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Jugendreporterin Laura Hoffmann erhielt beim Planspiel "Jugend und Parlament" interessante Einblicke

Abgeordnete auf Probe

Demokratie hautnah: Die Frankfurter Abiturientin Laura Hoffmann meldet sich im Plenarsaal zu Wort.
Demokratie hautnah: Die Frankfurter Abiturientin Laura Hoffmann meldet sich im Plenarsaal zu Wort. © Foto: DBT/Stella von Saldern
Laura Hoffmann / 19.06.2014, 08:04 Uhr
Frankfurt (MOZ) In der Jugendredaktion des Stadtboten recherchieren und schreiben Nachwuchsreporter zu selbst gewählten Themen. Für den heutigen Beitrag berichtet Laura Hoffmann, Schülerin des Karl-Liebknecht-Gymnasiums, von ihren Erlebnissen bei "Jugend und Parlament 2014".

Eine Berliner Jugendherberge am Alexanderplatz: vier Anzugträger haben sich bei einem Bier um einen Tisch gedrängt, vor ihnen seitenweise bekritzeltes Papier. "Noch einmal: wir wollen, dass, wenn Firma A die Daten von N an Firma B weitergibt und Firma B mit den Daten dann Mist baut, Firma A dafür genauso zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das ist nur verbraucherfreundlich." - "Aber dann müssten wir ja den ganzen 3.2er ändern!"

Nein, der stille Beobachter ist nicht etwa in eine konspirative Sitzung hoher Bundesbeamter hinein geplatzt, doch könnte man die Zusammenkunft der Jugendlichen im nächtlichen Berlin schnell mit einer solchen verwechseln. Und das ist Absicht! Bei dem viertägigen Planspiel "Jugend und Parlament 2014", das seit 2004 jährlich vom Bundestag organisiert wird, tauchen Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren in den parlamentarischen Alltag eines fiktiven Abgeordneten ein, mit neuem Namen und Alter, neuer Karriere und politischer Gesinnung.

Ich bin eine von 315 zukünftigen "Abgeordneten auf Probe" - und mit meinen Jeans eine Rarität. Die schwarz gewandeten Anzugträger mit Schlips zu allen Seiten liefern sich bereits vor Veranstaltungsbeginn heftige Debatten um Freihandelsabkommen und die Vertrauenswürdigkeit der Linken. Im ersten Moment wirkt es wie zusätzlicher Zündstoff, dass etwa zwei Drittel der Anwesenden bereits in Parteien und politischen Jugendorganisationen engagiert sind. Doch überraschenderweise gleichen gerade deren routinierte Professionalität und erhabene Gelassenheit gegenüber dem politischen Zirkus schnell die anfängliche Unsicherheit politisch Unvorbelasteter wie mich aus.

Dennoch erschreckt es mich an den ersten Tagen, wie lebensnah die Mentalitäten der verschiedenen Parteien von uns Jugendlichen tatsächlich übernommen werden. Als Mitglied der CVP, dem Spiel-Äquivalent zur CDU, lerne ich bald kennen, was Parteidisziplin und Fraktionszwang bedeuten, wie schnell man bei überwältigenden Mehrheiten die Meinung seines konservativen Rollenprofils verinnerlicht und welche Sicherheit und Autorität das Beharren auf den "guten alten Werten" vermitteln.

Dabei treffe ich inner- als auch überparteilich immer wieder junge Erwachsene, die mitleidig aufstöhnen, wenn ich von meiner ostdeutschen Herkunft erzähle oder die mich mit der Begründung als Landesgruppenvorsitzende ablehnen, dass das ja wohl kein Posten für eine Frau wäre. Besonders unerwartet trifft mich dabei die fehlende Flexibilität und Toleranz einiger vor allem männlicher konservativer Teilnehmer, die für alle, die ihre Meinung nicht teilen, nur ein herablassend-gönnerhaftes Lächeln übrig haben.

Doch angeregte Diskussionen bis tief in die Nacht, schadenfreudiges Kuhhandeln mit dem Koalitionspartner und neugieriges Teilen der jeweils eigenen Lebenswirklichkeit bieten gerade solchen Erlebnissen mühelos die Stirn. "Jugend und Parlament" schafft es so, neben dem eigentlichen Gesetzgebungsprozess eine sehr offene und respektvolle Diskussionsplattform zu schaffen, die schnell deutlich macht: Parteizugehörigkeit hängt nicht immer nur von politischen Ansichten ab. Oft sind es schlicht überzeugende, engagierte Persönlichkeiten, die meine politisch involvierten Mitstreiter dazu bewegt haben, der einen oder anderen Organisation beizutreten.

Mit der bunten Mischung aus parteilosen und parteitreuen, stark idealistischen und eher opportunistischen Teilnehmern und Rollenprofilen sitzt am Ende des Planspiels tatsächlich ein vielfältiges Spiegelbild unserer Gesellschaft im Plenarsaal, welche das Plenum zu dem macht, was Ralph Höltkemeier, Betreuer meiner Landesgruppe, als "Kathedrale der Demokratie" beschreibt.

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