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Die Pferde der Neuhardenbergerin Marion Mussehl wurden am Donnerstag von einer Dentalpraktikerin behandelt

Dem Schimmel auf den Zahn gefühlt

Zähne gezeigt: Die Vorderzähne des Schimmels Paul sind zu lang und müssen abgeschliffen werden.
Zähne gezeigt: Die Vorderzähne des Schimmels Paul sind zu lang und müssen abgeschliffen werden. © Foto: MOZ
Marco Marschall / 29.08.2014, 04:41 Uhr
Neuhardenberg (MOZ) Ein Bonusheft haben sie nicht. Und doch sollen Pferde möglichst alle zwei Jahre zum Zahnarzt. Am Donnerstag waren die Tiere von Marion Mussehl aus Neuhardenberg an der Reihe. Sie besuchte eine der in Brandenburg seltenen Pferdedentalpraktikerinnen.

Anstelle eines Koffers mit den nötigen Geräten zur Zahnbehandlung lädt Nicole Herde-Jäckel an der Wanderreitstation von Marion Mussehl eine ganze Schubkarre voll mit Werkzeug aus ihrem Kleinbus. Eigentlich handele es sich dabei um ähnliche Instrumente, die auch im Mund eines Menschen zum Einsatz kommen - nur größer. Doch warum müssen Pferde überhaupt zum Zahnarzt? "Heute gibt es in Europa keine Weiden mit hartem Steppengras mehr", erklärt die Expertin. Deshalb nutzen sich die Zähne der Pferde schlechter oder schief ab. Es wachsen regelrechte Haken an den Backenzähnen. Unebenheiten entstehen, die ein problemloses Kauen und damit eine bessere Verwertung der Nahrung verhindern.

So auch bei Fundstück Paul. Der betagte Schimmel, den die Tierärztin aus Herzfelde auf 25 Jahre schätzt, wurde in einem Schuppen im Oderbruch einfach vergessen. Völlig abgemagert und knietief in seinem eigenen Mist wurde er vor zwei Wochen gefunden. Marion Mussehl nahm ihn bei sich auf. Nun wird er von Nicole Herde-Jäckel durchgecheckt. Sanft tastend umfasst sie den Kopf des Pferdes, bevor sie ihm die Hand ins Maul schiebt. "Eine riesige Berg- und Talbahn", diagnostiziert die 37-Jährige, die seit neun Jahren selbstständig ist. Bevor sie sich auf die Zähne von Pferden spezialisierte, hatte sie Veterinärmedizin studiert, später die Zusatzausbildung zur Dentalpraktikerin gemacht. Nur vier solcher Spezialisten gemäß der Internationalen Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne (IGFP) gibt es in ganz Brandenburg.

Für Paul heißt es jetzt tapfer sein. Damit er die Schleifmaschine in sein Maul lässt, wird er vorher per Spritze sediert - eine leichte Dosis, denn der Schimmel soll während der Zahnbehandlung stehen bleiben. Es dauert nicht lange, bis er die Ohren hängen lässt. Es kann losgehen. Damit sein Kopf nicht auf die Brust fällt, schiebt die Tierärztin das Pferdemaul durch ein sogenanntes Dentalhalfter. Marion Mussehl hält den Ring an einem Seil und damit den Schädel des Tieres oben.

Zunächst wird die vordere Kauleiste kürzer geschliffen. Für die Behandlung der Backenzähne legt Nicole Herde-Jäckel dem Tier ein Maulgatter aus Metall an. Es sorgt dafür, dass das Maul des Pferdes geöffnet bleibt. Zur besseren Sicht klemmt die Dentalpraktikerin dem Pferd eine kleine Lampe in die obere Maulhälfte und greift zum etwas größeren Schleifgerät.

Es staubt aus dem Pferderachen, als die Maschine über die Zähne saust und langsam lässt die Betäubung des Pferdes nach. Doch Paul bleibt standhaft, leckt immer wieder mit der Zunge über die frisch geschliffenen Zähne. Beherzt greift Nicole Herde-Jäckel den langen Lappen, um ihn beiseite zu halten. Eine knappe Stunde dauert die Behandlung. Dann wird das Pferd entlassen und soll seine Nahrung nun besser kauen und verwerten können. Das könnte auch seinen Bedarf reduzieren und Futter sparen - ein Grund für eine regelmäßige Zahnbehandlung, die den Halter inklusive Sedation im Schnitt 150 Euro kostet. Wegen der Kosten würden viele eine Behandlung scheuen, erklärt die Tierärztin. Doch nicht nur für ältere Pferde sei eine solche sinnvoll.

Paul ist sicher dennoch froh, dass die Prozedur vorbei ist. "Ein reines Heupferd wird er trotzdem nicht werden", sagt die Expertin. Der Schimmel wird weiterhin auf sogenannte Heucobs angewiesen sein und mehrmals täglich einen Brei aus den Pellets serviert bekommen. Die Schmerzen beim Kauen dürfte Nicole Herde-Jäckel gelindert haben. Nun sind Marion Mussehls zwei weitere Pferde, das Pony Sprutje und die schwarze Amazone, an der Reihe. Dann kann die Zahnärztin aus Herzfelde ihre Utensilien wieder mit der Schubkarre zum Kleinbus fahren.

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