Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Urteil im Thiel-Prozess lässt Tränen der Erleichterung fließen

Anspannung weicht der Erleichterung: Maikes Eltern Heike Thiel (Vierte von links) und Hans-Jürgen Thiel sowie ihre Kinder (rechts) nach der Urteilsverkündung. Sie hatten als Nebenkläger jeden Prozesstag am Neuruppiner Landgericht verfolgt.
Anspannung weicht der Erleichterung: Maikes Eltern Heike Thiel (Vierte von links) und Hans-Jürgen Thiel sowie ihre Kinder (rechts) nach der Urteilsverkündung. Sie hatten als Nebenkläger jeden Prozesstag am Neuruppiner Landgericht verfolgt. © Foto: MZV
Roland Becker / 10.07.2014, 09:11 Uhr
Hennigsdorf (MZV) Genau 50 Minuten schauten Heike und Hans-Joachim Thiel mit gebanntem Blick auf Richter Gert Wegner. Es wirkte, als saugten sie jedes seiner Worte auf. Als der Richter die Verhandlung schloss, lagen sich die Eltern, ihre beiden Kinder und Angehörige weinend, aber erleichtert in den Armen. 17 Jahre und sechs Tage hatten sie alle auf diesen Augenblick im Neuruppiner Landgericht gewartet. Der am 3. Juli 1997 an ihrer damals 17-jährigen Tochter und Schwester Maike verübte Mord ist nun juristisch gesühnt.

15 Jahre hatte dieses Verbrechen als unaufklärbar gegolten. Weder wurde die Leiche gefunden, noch gab es Zeugen für die Tat. Der Durchbruch gelang den Ermittlern, als im Sommer 2012 die erste von zwei Zeuginnen ihr Schweigen brach. Damit war der wesentliche Grundstein gelegt, sodass im Mai 2013 der Prozess gegen Michael und Christine Sch. eröffnet werden konnte. Bis zuletzt aber blieb die Frage: Reichen die Indizien und die Aussagen der nicht immer überzeugend aufgetretenen Hauptzeuginnen aus, die Angeklagten des Mordes zu überführen? Noch am Tag vor der Urteilsverkündung äußerte sich Maikes Mutter Heike Thiel dahingehend ausgesprochen unsicher.

Für Richter Wegner ergaben die Zeugenaussagen und die Wertung einer Vielzahl von Indizien ein zwar nicht bis in jedes Detail geklärtes Bild des Mordes. Wohl aber reichten ihm die im Prozess gewonnenen Erkenntnisse aus, um Christine und Michael Sch. wegen der Planung und Ausführung des Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen.

Demnach hat Christine Sch. ihren Sohn dazu angestiftet, Maike Thiel am 3. Juli 1997 am Hennigsdorfer Krankenhaus abzupassen. Wochen zuvor hatte Michael Sch. wieder den Kontakt zu seiner Ex-Freundin gesucht und gezielt nach dem Arzttermin gefragt. In der Wohnung der Mörder fanden die Ermittler später einen Zettel, auf dem Christine Sch. Datum und Uhrzeit des Termins zur Schwangerschaftsuntersuchung notiert hatte. Michael Sch. hat das Mädchen am Krankenhaus in sein Auto gelockt und sie darin oder an einem unbekannten Ort mit einem Mittäter, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr verfolgt werden kann, erwürgt.

In der Urteilsbegründung erteilte Wegner allen Theorien der Verteidigung, Maike könne seit 17 Jahren irgendwo unerkannt leben oder habe sich umgebracht, eine Absage. "Aus einem Foto, auf der die Schwangere raucht und nicht gut aussieht, zu schließen, dass Maike unter einer pränatalen Depression litt, das geht wirklich zu weit", wies er die Verteidiger in die Schranken.

Die von diesen Rechtsanwälten als unglaubwürdig klassifizierten Aussagen der beiden Zeuginnen Dominique Sch. - sie war bei der Urteilsverkündung zugegen - und Lydia C. wertete Wegner ganz anders: "Darin steckt eine beachtliche Plausibilität, alles passt zusammen." Trotz der in ihren Aussagen steckenden Widersprüche wurde Dominique Sch. zur Schlüsselfigur in diesem Prozess. Sie habe nicht fremdbestimmt ausgesagt, sondern auf einem Wissen aufgebaut, "dem wirkliche Wahrnehmung zugrunde liegen muss", so Wegner. Die Zeugin hatte im Sommer 2012 erstmals ausgesagt, vor und nach der Tat von Michael Sch. darüber informiert worden zu sein.

Als weiteres Indiz wertete das Gericht zwei vierstellige Barabhebungen von Michael Sch. am Tag vor dem Mord und kurze Zeit später. Mit dem Geld wurde der Mittäter Manfred Sch. für seine Tat belohnt.

Bezüglich Christine Sch. zeigte sich Wegner fest überzeugt: "Der Mord hätte ohne ihre Initiative nicht stattgefunden." Sie habe die heimtückische Tat aus Habgier - sie wollte ihrem Sohn die Unterhaltzahlungen für Maikes Kind ersparen - geplant und gebilligt. Deshalb sei sie ebenso hart zu bestrafen.

Das Gericht hat einen ersten Schlussstrich unter dieses Verbrechen gezogen. Mit einem Revisionsantrag ist zu rechnen. Dann muss der Bundesgerichtshof entscheiden, ob Wegners Urteil Bestand hat. Maikes Familie dürfte darum bangen, dass ihr eine Neuauflage des Prozesses erspart bleibt.

Die Urteile vom Mittwoch mögen für die Familie als große Genugtuung empfunden werden. Doch eine Hoffnung ist in ihnen gestorben: Ein Grab als Ort ihrer Trauer gibt es nicht.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG