Regina Koppe nach der Lesung. Die 84 Jahre alte Seelowerin erzählt dem 76-jährigen Schmelzer-Nachfahre, dass sie mit seiner Schwester gespielt habe und er oft dabei gewesen sei. Auch an die Zeit des Trecks und die Sorge des Gutsherren um die Leute im Ort kann sie sich noch gut erinnern. Schmelzer hat ein großes Familienalbum mitgebracht, in denen die Besucher blättern und sich vor allem für die Bilder und Ansichten interessieren. Die Schilderungen des Abends wecken viele Erinnerungen. Und mancher bedauert, dass der Nachfahre nicht zu denen gehörte, die zurück kamen und etwas vom einstigen Glanz mitbrachten.

Einstige Wirtschaftsbauten sind heute nur noch unschöne Gebäude, der Ort spielt landwirtschaftlich kaum noch eine Rolle. "Ich bin kein Geschäftsmann und auch kein Bauer", bekennt der studierte Germanist. Er war als Lehrer tätig, schrieb für "Die Welt", verfasste diverse Biografien wie von Brahms, Fontane, Hermann Hesse, Heinrich von Kleist und Friedrich Schiller. Die Geschichte Sachsendorfs interessiere ihn jedoch. Mehrmals besuchte er den Ort seiner Kindheit, pflegt Kontakte und freut sich, dass heute wieder offen über die Zeit der Gutsbesitzer gesprochen werden kann. Er sehe sein Buch als kleinen Beitrag, um die Ortsgeschichte aufzuarbeiten, sie an die nächsten Generationen zu überliefern.

"Meines Vaters Felder", be.bra- verlag, ISBN 9783861246794

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