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"Die SS fühlte sich hier willkommen"

Arbeitet an einer Monografie zum KZ Sachsenhausen: Günter Morsch (rechts)
Arbeitet an einer Monografie zum KZ Sachsenhausen: Günter Morsch (rechts) © Foto: Marc Schütz
Friedhelm Brennecke / 30.05.2014, 03:00 Uhr
Oranienburg (MZV) Die Archive sind voll mit Akten und Dokumenten der Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Allein beim KZ Sachsenhausen fällt die Quellenlage mehr als dürftig aus. Deswegen fehlt es bis heute an einer Monografie zur Geschichte des Konzentrationslagers neuen Typs.

Das soll sich ändern. Stiftungsdirektor Professor Dr. Günter Morsch legte jetzt ein Buch vor, das sich der Gründung und dem Ausbau des KZ Sachsenhausen 1936/37 widmet. Es trägt den Titel "Sachsenhausen - Das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt" und ist der erste Band einer auf vier Bände geplanten Reihe zu einer umfassenden Geschichte des KZ Sachsenhausen. Morsch stellte das Buch am Dienstagabend vor rund 30 Zuhörern in Besucherzentrum der Gedenkstätte vor.

Weil die SS kurz vor Kriegsende über Wochen Akten der KZ-Kommandantur und Unterlagen der benachbarten Inspektion aller Konzentrationslager in der Häftlingswäscherei verbrennen ließ, ist die Quellenlage extrem dürftig, sagt Morsch. Mehr Licht ins Dunkel um die Geschichte des KZ Sachsenhausen lieferten inzwischen westdeutsche Justizakten, aber auch die Archivalien der KZ-Kommandantur, die sich im Zentralarchiv des Nationalen Sicherheitsdienstes der Russischen Förderation befinden. Duplikate davon wurden der Gedenkstätte Sachsenhausen erst vor wenigen Jahren übergeben.

Während im Sommer 1936 in Berlin Hunderttausende Hitler bei den Olympischen Spielen zujubelten, wurden Hunderte KZ-Häftlinge des aufzulösenden Lagers Esterwegen gezwungen, im Wald des Oranienburger Ortsteils Sandhausen unter primitivsten Bedingungen einen Kiefernwald zu roden. Auf rund 80 Hektar sollte ein "vollkommen neues, jederzeit erweiterungsfähiges, modernes, neuzeitliches Konzentrationslager" entstehen, wie SS-Chef Heinrich Himmler es forderte. "Gebaut wurde ein bis dahin nicht vorstellbarer Komplex mit Häftlingslager, Kommandantur, SS-Truppenlager, Arbeitsstätten sowie angrenzenden Siedlungen für die SS-Leute und ihre Familien. Es wurde eine ganze Stadt buchstäblich in einem mörderischen Tempo aus dem Boden gestampft", sagt Morsch.

Wie viele Opfer allein die zwölfmonatige Ausbauzeit des "Konzentrationslagers bei der Reichshauptstadt" forderte, kann nur geschätzt werden. Morsch geht von 50 Toten aus, 26 von ihnen wurden in einem Massengrab auf dem Oranienburger Friedhof beerdigt. Seit 1964 sind ihre Namen auf einem großen Grabstein eingraviert.

Dass die SS ausgerechnet Oranienburg als Standort des "schönsten Konzentrationslagers Deutschlands", wie Lagerarchitekt Bernhard Kuiper es nannte, auswählte, dürfte ganz pragmatische Gründe gehabt haben. Morsch nimmt an, dass die direkte und schnelle Bahn- und Straßenverbindung nach Berlin sowie der Oder-Havel-Kanal, der die Reichshauptstadt über Oranienburg direkt mit der Ostsee verbindet, dabei eine wichtige Rolle gespielt hat. Allerdings dürfte auch die Existenz des ersten preußischen Konzentrationslagers in der Oranienburger Kindl-Brauerei für die Standortwahl von Bedeutung gewesen sein. Schließlich hatte das bereits 1933 positive Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben in der Stadt gehabt.

Aber spätestens mit dem Umzug der SS-Wachtruppe "Brandenburg" ins Schloss von Louise Henriette von Oranien, das die Stadt Oranienburg im April 1935 dafür ausdrücklich zur Verfügung stellte, dürfte die Grundsatzentscheidung für Oranienburg gefallen sein, ist Morsch fest überzeugt: "Die SS fühlte sich hier einfach willkommen."

Lagerarchitekt Bernhard Kuiper, der bereits die Bauleitung für Esterwegen innehatte, plante das neue Lager als ein riesiges Dreieck. Das legte einerseits die natürliche Topografie des Geländes nahe. Andererseits dürfte das die entscheidende inhaltliche Vorgabe für den neuen Lagertypus gewesen sein. Von einem Punkt aus, nämlich dem Maschinengewehrstand in Turm A, sollte sich das weitläufige Gelände bis zur letzten Baracke beherrschen lassen. Schon durch die bauliche Anlage wurde eine neuartige Topografie des Terrors geschaffen.

Möglich sei dies alles gewesen, "weil die neue Phase der Entwicklung des KZ-Systems zum größten Teil die in den früheren Lagern entwickelten wichtigsten Strukturen und Grundsätze weiterführte", sagt Morsch.

Das Buch, das auch ein Stück Oranienburger Zeitgeschichte in Erinnerung ruft, enthält zahlreiche Dokumente, Pläne und Fotos aus der Aufbauphase des KZ-Sachsenhausen.

Günter Morsch: Sachsenhausen - Das "Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt" (Gründung und Ausbau) Metropol Verlag Preis: 13,20 Euro

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Feuerwassererichangela 30.05.2014 - 08:58:13

Endlich

Respekt und Dank, das beendet nun hoffentlich langsam "die einzige Wahrheit". Der BM ist als Leuchtturm immer wieder dabei. Wer in der Familie Verführte hatte, sich in die Zeit bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges mit der Denkweise seiner Großeltern und Eltern auseinander gesetzt hat und die "bruchstückhaften" Worte der Opfer/Täter oder Täter/Opfer begriffen hat, der weiß, dass es um den aktuellen Bezug zur Opfer - Täter Aufarbeitung kommunistischer Vergangenheit (und aus persönlicher Sicht mit der einseitigen "Heimkinderentschädigung") mit der Wirklichkeit schlecht steht. Wie lange will und kann das "Herrschaftswissen" die Bürger noch hinhalten. Wenigstens ist ein großer Teil der heutigen jungen Generation nicht mehr ideologiesiert, sie sollte aber wissen, das ohne Wissen um die Vergangenheit (ungefärbt) keine klare Gestaltung der Gegenwart und Zukuft möglich wird. Schon das Löschen von nicht genehmen Meinungen durch die MOZ zeigt, wo dieser Landkreis OHV wirklch steht.

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