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Ordinarius mit 25 Jahren

Ralf-Rüdiger Targiel* / 17.06.2014, 00:05 Uhr
Frankfurt (MOZ) In diesem Jahr jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag des Frankfurter Professors Alexander Gottlieb Baumgarten. Die Europa-Universität widmet ihm vom 26. bis 28. Juni eine Jubiläumstagung mit dem Titel "Schönes Denken - Baumgartens Epoche". Kaum ein Professor der alten Viadrina dürfte so viel Nachwirkung wie er erlangt haben.

Mancher Begriff unseres heutigen Sprachgebrauchs geht auf ihn zurück, er prägte den Begriff "Ästhetik", den heutigen Gebrauch der Begriffe "objektiv" und "subjektiv". Über den nicht zu Unrecht als "Vater der Ästhetik" bezeichneten Baumgarten erscheinen auch heute noch zahlreiche Publikationen. Seine Schriften werden nachgedruckt, die vorwiegend lateinischen Abhandlungen übersetzt und kommentiert neu herausgegeben. Die Metaphysica, sein erstes Hauptwerk, schrieb Baumgarten 1739 in Halle, während er an der dortigen Universität lehrte. Ihre Vorreden sind "einer der wichtigsten philosophischen lateinischen Texte des 18. Jahrhunderts" und fanden starke Beachtung bei seinen Zeitgenossen wie dem Aufklärer Moses Mendelssohn und besonders bei Immanuel Kant. Kant verwendete die Metaphysica jahrzehntelang als Textbuch für seine Vorlesungen. Besonders durch seine Lehr- und Publikationstätigkeit in Frankfurt begründete Alexander Gottlieb Baumgarten die Ästhetik als Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis. Er formte sie als selbständige philosophische Disziplin und überlegte sogar, sie als zweite Grundwissenschaft neben die Logik zu stellen.

Alexander Gottlieb Baumgarten wurde am 17. Juni 1714 in Berlin geboren. Zwei Tage später ließ ihn sein Vater, der Garnisonprediger Jacob Baumgarten, in der dortigen Heiliggeistkirche taufen. Dem früh verwaisten und bei der Großmutter aufwachsenden Baumgarten wurde die Teilnahme am Hausunterricht ermöglicht, den der junge Privatlehrer Martin Georg Christgau erteilte. Dieser, dem Baumgarten dann an das Graue Kloster in Berlin folgte, weckte in ihm die Liebe zur lateinischen Dichtkunst, welche sein späteres Werk wesentlich bestimmen sollte.

1727 wechselte Baumgarten nach Halle und besuchte die Lateinschule des Franckeschen Waisenhauses, um sich gemäß dem Wunsch des Vaters, auf das Studium der Theologie vorzubereiten. Durch seinen älteren Bruder Siegmund Jacob, einen bekannten Aufklärungstheologen, der dort unterrichtete, kam er frühzeitig mit der zu dieser Zeit verbotenen Philosophie Christian Wolffs in Berührung. Seine dann auch als Student und Dozent der Hallenser Universität fortgesetzte Beschäftigung mit den Schriften Wolffs ließen ihn zu dessen Schüler und Anhänger werden. Später wirkte er an der Frankfurter Universität als herausragender Leibnizio-Wolffianer.

1739 erreichte Baumgarten den Ruf nach Frankfurt (Oder). König Friedrich Wilhelm I. bestallte ihn zum ordentlichen Lehrer der Philosophie und befahl ihm zugleich, wie Baumgarten in der Ankündigung seiner Antrittsrede zum 5. Juli 1740 schrieb, es "an nichts verwinden zu lassen / damit diese Vniuersitaet in Flor und Aufnahm gebracht / und beruemt gemacht werden moege". Baumgarten stellte sich dieser Aufgabe und erklärte in der genannten Schrift "Vom Vernuenfftigen Beyfall auf Academien" seinen zukünftigen Hörern wie und was er sogleich zu lehren gedachte (Logik, Metaphysik, Naturrecht).

Tatsächlich muss er ein guter Lehrer gewesen sein, denn seine Studenten in Halle wollten ihn nicht ziehen lassen und auch der spätere Buchhändler und Publizist Friedrich Nicolai, der ihn in Frankfurt hörte, schrieb: "Baumgarten hatte einen deutlichen und angenehmen Vortrag. Ich habe nachher den Vortrag vieler Professoren auf Universitäten gehört, aber keinen gefunden, welcher Baumgarten konnte an die Seite gesetzt werden".

Mit seiner Berufung nach Frankfurt als Ordinarius für Philosophie begann für den 25-Jährigen ein neuer Lebensabschnitt. Er dürfte sich in Frankfurt bald eingelebt haben, wobei ihm sein einstiger Lehrer Christgau half, der inzwischen ebenfalls in Frankfurt war und hier das Amt des Rektors der neu erbauten Stadtschule übernommen hatte. Im Jahr darauf heiratete Prof. Baumgarten die Tochter des Berliner Hofrates Alemann. Zwei Jahre später, 1743, übernahm er zum ersten Mal das Amt des Rektors der Viadrina. Im ersten Jahr seine Ehe gab Baumgarten ein philosophisches Wochenblatt heraus, das sich an die noch vom Universitätsstudium ausgeschlossenen Frauen richtete. Seine Hoffnung, damit, ganz im Sinne der Aufklärer, die Philosophie über den Universitätsrahmen hinauszutragen, erfüllte sich nicht. "Trotz angeregtem Briefwechsel mit einzelnen Leserinnen" musste er nach dem 26. Stück die Herausgabe einstellen.

1742 begann Baumgarten mit seinen Vorlesungen über die Ästhetik und nahm damit den Faden seiner Hallenser Disputation von 1735 wieder auf, in der er erstmals den Begriff der Ästhetik (§ 116) verwandte. Aus den Frankfurter Vorlesungen über die Ästhetik entstand seine am Ende unvollendet gebliebene lateinische "Aesthetica", deren erster Band 1750 in Frankfurt (Oder) vom Buchführer Johann Christian Kleyb verlegt wurde. Im neuen Jahrzehnt erkrankte Baumgarten, dennoch übernahm er 1752 zum dritten Mal das Rektorat. Die Krankheit, es war Tuberkulose, zwang ihn, zeitweilig mit seinen Vorlesungen auszusetzen, und verzögerte das Erscheinen des zweiten Bandes seines Hauptwerkes zur Ästhetik, welcher dann im Jahr 1758 erschien.

Lange währte seine erste Ehe nicht, seine Frau starb 1745, erst 25 Jahre alt. Am 22. Oktober 1748 heiratete er erneut. Seine zweite Frau war Justina Elisabeth, die jüngste Tochter des Amtmannes Johann Jacob Albinus. Da Alexander Gottlieb Baumgarten nicht mit einem eigenen Haus nachzuweisen ist, muss angenommen werden, dass die junge Familie im Haus Albinus (Bischofstraße 25) wohnte. Das Paar bekam vier Kinder. Eleonora Wilhelmina, seine am 1. Oktober 1749 geborene erste Tochter - bei deren Taufe auch Martin Georg Christgau anwesend war - lebte nur wenige Monate. 1751 wurde Eleonora Juliana, seine zweite Tochter, geboren. 1759 folgte der Sohn Carl Gottlieb, dessen Namen die Matrikel der Viadrina aufführen, als er sich am 24. März 1777 an der juristischen Fakultät einschrieb.

Die Geburt seines zweiten Sohnes erlebte Baumgarten nicht mehr, er starb wenige Tage nach einem Schlaganfall am 27. Mai 1762. Zwei Tage später wurde er in der Frankfurter Marienkirche beerdigt. Sein am 28. August 1762 geborener Sohn Gottlieb Wilhelm starb schon bald nach der Geburt. Ob die noch junge Witwe nicht über den Verlust hinwegkam? Am 31. März 1764 folgte sie ihrem Mann. An jenem Tage wurde sie tot aus der Oder geborgen, "Gott allein wird wissen wie Sie ins Wasser gekommen ist" vermerkt das Sterbebuch der St. Marienkirche. Als Vormund der Kinder wurde der Stadtrichter Winterfeld eingesetzt.

Professor Baumgarten hinterließ ein umfangreiches wissenschaftliches Werk, wobei manche Schrift zu Lebzeiten ungedruckt blieb und erst lange nach seinem Tod von seinen Schülern herausgebracht wurde.

*Unser Autor leitet das Frankfurter Stadtarchiv mit Sitz in der Collegienstraße.

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