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Velten erinnert ab Herbst mit einer Stele ans KZ-Außenlager

Dem Vergessen entrissen

Beispiel Oranienburg: Vor der Polizeiwache ist eine ähnliche Stele zu finden.
Beispiel Oranienburg: Vor der Polizeiwache ist eine ähnliche Stele zu finden. © Foto: MZV
Roland Becker / 01.08.2014, 16:30 Uhr
Velten (MZV) "Von der Lagermannschaft ist mir die SS-Frau mit Spitznamen Szrama (das polnische Wort für Schramme/Anm. d. Red.) erinnerlich. Sie war die größte Sadistin unter den Aufseherinnen." Die Polin Eugenia Lando gehörte zu den Frauen, die in dem zwischen 1943 und 1945 existenten KZ-Außenlager in Velten gefangen waren. Als eine der wenigen Überlebenden wurde sie 1975 von der Kölner Staatsanwaltschaft in einem wegen Mordes eröffneten Ermittlungsverfahrens befragt. Es ist nicht davon auszugehen, dass die damals gegen Unbekannt laufenden Ermittlungen zu einem Erfolg führten. Umsonst hat sich Eugenia Lando aber nicht erinnert. Ihre Worte werden bald an der Stele zu lesen sein, mit der Velten an das ehemalige Außenlager des Frauen-KZ Ravensbrück und später des KZ Sachsenhausen erinnert.

Es ist fast zwei Jahre her, dass in Veltens Stadtparlament die Diskussion darüber begann, wie dieses über Jahrzehnte vergessene Kapitel der Stadt in einer würdigen Form öffentlich gemacht werden sollte. Der Anlass war allerdings weniger im Bemühen um geschichtliche Aufarbeitung zu finden, sondern in dem Zwang, dass mit Einführung der doppischen Haushaltsführung jeder Weg einen Namen bekommen musste.

Nach heftigen Diskussionen beschlossen die Abgeordneten mehrheitlich, einem unbebauten Weg in der Nähe des einstigen KZ-Außenlagers (am früheren Götzen-Baumarkt) den Namen Zur Erinnerung zu geben. Dieser erste Versuch des Gedenkens wurde vonseiten der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten heftig kritisiert. Es war von "Poesiealben-Erinnerung" die Rede. Eineinhalb Jahre später schlägt Stiftungssprecher Dr. Horst Seferens versöhnlichere Töne an: "Die Straße heißt jetzt so. Wichtig ist es, den historischen Ort in Erinnerung zu rufen." Genau das wird nun mit einer gut zwei Meter hohen aus Beton gefertigten Stele geschehen.

In Form und inhaltlicher Gestaltung passt diese sich an jene an, die in Oranienburg und Umgebung an Orte des Terrors der Nationalsozialisten erinnern. Seferens spricht von einem Wiedererkennungseffekt. Wann die Stele samt Tafel aus Edelstahl enthüllt wird, steht bislang noch nicht fest. Klar ist nur, dass dies noch im Herbst geschehen soll.

Dem Passanten - viele sind es so weit außerhalb der Stadt nicht - wird an historisch authentischem Ort viel Wissen geboten. Auf einem Luftbild, dass die Alliierten während des Zweiten Weltkrieges machten, ist der genaue Standort des Lagers zu sehen, das aus sechs Häftlings- und drei Wirtschaftsbaracken bestand. Das Lager reichte direkt bis an die heutige Berliner Straße und zog sich am Waldrand bis zum nicht mehr existierenden Bahnhof Hohenschöpping hin.

Wer sich künftig in den Text vertieft, wird erfahren, dass die bis zu 722 Frauen hinter elektrischem Zaun und Stacheldraht vegetieren mussten. Täglich zwölf Stunden wurden sie zur Zwangsarbeit in der unmittelbar benachbarten Veltener Maschinenbau GmbH Ikaria herangezogen, wo sie für die Oranienburger Heinkel-Flugzeugwerke Bordkanonen herstellten mussten. Darüber hinaus waren Häftlinge in der Havelschmelzwerk GmbH eingesetzt.

Von den am 19. April 1945 von der SS auf den Todesmarsch gehetzten Frauen wurden längst nicht alle Anfang Mai bei Parchim befreit. Viele wurden erschossen, weil sie sich Kartoffeln beschaffen wollten oder vor Erschöpfung nicht weiter konnten.

Eugenia Landos Erinnerungen an die sadistische SS-Aufseherin schließen mit den Worten: "Sie hat mich so heftig ins Gesicht geschlagen, dass ich ein paar Tage taub war. Beim Schlagen der Häftlinge hat sie sich ausgetobt."

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