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Esperanto für Anfänger

© Foto: Frank Groneberg
Henning Kraudzun / 31.05.2014, 08:22 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Esperanto-Clubs gab es in der DDR in vielen Städten, nach der Wende wollten allerdings nur noch wenige die Plansprache lernen. Rund 100 Anhänger gibt es noch in Brandenburg und Berlin. In Frankfurt (Oder) wagen sie nun einen Neuanfang.

"Bonan Tagon" sagen die drei Schüler, als sie das Café Slubfurt betreten. Schnell wird "Kiel vi fartas?" hinterhergeschoben - wie geht's? "Dankon" sagt einer, als ihm ein Glas Wasser hingestellt wird. Seit November läuft im soziokulturellen Treffpunkt ein Anfängerkurs für Esperanto, der erste seit zwei Jahrzehnten. Eine Sprache, die mal für die internationale Völkerverständigung entwickelt wurde.

Lehrer Ronald Schindler wirkt zufrieden über den Lernfortschritt seiner Eleven, von denen zwei schon im Rentenalter sind. Der jüngste, Maciej Michalski-Rokita, gebürtiger Pole und Viadrina-Mitarbeiter, gerät schnell ins Schwärmen, wenn er über seine Erfahrungen mit Esperanto berichtet. "Das wäre die ideale Sprache für die Europäische Union", sagt der 27-Jährige - ohne zu scherzen.

Eine Utopie, das wissen die Esperantisten. Schließlich wäre es wohl einfacher, den Staatenverbund von einer gemeinsamen Regierung lenken zu lassen als sämtlichen Europäern eine neue Amtssprache aufzubürden. Schindler hofft zumindest, dass Esperanto nicht in Vergessenheit gerät. "Die Sprache ist relativ einfach, Worte werden nach dem Baukastenprinzip zusammengefügt", wirbt der 54-Jährige, der zugleich dem Vorstand des Landesverbandes angehört. "Und der entscheidende Vorteil: Man muss keine Grammatik büffeln." Alles wird genauso geschrieben wie gesprochen. Sämtliche Substantive enden auf "o", Adjektive auf "a" - es gibt schwierigere verbale Konstruktionen.

Mit Esperanto, einem Mix aus romanischen, germanischen und slawischen Sprachen, wollte der Pole Ludwig Zamenhof Ende des 19. Jahrhunderts ein wenig die Welt verändern. Als neutrale Plansprache, ohne Vorteile für eine bestimmte Nation, sollte sie die zerrütteten Beziehungen der Völker kitten.

Doch Esperanto hat nie den erhofften Durchbruch erfahren. Der Esperanto-Bund zählt weltweit 18000 Mitglieder, allerdings sprechen laut Schätzungen Hunderttausende die Sprache. Genau weiß es niemand. In Brandenburg und Berlin sind rund 100 Esperantisten erfasst, erzählt Schindler. Dagegen boomt Esperanto regelrecht in Afrika oder China. "Es ist für die Menschen dort einfacher zu erlernen."

Der Kursleiter trägt einen Sticker am Polohemd, auf dem ein Stern zu erkennen ist - das Esperanto-Symbol. Schindler arbeitet im Landesumweltamt als Immissionsschutz-Inspektor, in seiner Freizeit feilt er meist an seinen Sprachkenntnissen. Schon zu DDR-Zeiten übte er täglich Esperanto. Daraus entstand ein Netzwerk von 155 Briefpartnern in der ganzen Welt. In den Räumen des Kulturbundes konnten sich die Esperantisten damals treffen - eine Lösung, die das Überleben der internationalen Plansprache im Arbeiter- und Bauernstaat sicherte. "Es war unsere kleine Tür aus dem goldenen Käfig der DDR", sagt Schindler. Dennoch stand man wegen der Kontakte ins "nichtsozialistische Ausland" unter Beobachtung. Die Briefe seien von der Stasi gelesen worden, erzählt Schindler. "Wir mussten darin natürlich die Vorzüge unseres Landes preisen. Zwischen den Zeilen wurde es offener." Seine Brieffreunde besuchen konnte er freilich erst nach der Wende. Im Gegenzug kommen zu ihm Gäste aus der ganzen Welt.

Die Portokosten kann sich Schindler heute sparen. "Durch das Internet hat Esperanto einen Schub erfahren", meint er. Es gebe zahlreiche Online-Sprachführer und natürlich die Möglichkeit, weltweit mit anderen zu chatten. Das Gastgebernetzwerk "Pasporta Servo" gilt als Vorläufer des modernen Couchsurfing - als Angebot, bei anderen kostenlos zu übernachten.

Für Ilse Tschernitschek kommt dies weniger in Betracht. Die 77-Jährige ist froh, endlich Esperanto lernen zu können, nachdem es in Brandenburg bislang nur wenige Angebote gab. "Ich habe es mir schwieriger vorgestellt", wagt die Seniorin ein erstes Fazit. Mittlerweile kennt sie schon Begrüßungsworte und grundlegende Fragen.

Der Jurist Michalski-Rokita schwärmt dagegen von der großen Esperanto-Tradition in seinem Heimatland Polen. Dort gebe es nach wie vor viele Sprachen-Clubs, in Posen könne man sogar Esperanto studieren. Ein Zentrum der Esperantisten im Nachbarstaat ist Zielona Gora (Grünberg).

In Deutschland ist das Zentrum die Stadt Herzberg im Harz. Es gibt dort zweisprachige Schilder, Esperanto-Kurse in Schulen, selbst der Bürgermeister kann seine Gäste in der Plansprache begrüßen. "Das lockt schon einige Touristen an", sagt Zsofia Korody, Vorsitzende des Vereins der Esperanto-Lehrer. Von einem Durchbruch würde sie nicht sprechen. Der Esperanto-Club im Ort zählt auch nur 80 Mitglieder.

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