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Landgericht Frankfurt (Oder) verhängt empfindliche Strafen gegen Drahtzieher von Autoschieberbande

Autoschieber-Prozess: Acht Jahre für den Haupttäter

© Foto: Heinz Köhler
Dietrich Schröder / 07.08.2014, 12:15 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es ist der bisher größte Prozess gegen polnische Autodiebe in Brandenburg und Berlin. Das Frankfurter Landgericht erließ am Mittwoch wohl auch wegen der allgemeinen Brisanz des Themas hohe Strafen gegen die beiden Hintermänner.

"Judex non calculat - Die Justiz rechnet nicht". Dieser lateinische Spruch geht dem Beobachter des Verfahrens angesichts des dafür betriebenen enormen Aufwands fast automatisch durch den Kopf. Allein die Akten, die den Diebstahl von 29 Pkw im Zeitraum von Juli bis November 2013 belegen sollen, umfassen inzwischen 1961 Seiten. Dieses Material musste für den Staatsanwalt, die sieben Pflichtverteidiger der fünf Angeklagten und das Gericht kopiert werden. Der Vorsitzende Richter Frank Tscheslog hatte zuweilen Mühe, den jeweils erforderlichen Aktenband zu finden.

Doch damit nicht genug: Für jeden der fünf Verhandlungstage wurden die in den Untersuchungshaftanstalten Brandenburg (Havel), Cottbus und Neuruppin getrennt einsitzenden Tatverdächtigen nach Frankfurt eskortiert, jeweils in Begleitung von mindestens zwei Justizbeamten. Im Gerichtsverfahren standen für sie je ein Dolmetscher sowie ein bis zwei Pflichtverteidiger zur Verfügung. Und da jede Äußerung übersetzt werden musste, war auch der Zeitaufwand enorm.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Taktik von Richter Tscheslog, die drei kleineren Fische der aus der Nähe von Gorzów stammenden Bande zum Reden zu bringen, verständlich. Denn Waldemar L., Lukasz M. und Jacek W. hatten jeweils nur die Aufgabe, die zwischen Frankfurt (Oder), Schwedt, Berlin und Potsdam gestohlenen Wagen nach Polen zu fahren. Dafür waren ihnen jeweils 1000 Zloty (rund 250 Euro) in Aussicht gestellt. Dieser Job war allerdings sehr risikovoll, was sich daran zeigte, dass M. und W. bereits auf ihrer dritten beziehungsweise zweiten Diebesfahrt von der deutschen Polizei verhaftet wurden. Für die Planung der Diebestouren, den Einbruch in die Autos und die Vermarktung des Diebesguts war der 34-jährige Tomasz G. verantwortlich, während der zehn Jahre jüngere Dawid G. die Rolle seines persönlichen Chauffeurs spielte.

Schon am ersten Verhandlungstag hatte das Gericht den drei Kurieren im Gegenzug für ausführliche Geständnisse Haftstrafen auf Bewährung in Aussicht gestellt, zumal die drei schon während der Ermittlungen die beiden G.'s als Drahtzieher belastet hatten.

Freilich waren auch die Kuriere keine grünen Jungs, wie sich aufgrund ihres polnischen Vorstrafenregisters herausstellte. Der 32-jährige L. saß bereits vier Jahre wegen Vergewaltigung und sexueller Ausbeutung von Kindern in Haft und hat mehrere Betrugsdelikte auf dem Konto. Auch M. schloss wegen diverser Einbrüche und Diebstähle bereits intensive Bekanntschaft mit der Justiz.

Der Prozessverlauf zeigt aber auch, wie schwierig es für die Landes- und Bundespolizisten war und ist, solchen Tätern nicht nur auf die Spur zu kommen, sondern auch handfeste Beweise zu liefern, die nach deutschem Recht für eine Verhaftung reichen. Denn als die generell nach Mitternacht begangenen Diebstähle von den deutschen Fahrzeugbesitzern bemerkt wurden, waren die Täter meist schon in Polen.

Dennoch bestand bereits nach etwa der Hälfte der 29 Taten der dringende Verdacht, dass die beiden G.'s dahinter steckten. Denn der von ihnen benutzte rote Opel Zafira war immer wieder in der Nähe der Tatorte aufgefallen und wurde auch von dem automatischen Kennzeichenerfassungssystems Kesy registriert. Deshalb wurden die Polen zur polizeilichen Beobachtung ausgeschrieben, die Standorte ihrer Handys über einen längeren Zeitraum geortet und teilweise auch die Inhalte der von ihnen geführten Gespräche aufgezeichnet. "All dies geschah mit richterlichem Beschluss", erläuterte ein Ermittler der Soko Grenze der Brandenburger Polizei, der als Hauptzeuge vernommen wurde. Dennoch mussten noch mehr als ein Dutzend weitere Autodiebstähle vergehen, bis nach Einschätzung der Ermittler die Umstände für das Erfassen der gesamten Bande günstig waren.

Trotz der umfangreichen Beweislage verweigerten Tomasz und Dawid G. bis zuletzt die Aussage. Ihre Pflichtverteidiger Denis Matthies und Stefan Hoff stellten am Mittwoch sogar noch die Anträge, weitere sieben Polizisten und einen Dolmetscher als Zeugen vernehmen zu lassen. Richter Tscheslog wies dies als unbegründet ab und zitierte nahezu genüsslich das aus 13 Taten bestehende polnische Vorstrafenregister von Tomasz G.. Dieser saß wegen zahlreicher Einbrüche schon mehrfach in Haft. Jetzt kommen für ihn weitere acht Jahre hinzu und für seinen engsten Begleiter sechs Jahre. Die drei Kuriere dagegen wurden vor allem wegen ihrer Geständnisse zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

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