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Atlas der Industrialisierung verdeutlicht Ungleichgewicht zwischen Ost und West

André Bochow / 25.06.2014, 08:37 Uhr
Berlin (MOZ) Ostdeutschland bleibt wirtschaftlich weiter hinter dem Westen zurück. Einem von der Rostocker Uni erarbeiteten Industrieatlas zufolge gibt es aber auch nennenswerte Erfolge. Vor allem im Süden des Ostens.

Das "Hanseatic Institute for Entrepreneurship and Regional Development der Universität Rostock", kurz: HIE-RO, hat auf 170 Seiten zusammengefasst, was Entwicklung und Stand der ostdeutschen Industrialisierung ausmachen. Dazu gehören natürlich die nach wie vor gravierenden Ost-West-Unterschiede. Gerald Braun, Professor an dem hanseatischen Institut für Unternehmertum, wiederholt bei der Präsentation der Studie immer wieder die Floskel: "History matters - Die Geschichte zählt."

Zur Geschichte gehört, dass die industriellen Zentren Deutschlands früher vor allem in Sachsen oder auch Sachsen-Anhalt lagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Zentren, die weniger zerstört waren als das Ruhrgebiet, durch Reparationen und die Abwanderung von unternehmerischem Sachverstand entscheidend geschwächt. Die ideologisierte Industriepolitik in der DDR tat ihr Übriges. Gerald Braun meint, "das wichtigste Projekt der SED war die Vernichtung des bürgerlichen Mittelstandes".

Wie der Osten in Rückstand geraten ist, scheint also hinreichend geklärt zu sein. Dazu gehört auch die Treuhandpolitik, mit deren Hilfe die großen Strukturen zerschlagen wurden und aus der ehemaligen DDR erst einmal eine verlängerte Werkbank gemacht wurde. Die Folgen sind drastisch.Von den größten 160 deutschen Aktiengesellschaften haben nur sieben ihre Firmenzentrale in den neuen Bundesländern - zwei davon in Jena und fünf in Berlin. Die Arbeitslosenquote ist im Durchschnitt im Osten doppelt so hoch wie im Westen, wogegen die Arbeitsproduktivität nur knapp 80 Prozent des Westniveaus erreicht.

Viel schwerer als die Antwort auf die Frage, warum alles so kam, ist die Suche nach Möglichkeiten, die vorhandenen Ungleichgewichte zu beseitigen. Gerald Braun verweist auf den Soziologen Ralf Dahrendorf, der gesagt hat: "Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie." Baum kritisiert, dass in der Vergangenheit Wirtschaftsförderung häufig ohne theoretisches Fundament betrieben wurde. Daraus folgert er, dass man lange Zeit "80 Prozent der Förderung in der Pfeife rauchen" konnte. Entscheidend seien die "dynamischen Unternehmer". Unterstützend würde die Förderung von Forschung und Wissenschaft wirken. Das sei in den vergangenen Jahren besser erkannt worden als zuvor. Für eine kreative Atmosphäre aber brauche man "Toleranz, Talente und Technologie - in dieser Reihenfolge".

Wie die Historie positiv wirke, könne man an der teilweise beispielhaften Entwicklung in Sachsen und Thüringen sehen. Hier konnte man auf vorhandene Strukturen und Fachkräftepotenzial zurückgreifen. Die Entwicklungschancen der Hauptstadtregion beurteilt Gerald Braun zurückhaltend. "Im Vergleich mit anderen westlichen Hauptstädten ist die wirtschaftliche Entwicklung Berlins erklärungsbedürftig", meint Braun. Faszinierend sei das kulturelle Angebot.

Grundsätzlich optimistisch zeigt sich die Ostbeauftragte der Bundesregierung Iris Gleicke (SPD). Sie ist fest davon überzeugt, "dass die starke ostdeutsche Industrie neue Exportmärkte erschließen und dazu beitragen kann, an den hohen Wachstumsraten aufstrebender Volkswirtschaften zu partizipieren." Allerdings seien die Zeiten, in denen "das Prinzip Gießkanne" gegolten habe, vorbei. Der Aufbau der Infrastruktur sei wichtig gewesen, sagt die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, "aber wir können heute den Aufbau Ost nicht mehr an der Anzahl der Autobahnabfahrten messen". Vielmehr "müssen wir jetzt gucken, dass sich an diesen Abfahrten der Maschinenbau, die Biotechnologie und andere Kreativwirtschaften entwickeln. Da gilt es, intensiv nachzujustieren."

Ganz anders beurteilt Roland Claus, der Ostkoordinator der linken Bundestagsfraktion, die wirtschaftliche Lage. "Wegen seiner kleinteiligen Unternehmensstruktur wird der Osten nie die westdeutschen Exportquoten im Bereich Hochtechnologie erreichen können", sagt er. "Die Bundesregierung sollte endlich aufhören, immer noch verzweifelt eine Angleichung des Ostens an die anachronistischen westdeutschen Industriestrukturen anzustreben." Stattdessen täte Gleicke gut daran, "den ostdeutschen Erfahrungsvorsprung beim sozial-ökologischen Umbau auch im Westen bekannt zu machen".

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