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Kirill Gontscharow aus Moskau hält jeden Eindruck mit der Kamera fest - er ist Gastschüler am Gymnasium Finow

Ein Stück Eberswalde im Gepäck

Anna Fastabend / 30.05.2014, 15:08 Uhr
Eberswalde (MOZ) Über 1800 Kilometer und fast 20 Stunden Busfahrt liegen zwischen Kirill Gontscharow und seiner Heimatstadt Moskau. Der 16-Jährige lebt im Rahmen des Programms "Gastschüler in Deutschland" für zwei Monate bis zum 5. Juli bei Familie Schekatz.

"Als wir Kirill abgeholt haben, hat er auf der Fahrt nach Hause die ganze Zeit aus dem Autofenster fotografiert", sagt Gastmutter Karina Schekatz. Sie genießt mit Kirill und ihrem Sohn Gabriel die letzten Sonnenstunden im Garten, bevor das angekündigte Unwetter aufzieht. Bei Cola und Gemüse-Sticks lassen sie die bisherige gemeinsame Zeit Revue passieren.

Der Kontrast könnte nicht größer sein - auf der einen Seite die Metropole, auf der anderen die Kleinstadt. "In Moskau leben 15 Millionen Einwohner. Da viele sich nicht anmelden, wird die Dunkelziffer aber auf 20 Millionen geschätzt", sagt Kirill, dem Eberswalde mit seinen 40 000 Einwohnern wie ein Mikrokosmos vorkommen muss. Was für ein Unterschied: Vom 15-stöckigen Hochhaus, der nächste Park ist 20 Minuten entfernt, ging es in ein idyllisches Einfamilienhaus mit Garten.

Doch Kirill scheint der Kontrast nicht viel auszumachen. Der große, blonde Junge betrachtet die für ihn unbekannte Welt ohne Scheu. Durch seine Brille, aber vor allem durch die Kameralinse. Wegen seiner deutschen Sprachkenntnisse, seiner Liebe zur Natur und nicht zuletzt wegen Familie Schekatz hat er sich schnell eingelebt.

Zuhause besucht Kirill die zehnte Klasse einer russischen Privatschule, für die Zeit in Eberswalde geht er in die neunte des Gymnasium Finow. Deutsch lernt er schon seit der sechsten Klasse und er ist ein guter Schüler. Trotzdem wollte ihn seine Deutschlehrerin nicht fahren lassen. "Sie denkt, dass ich ein Chaot bin", sagt Kirill, der sich über den Kopf der Lehrerin hinweg direkt bei "Gastschüler in Deutschland" bewarb und genommen wurde. Schließlich muss er sich ein Urteil über das Land bilden, in dem er nach dem Abitur zumindest seinen Master machen möchte. "Ich möchte Informatiker werden", sagt er. Es ist seine fünfte Reise nach Deutschland.

Das russische Bildungssystem ist ein anderes, erzählt Kirill. Die beste Note, die erreicht werden kann, ist die fünf. Englischunterricht gibt es schon ab der 1. Klasse, die Oberstufe wird mit einer Abschlussprüfung in der elften beendet. Geprüft wird in Russisch, Mathematik und Literatur. Der Rest sind Wahlfächer, die auf das spätere Studium ausgerichtet sind. Wer studieren möchte, muss eine Aufnahmeprüfung bestehen und gute Universitäten sind teurer: Sie können im Jahr 5 000 Euro kosten.

Der Unterricht ist in Deutschland zwar ähnlich, aber Kirill wundert sich darüber, dass die deutschen Schüler selbst für kleine Kopfrechenaufgaben den Taschenrechner benutzen. "Wir schreiben sogar unsere Tests ohne", sagt Kirill.

Mit dem Fahrrad durch Eberswalder Straßen, ins Tanzhaus, in den Zoo, an den Gamensee, den Finowkanal und ins Kloster Chorin zur Ausstellungseröffnung von Fotograf Günter Rinnhofer - Kirill hat schon viel gesehen und mit seiner Kamera festgehalten. "Fotografieren ist meine Leidenschaft", sagt der Junge. Deshalb hat er sich besonders darüber gefreut, dass er sich bei der Eröffnung mit Rinnhofer unterhalten konnte. "Wir haben Gemeinsamkeiten, fotografieren beide mit einer Nikon und unser liebstes Motiv ist die Natur", sagt Kirill.

An diesem Nachmittag geht es auch um den Ukraine-Konflikt. Kirill macht sich Sorgen um einen ukrainischen Freund. Er hat ihn bei einem Sprachschulaufenthalt in Deutschland kennengelernt. Die beiden Jungs haben sich seitdem regelmäßig über das Internet geschrieben. Doch seit zwei Monaten ist sein Freund nicht mehr zu erreichen. "Beim letzten Chat hatte er Angst, dass ihm und seiner Familie etwas passiert", sagt Kirill. Gabriel Schekatz fällt ein Zitat ein: "Wer sich kennt, schießt nicht aufeinander." Kirill Gontscharow, Karina und Gabriel Schekatz sind sich einig - der Satz zeigt, wie wichtig Austauschprogramme wie dieses sind.

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