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Locationscouts besichtigen Jagdschloss, Wildpark, Hof Bohm und Gut Sarnow als mögliche Schauplätze - MOZ begleitet sie

Groß Schönebeck träumt vom Film

Anna Fastabend / 14.05.2014, 06:50 Uhr
Groß Schönebeck (MOZ) Beim Casting macht es keinen Unterschied, ob ein Schauspieler vor eine Jury tritt, oder ob sich ein ganzer Ort dem professionellen Blick von Locationscouts unterzieht. Die Nerven flattern. So ist es kein Wunder, dass es erst aus Kübeln gießt, bei der Besichtigung aber die Sonne scheint.

Vor dem Bahnhofsgebäude in Groß Schönebeck wartet am Mittwochvormittag ein großer Reisebus. Zur Erkundung des Schorfheider Ortsteils haben sich 16 Locationscouts angekündigt. Insgesamt gibt es in Deutschland um die 80 und in Berlin 30 Menschen, die sich damit beschäftigen, die passenden Schauplätze für Filme und Foto-Aufnahmen zu entdecken. Die meisten von ihnen arbeiten freiberuflich. Die Rundfahrt soll zu historisch interessanten Bauwerken wie dem Groß Schönebecker Jagdschloss, in den Wildpark sowie zum Gut Sarnow führen.

Die Idee Locationscouts nach Groß Schönebeck zu holen, hatte Filmproduzent Sven Woldt an die Gemeinde herangetragen. Er lebt seit über zehn Jahren im benachbarten Eichhorst. "Die Region ist für die Filmbranche deshalb interessant, weil es hier malerische Natur gibt und geschichtlich viel passiert ist", so Woldt. Gerade für politische Stoffe könnten gute Motive gefunden werden.

Die kleine Gruppe, die bisher aus der Tourismusbeauftragten Anke Bielig, dem Leiter des Schorfheide Museums Helmut Suter sowie dem Berliner Filmscout Martin Zillger besteht, wartet auf den Regionalzug. Martin Zillger ist Mitte dreißig, schlank, trägt kurze braune Locken und hat eine jungenhafte, verschmitzte Ausstrahlung.

Noch besteht Hoffnung, dass viele der Scouts im Zug sitzen. Doch nur noch einer steigt aus, der Berliner Scout Andreas May. Ebenso wie Martin Zillger trägt er wetterfeste Kleidung und bequeme Schuhe. Er ist ein paar Jahre älter, an die zwei Meter groß, schlaksig und hat einen hanseatischen Akzent. "Wir müssen uns für die Kollegen entschuldigen", sagt Zillger. "Die Drehsaison hat gerade begonnen und die anderen haben bestimmt einen Auftrag hereinbekommen", erklärt May.

Der Bus wird abbestellt und die Gruppe quetscht sich in das Auto von Anke Bielig. Der erste Halt ist das Schönebecker Jagdschloss. Horst Suter führt durch die geschichsträchtigen Räume des von Kurfürst Friedrich Wilhelm erbauten Barockschlosses und durch die Ausstellung "Jagd und Macht". Dabei fallen historisch wichtige Namen, wie der des Nationalsozialisten Hermann Göring bis zum SED-Generalsekretär Erich Honecker. Für beide war die Schorfheide eine beliebte Jagdgegend.

Es geht zu Fuß weiter zum Pfarrhaus. Und Pfarrerin Annette Flade lädt in ihr Haus ein. "Als mein Mann Stefan und ich noch in Potsdam lebten, wurden zwei Krimis bei uns gedreht", erzählt die Pfarrerin, während sie durch das Backsteinhaus führt. Und auch, wenn Locationscouts für Produktionen immer wieder private Häuser casten, betreten May und Zillger die großen Räume zögerlich. Immer wieder muss die Pfarrerin sie bitten, hereinzukommen. Es gibt viele, die dem Film ihre Häuser zur Verfügung stellen wollen, so Zillger. "Nicht nur, weil es für einen Drehtag bis zu 1 000 Euro gibt." Oft wollten Wohlhabende einem breiten Publikum präsentieren, wie exklusiv sie wohnen.

Während Zillger mit einer professionellen Spiegelreflexkamera Fotos macht, begnügt May sich mit einer kleinen Digitalkamera. "So bin ich wie ein Tourist unterwegs", erklärt er, "und die Leute fragen nicht, warum ich fotografiere." Auch bei der Auswahl der Motive, welche die Scouts für ihr Fotoarchiv auswählen, unterscheiden sie sich. Zillger nimmt den mühsamen Aufstieg in den Glockenturm der Immanuelkirche in Kauf, May erkundet die Dorfschule, die noch mit den Originalmöbeln aus DDR-Zeiten ausgestattet ist. May und Zillger sind vor allem von dem Ensemble Pfarrhaus, Kirche, Schule angetan. "Es erinnert mich an den Film ,Das Weiße Band' von Michael Haneke", so May.

Im Wildpark lädt Geschäftsführerin Imke Heyter erst mal zu Kirschkuchen und Kaffee ein. Mit dem begeisterten Ausruf: "Ich liebe Kuchen", verdrückt der schlanke May gleich vier Stück.

Heyter erzählt, dass im Wildpark schon öfter gedreht wurde. Zuletzt ein Musikvideo, in dem ein Sänger als Astronaut verkleidet durch das Wildpferdgehege gehüpft ist.

Auch sonst ist die Schorfheide, was das Drehen betrifft, keine Anfängerin mehr. Hier wurden Polizeirufe, das Märchen "Rapunzel" sowie der Mark-Twain- Klassiker "Huck Finn" gedreht. Im vergangenen Jahr gab es allein in Barnim acht Filmproduktionen, in Brandenburg 47 auch internationale Drehs von bekannten Regisseuren wie Wes Anderson und mit Stars wie George Clooney. Auch die beiden Scouts haben bereits für große Namen gearbeitet. Zillger wählte die Schauplätze für Lars von Triers "Antichrist" aus. May, der viel für die Werbung arbeitet, organisierte Motive für Mercedes Benz.

"Gerade erst war ich auf der Suche nach Wildpferden", erzählt Zillger. "Hier im Wildpark wäre ich fündig geworden."

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