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Jugend-Projekt in Jamlitz umstritten

Jörg Kühl / 09.03.2010, 16:51 Uhr
Jamlitz Der Berliner Jugendhilfeverein Karuna möchte den lange verwaisten Bahnhof von Jamlitz (Dahme-Spreewald) zu einer Begegnungsstätte für Jugendliche machen. Doch die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten äußert sich kritisch über die Pläne.

Der ehemalige Bahnhof von Jamlitz ist kaum mehr wiederzuerkennen. Das Dach des Backsteingebäudes ist neu eingedeckt, die historischen Holzverkleidungen und schmucken Giebelelemente sind originalgetreu rekonstruiert. 112 000 Euro sind bereits verbaut worden. Wie ein heimeliger Provinzbahnhof aus dem Märklin-Baukasten sieht das Gebäude jetzt aus.

Doch der friedliche Schein trügt, denn der Bahnhof war während des Zweiten Weltkriegs Bestandteil der Infrastruktur des KZ-Außenlagers Lieberose. Tausende KZ-Häftlinge, darunter viele Juden, wurden hier aus vollgestopften Güterwaggons herausgezerrt und in die Lagerbaracken gepfercht oder gleich ermordet. Andere wurden von hier aus nach Auschwitz deportiert. Von 1945 bis 1947 wurde das Gebäude als Bahnhof des NKWD-Speziallagers Nr.6, in dem ebenfalls unzählige Menschen umkamen, genutzt.

Vor zweieinhalb Jahren hatte der Berliner Jugendhilfeverein Karuna das Bahnhofsgebäude für 20 000 Euro von der Deutschen Bahn erworben. Karuna möchte das seit der Streckenstilllegung im Jahr 1996 ungenutzte Bahnhofsgebäude samt dem benachbarten Wasserturm zu einer Begegnungsstätte für Jugendliche ausbauen. 35 Übernachtungsplätze, mehrere Seminarräume, die Rezeption sowie eine Wohnung sind dort geplant.

Geplant ist auch, im Umfeld des Gebäudes eine Freiluftausstellung einzurichten, die sich mit der Geschichte des Bahnhofs befasst. Im Wasserturm neben dem Bahnhof soll ein Café entstehen, das nicht nur von den Kindern und Jugendlichen sowie ihren Betreuern genutzt werden kann, sondern auch interessierten Bürgern und Wanderern Bürgern offenstehen soll. Mehr als eine Million Euro möchte Karuna in das Projekt investieren.

Ungeachtet des fortgeschrittenen Bauvorhabens äußert die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten jetzt Kritik an dem Vorhaben des Vereins. "Dieser Ort eignet sich nicht, um dort mit Jugendlichen mehrere Tage zu verbringen", sagt der Sprecher der Gedenkstättenstiftung, Horst Seferens. Als Begründung nennt er die emotionale Last, die auf dem Bahnhofsgelände ruht: "Dies ist der authentische Tatort eines Massenmordes." Man könne Jugendlichen nicht zumuten, an einer solchen Stätte zu schlafen, zu frühstücken, zu lernen, nachmittags Spaziergänge zu machen, Kaffee zu trinken, Abend zu essen und so weiter. "Diese Art von Unbefangenheit ist hier absolut fehl am Platze."

Die Gedenkstättenstiftung habe nichts dagegen, dass sich junge Menschen an historischen Stätten über die Geschichte informieren. Doch müsse ihnen immer eine Möglichkeit eingeräumt werden, sich räumlich und emotional wieder zu distanzieren: "In Sachsenhausen und Ravensbrück gibt es Jugendbegegnungsstätten, die sich aber außerhalb des Lagergeländes befinden." Der Leiter der Gedenkstättenstiftung, Günter Morsch, ergänzt, die Pläne von Karuna passten nicht in das Gedenkstättenkonzept des Landes Brandenburg. "Wir hatten uns mit dem Zentralrat der Juden, mit der örtlichen Verwaltung, mit der Kirche, Opferverbänden und anderen Akteuren auf einen Bauplatz zur Errichtung eines Seminargebäudes außerhalb des Lagergeländes geeinigt." Zudem verfüge der Verein Karuna seiner Einschätzung nach über keine ausgewiesene Erfahrung im Bereich der Gedenkstättenpädagogik.

Der Geschäftsführer von Karuna, Jörg Richert, zeigte sich entsetzt über die Kritik. Die öffentlich geäußerten Bedenken gegen das Vorhaben seien ein "Tritt gegen das Schienbein". "Ich erwarte von einer öffentlichen Stiftung, dass sie die Zivilcourage eines privaten Vereines unterstützt und nicht torpediert." Der Verein habe einen Ort gesucht, der sich für "Demokratiearbeit", also der Vermittlung ziviler und menschlicher Werte, eignet. Die Geschichte vor Ort sei eine solche Inspirationsquelle."Dafür ist ein authentischer Ort viel besser geeignet als ein steriles Seminarhotel." Dennoch wolle man die Vergangenheit nicht in den Vordergrund stellen, eine Gedenkstätte solle das Begegnungszentrum nicht werden. Für des Sicherstellung der historischen Fachkompetenz habe der Verein den Lieberoser Historiker Andreas Weigelt mit ins Boot geholt, der auch schon im Auftrag der Gedenkstättenstiftung über die Lager in Jamlitz forschte.

Unterstützung erhält der Verein von der Kommunalpolitik vor Ort. Der Bürgermeister der Gemeinde Jamlitz, Wilfried Götze, begrüßt, dass der Bahnhof "einer vernünftigen Nutzung" entgegensieht. Auch inhaltlich sei man mit der Nutzung des Bahnhofes einverstanden: "Wir unterstützen die Idee von Karuna, hier Jugendlichen demokratische Werte zu vermitteln."

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