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Schule setzt sich über Elternwillen hinweg

Matthias und Marion Latarius aus Ortwig (Märkisch-Oderland) kämpfen um die Zurückstellung ihres Sohnes.
Matthias und Marion Latarius aus Ortwig (Märkisch-Oderland) kämpfen um die Zurückstellung ihres Sohnes. © Foto: MOZ
Mathias Hausding / 31.07.2014, 19:30 Uhr
Letschin (MOZ) Um den Stichtag für die Einschulung hatte es zuletzt politisches Hin und Her gegeben. Einigkeit bestand zuletzt aber darin, dass der Elternwille gestärkt werden solle. Ein Praxisbeispiel wirft die Frage auf, ob das tatsächlich in ausreichendem Maße geschieht.

Die Amtsärztin hat nein gesagt, der Kinderarzt auch, ebenso die Expertin von der über das Sozialamt vermittelten Frühförderung, und die Eltern sowieso. Trotzdem muss Jan (Name geändert) ab Ende August zum Unterricht. Weil die Letschiner Schule es so will.

Jan ist noch fünf, erst just zum Schulanfang in drei Wochen wird er sechs. Seine Mutter beschreibt ihn als zierlich, verspielt und hibbelig. "Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren, auch das Halten eines Stifts bereitet ihm Probleme", erzählt Marion Latarius. Diese und andere Punkte wurden Anfang April auch vom Gesundheitsamt bei der obligatorischen Schuleingangsuntersuchung moniert. Schließlich machte die Medizinerin im Formular ihr Kreuz: "Aus schulärztlicher Sicht wird empfohlen, das Kind noch nicht in die Schule aufzunehmen."

Ähnlich fallen das Gutachten des behandelnden Kinderarztes sowie das der Frühförderung aus. Carolin Wilke, die sich im Auftrag des Sozialamts seit drei Jahren in wöchentlichen Sitzungen bemüht, Jans Defizite auszugleichen, betont: "Er hat sich gut entwickelt, aber es reicht noch nicht. Er ist nicht schulreif."

Die Schule sieht es anders, hat nach Auswertung ihres eigenen Tests und der Stellungnahmen den Rückstellungsantrag abgelehnt, verbunden mit dem Versprechen: "Wir bieten im nächsten Schuljahr die optimalen Rahmenbedingungen zur individuellen Entwicklung ihres Sohnes." Jans Eltern bezweifeln, dass die Schule diesen Anspruch einlösen kann und setzen sich inzwischen juristisch gegen die bevorstehende Einschulung zur Wehr.

Zwar hat es in der Vergangenheit in Brandenburg immer wieder ähnliche Konflikte gegeben. Nach dem Willen der Landesregierung sollte damit aber nun eigentlich Schluss sein. So hatte Bildungsministerin Martina Münch (SPD) im Februar 2013 auf vielfachen Elternwunsch und weil Studien den Schluss nahelegen, dass ein zu früher Start den Lernerfolg gefährden könne, eine Verlegung des Stichtags vom 30. September auf den 30. Juni angekündigt. Soll heißen: Nur jene Kinder, die bis zum 30. Juni eines Jahres sechs werden, sind schulpflichtig. Für Jan hätte das bedeutet, dass er automatisch ein Jahr länger in der Kita bleibt.

Doch fünf Monate nach Münchs Ankündigung erfolgte seinerzeit der überraschende Rückzieher: Alles bleibt beim Alten. Hinter den Kulissen hieß es zur Begründung, Kommunen hätten sich beschwert, länger für die Kindergartenbetreuung der betroffenen Mädchen und Jungen zahlen zu müssen. Außerdem sollen Schulleiter auf die Barrikaden gegangen sein, weil sie den Verlust von Lehrerstellen an ihren Einrichtungen fürchteten, wenn wegen des neuen Stichtags im ersten Jahr deutlich weniger Schüler starten.

Um ihr Gesicht zu wahren, versprach die Ministerin immerhin, dass künftig der Elternwille bei der Einschulung stärker berücksichtigt werde. Dazu ging dann auch ein Schreiben an die Schulleiter raus. Darin heißt es unter anderem, Kinder sollten zurückgestellt werden, "wenn eine Entwicklungsverzögerung vorliegt oder nicht auszuschließen ist". Ziel sei außerdem, "mit den Eltern gemeinsam eine möglichst einvernehmliche Entscheidung zum Antrag auf Rückstellung herbeizuführen" und ihrem Antrag "entsprechendes Gewicht" beizumessen.

Das Problem: Die Prämissen aus dem Ministerium haben lediglich empfehlenden Charakter. Sie ändern nichts daran, dass die Schule weiterhin kraft Gesetzes das letzte Wort hat. Inwieweit also Bildungseinrichtungen landesweit dem Appell aus dem Ministerium folgen, ist unklar. Es gebe noch keine Rückmeldungen zu den Empfehlungen, erklärt eine Sprecherin der Ministerin am Donnerstag.

Von der Letschiner Schule war urlaubsbedingt keine Stellungnahme zum Fall Jan zu erhalten. Das zuständige Schulamt lehnte einen Kommentar ab, da es sich um ein laufendes Verfahren handele.

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Wolfgang Seelbach 15.08.2014 - 11:02:31

Eltern sollen entscheiden!

In der Diskussion über das richtige Einschulungsalter sind wir davon ausgegangen, dass bei Kindern, die zwischen dem 30. Juni und 30. September geboren sind, der Schulleiter sich de facto nach dem Elternwunsch richtet. Hier liegt jetzt ein besonders krasser Fall von Eigenmächtigkeit vor: Ein Schulleiter schult ein offenbar noch nicht schulreifes Kind gegen den Wunsch der Eltern und gegen die Empfehlungen von Amtsärztin, Kinderärztin und Frühförderin ein. Ich fordere, dass das Schulamt diese Entscheidung revidiert. Außerdem sollten wir darüber nachdenken, die Gesetzeslage zu änern, so dass die Eltern bei den betroffenen Kindern Entscheidungsrecht erhalten. Wolfgang Seelbach, Sprecher des Landesrates der Eltern

kolle 31.07.2014 - 23:04:36

wer denkt mal weiter...

Schlimm genug, dass Kinder mit 5 eingeschult erden müssen. Keiner denkt an die Zukunft der Kinder, wenn diese nach der 10. Klasse nicht mehr weiter machen möchten. Welche Lehrstelle nimmt einen 15 jährigen? Somit sind die Kinder gezwungen noch länger die Schulbank zu drücken. Aber den Ämtern geht es nur um die Kosten, die sie haben für den längeren Aufenthalt in der Kita. Ich finde es nicht schön. Mein großes Kind wird nächstens Jahr um Juli 6 und einen Monat später in die Schule. Das ist fast, als würde sie mit 5 eingeschult werden.

BMT 31.07.2014 - 21:58:09

Kleiner Tipp an die Eltern

Teilen Sie der Schule mit, dass sie ihr Kind an einer freien Schule anmelden... hilft garantiert!!! Eigene Erfahrung! Die werden ihnen aus der Hand fressen! PS: Ich habe dann tatsächlich später alle meine Kinder an einer freien Schule beschulen lassen & es zu keinem Zeitpunkt bereut!

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