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Jüdische Künstlerinnen besuchen Eberswalder Gedenkstätte "Wachsen mit Erinnerung"

Auf den Spuren des Großvaters

Für die Künstlerinnen ist die "Baum-Synagoge" ein gelungener Ort der Erinnerung.
Für die Künstlerinnen ist die "Baum-Synagoge" ein gelungener Ort der Erinnerung. © Foto: Sören Tetzlaff
Anna Fastabend / 31.05.2014, 08:00 Uhr - Aktualisiert 01.06.2014, 18:36
Eberswalde (MOZ) In dichten Tropfen fällt der Regen vom Himmel, als die jüdischen Künstlerinnen Naomi Shmuel und Stella Tripp das Mahnmahl "Wachsen mit Erinnerung" besuchen. Die Schwestern gedenken ihrem Großvater, der in Eberswalde aufwuchs und von den Nazis ermordet wurde.

Um zu verstehen, warum sich trotz Regen eine Gruppe unter Schirmen und Kapuzen versteckt um die Gedenkstätte bewegt, muss die Geschichte der jüdischen Familie Löwenthal erzählt werden. Naomi Shmuel lebt in Israel, Stella Tripp in England. Beide tragen Künstlernamen, sind aber Schwestern. Ihr Großvater mütterlicherseits trägt den Namen Löwenthal.

Die Schwestern sind im Rahmen des jüdischen Lern-Festivals "Limmud" für vier Tage an den Barnimer Werbellinsee gereist. Am Mittwoch besuchen sie gemeinsam mit Dolmetscherin Jalda Rebling die Stadt, in der ihr Großvater aufgewachsen ist. Er hatte seine Kindheit und Jugend auf einem Eberswalder Gestüt verbracht.

Bürgermeister Friedhelm Boginski und Sozialreferentin Barbara Bunge führen die drei Frauen um die "Baum-Synagoge", die von dem Künstler-Duo Hoheisel & Knitz geplant und im November 2013 von Bundespräsident Joachim Gauck eingeweiht wurde.

Die Künstlerinnen sind von der besonderen Gedenkstätte beeindruckt. Sie besteht aus einem fenster- und türlosen Raum, der den Umriss der ehemaligen Synagoge nachzeichnet, die 1938 in der Pogromnacht zerstört worden war. Im Innenraum der Granitmauern wachsen Linden, deren Kronen einmal das schützende Dach des Gotteshauses werden sollen. Auf der drumherum liegenden Rasenfläche stehen Bänke. "Hier kann an Ort und Stelle über das Verbrechen gesprochen werden, das an unseren jüdischen Mitbürgern begangen worden ist", sagt der Bürgermeister.

Naomi Shmuel und Stella Tripp wären heute nicht hier, hätten ihre jüdischen Großeltern, der Architekt Paul-Gershon und Selma Löwenthal, nicht so beherzt gehandelt. Sie setzten ihre Tochter - die Mutter der Künstlerinnen - Käthe Löwenthal im letzten Moment gemeinsam mit deren beiden Schwestern Luise und Anne in einen Zug nach England. Um das Leben ihrer Kinder zu retten, handelten sie wie viele andere verzweifelte Eltern auch - sie nahmen die ewig währende Trennung in Kauf. Bekannt wurde die Flucht der jüdischen Mädchen und Jungen als sogenannte "Kindertransporte". Danach wurde das Ehepaar Löwenthal im Dezember 1941 von seinem damaligen Wohnort Bielefeld ins Ghetto Riga verschleppt und dort ermordet.

Käthe Löwenthal nannte sich später in Karen Gershon um und wurde Schriftstellerin. In ihren Romanen und Gedichten verarbeitete sie den Holocaust. Die Schwestern Naomi Shmuel und Stella Tripp sind in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Shmuel wurde Anthropologin, Autorin und Familienberaterin, Tripp bildende Künstlerin. Auch sie beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit der Erinnerung an die eigene Familiengeschichte.

Die mittlerweile verstorbene Karen Gershon schrieb in einem ihrer Gedichte, das sich auf die Arbeit ihres Vaters als Architekt bezieht: "Dies Haus trug meines Vaters Namen/Vor Jahren wurd er ausgekratzt/Aus Vergessen steig Gedenken/An den Geist den man gemordet". Diese Zeilen passen nicht nur zur künstlerischen Arbeit der Schwestern, sie beschreiben auch das in Eberswalde realisierte Projekt, das sich durch das Wachsen der Bäume stetig im Prozess befindet. "Damit wollen wir versinnbildlichen, dass Geschichte niemals als abgeschlossen betrachtet und dann beiseitegelegt werden darf", sagt Boginski.

"Haben sie Probleme mit Vandalismus?", fragt Naomi Shmuel. "Bis auf einen kleinen Vorfall bisher zum Glück nicht. Es passen alle auf die Gedenkstätte auf", sagt der Bürgermeister.

Die Schwestern sind schon zum zweiten Mal in Eberswalde und finden es gut, dass es nun einen Ort der Erinnerung gibt, der weit über eine einfache Gedenktafel hinausgeht.

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