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Die erste Brandenburgische Landesausstellung erzählt die teils dramatische Geschichte einer Nachbarschaft

Sachsens Glanz und Preußens Gloria

Uwe Stiehler / 06.06.2014, 07:56 Uhr
Doberlug-Kirchhain (MOZ) Preußen und Sachsen - seit Jahrhunderten verbunden, verfeindet, aufeinander angewiesen. Im Schloss Doberlug (Elbe-Elster) nimmt die Brandenburgische Landesausstellung von heute an diese wechselhafte Beziehung unter die Lupe.

Soldaten mit Dreispitz im Kugelhagel, Kampfgetümmel in Zeitlupe, dann stehen sich zwei Kavalleristen gegenüber, unrasierte, raue Kerle mit finsterem Gesicht. Sie reiten aufeinander zu, schauen sich tief in die Augen. Man denkt, gleich reißen sie sich gegenseitig die Köpfe ab. Aber dann umarmen sie sich von Pferd zu Pferd und vereinen sich in einer heftigen Knutscherei. Mit diesem Filmchen macht die Erste Brandenburgische Landesausstellung für sich Werbung. Weil sie sich den Slogan gab, "Wo Preußen Sachsen küsst". Und erzählt davon, dass diese beiden Länder nicht immer eine Liebesbeziehung verband.

Sachsen und Brandenburg-Preußen, das ist die Geschichte einer Jahrhunderte langen, manchmal sehr schmerzhaften und nicht selten rein pragmatischen Umarmung. Ein Dauerwettstreit, der, wenn man es genau nimmt, bis ins Mittelalter zurückreicht, als sich die Markgrafen von Meißen und die Bischöfe von Brandenburg um die Niederlausitz stritten.

So weit geht die Ausstellung aber nicht zurück. Sie setzt die Klammer vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zum Wiener Kongress. Von der Zeit, als die Niederlausitz zu Sachsen kam, bis zum Jahr 1814, als in Wien die Sieger über Napoleon Europa untereinander verschacherten und die Hälfte Sachsens preußisch wurde. Nur die Hälfte, muss man sagen. Seit Friedrich der Große in seinen politischen Testamenten schrieb, Hauptziel Preußens müsse sein, sich ganz Sachsen einzuverleiben, waren damit die außenpolitischen Maximalziele für ihn und seine Nachfolger vorgegeben. Das bedeutete Krieg, in dem Sachsen chancenlos war.

Dessen Kurfürst "August der Schwache" investierte lieber in Bilder als ins Militär - eine Tragödie, die zum Klischee wurde. "Die Preußen sind nur marschiert, die Sachsen haben Kunst gesammelt und alle Schlachten verloren - das ist das gängige Bild, und von dem wollten wir uns lösen", sagt Anne-Katrin Ziesak. Sie ist die Kuratorin der Landesausstellung, die heute mit einem Open-Air-Fest in Doberlug eröffnet wird. Die Organisatoren haben auch da an einen brandenburgisch-sächsischen Schulterschluss gedacht und die Ministerpräsidenten beider Länder eingeladen. Was auch zeigt: Die Ausstellung ist ein Politikum, ein durchaus riskantes Unternehmen, das Rückhalt auf höchster Ebene braucht, weil man sich bewusst nicht für Potsdam, sondern für die brandenburgische Peripherie entschied. Für eine Stadt, in der die Berlinerin Anne-Katrin Ziesak, so sagt sie, meist die Einzige war, die da aus dem Zug stieg.

Christian Heinrich-Jaschinski, der Landrat von Elbe-Elster, und Bodo Broszinski, der Bürgermeister der Stadt Doberlug-Kirchhain, wissen, dass ihre Region eine Belebung dringend braucht. Und sagen deshalb auch im Chor, was für eine einmalige Chance diese Landesausstellung für die Stadt und ihr Umland ist.

Das ausladende Schloss, das einst eine Nebenresidenz der sächsischen Wettiner war, ist für viele Millionen saniert worden, um darin die Ausstellung zu zeigen, die sich fast chronologisch vorarbeitet, die gut inszeniert ist und in der Leihgaben aus ganz Europa zu sehen sind.

Man steht vor dem Tisch, auf dem angeblich die Schlussakte des Wiener Kongresses unterzeichnet wurde, und vor Preziosen, die an den Kunstsinn der sächsischen Kurfürsten erinnern - und daran, wie die brandenburgischen ihnen darin nacheiferten. Vor allem aber vermittelt diese Ausstellung in ihren sieben "Szenen" längst nicht den Eindruck, dass Brandenburg-Preußen nun von Anfang an der Überlegenere und seine Führungsrolle vorherbestimmt gewesen wäre.

Im Gegenteil. Der Nachbar im Norden sah sich lange in der Rolle des Juniorpartners in dieser Beziehung. Sachsen war das Mutterland der Reformation, eine der reichsten und wirtschaftlich am höchsten entwickelten Regionen Deutschlands. Man könnte sagen, Sachsen war damals fürs Römisch-Deutsche Kaiserreich, was Baden-Württemberg heute für Deutschland ist.

Noch bevor die Hohenzollern Könige in Preußen wurden, hatten die Wettiner aus Dresden sich mit ungeheueren Bestechungsgeldern die polnische Krone gesichert. Und es gab in keinem der deutschen Länder einen Herrscher, der einen solchen Glanz und eine solche monarchische Ausstrahlung entfaltete wie August der Starke.

Der Kurfürst von Sachsen und König von Polen war genauso prunksüchtig, wie militärisch ehrgeizig. Auf seine Armee schaute ganz Europa - und auch der Soldatenkönig aus Potsdam - als August 1730 in Zeithain ein Militär- und Lustlager aufbauen ließ, das zur größten Manöver-Party wurde, die es wahrscheinlich je in Europa gab. Auch der preußische Kronprinz Friedrich hat sich diese Ausschweifungen angesehen, was seinen sittenstrengen, sein Land wie einen Kasernenhof regierenden Vater um die Moral seines Sohnes fürchten ließ. Denn in Preußen war man solche Spektakel nicht gewohnt.

So pendelt man in jedem Raum der Ausstellung zwischen solchen Querverbindungen, sieht man, wie sich Anne-Katrin Ziesak und ihr Team bemüht haben, das Simpel-Plakative und die Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden.

Denn sie haben nicht nur auf die höfischen Beziehungen geschaut, sondern auf das, was wir heute Kulturtransfer nennen. Was wäre der preußische Barock ohne seine sächsischen Vorbilder, was die Musik am Hofe Friedrichs II. ohne den aus Dresden abgeworbenen Flötisten Johann Joachim Quantz oder den aus Leipzig stammenden Carl Philipp Emanuel Bach?

Umgekehrt sind die preußischen Romantiker nach Dresden gegangen, um die musische Luft dieser Stadt zu inhalieren und hat die Bergakademie Freiberg Männer wie das Genie Alexander von Humboldt angezogen. Anne-Katrin Ziesak nennt es die Vernetzungen einer "Gelehrtenrepublik".

So bleibt am Ende dieser Ausstellung vor allem der Eindruck, dass sich da zwei Regionen in der Lausitz begegnen, die nicht aufgehört haben, voneinander zu lernen.

Am Schluss der Schau steht man vor Bildschirmen, die Schauspieler zeigen, die Protagonisten aus der Zeit des Wiener Kongresses spielen. Da sagt zum Beispiel der Unternehmer Johann Friedrich Trautschold (1773-1842) aus Lauchhammer: "Das Geschäft muss weitergehen, egal ob wir Sachsen waren oder Preußen sind."

Ausstellung bis 2. November, Di-Do, 9-18 Uhr, Sa, So und an Feiertagen 10-19 Uhr, Die Beilage "Brandenburger Blätter" unseres Blattes, die am 20. Juni erscheint, beschäftigt sich mit dem Thema.

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