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Im Fruchthof werden Tonnen Obst und Gemüse gehandelt

Der Bauch von Berlin

Mitarbeiter Dilawa Ramadan des Händlers Yasin Sakin
Mitarbeiter Dilawa Ramadan des Händlers Yasin Sakin © Foto: MOZ/Henning Kraudzun
Henning Kraudzun / 19.09.2014, 20:26 Uhr
Berlin (MZV) Schlemmen, schlendern, stöbern - wer den Einkauf zum Erlebnis machen will, sollte einen der vielen Berliner Märkte besuchen. Jeder hat andere Spezialitäten, Raritäten und vor allem ein anderes Flair. In unserer Serie stellen wir ganz unterschiedliche Märkte vor. Heute: der Fruchthof in der Beusselstraße.

Dieses Gewusel der Gabelstapler! Sie surren von der Seite herbei, von hinten, von vorne, hupen, laden auf, laden ab. Manchmal klatschen sich die Fahrer mit den Händen ab. Gäste in der 30000 Quadratmeter großen Halle sollten den Lieferverkehr im Auge behalten.

Hunderte Tonnen Obst und Gemüse werden jeden Tag im "Bauch von Berlin", wie der Großmarkt in der Beusselstraße genannt wird, von 40 Händlern mitten in der Nacht in Empfang genommen. Lastwagen liefern die Ware, die unter anderem in Rotterdam und Hamburg von Schiffen umgeladen wird. Ab zwei Uhr startet der Verkauf: Weintrauben aus Italien, Physalis aus Afrika, Himbeeren aus Neuseeland, Ananas aus Südamerika, Lychee aus China - alles ist verfügbar. In jeder der kleinen Verkaufsstraßen steigt süßlicher Duft in die Nase.

Vor knapp 50 Jahren wurden die Großmarkt-Hallen in Moabit, in direkter Nähe zur Stadtautobahn und dem Westhafen errichtet. Damals lag das Gelände innerhalb der Mauer. Großhändler drangen auf ein zentrales Lager, um die Versorgung West-Berlins sicherzustellen. Letztlich wirkte die Blockade der Stadt in den Köpfen noch nach. Auf insgesamt 330000 Quadratmetern werden auch Fleisch und Wurst, Meeresfrüchte, Blumen und Pflanzen sowie kulinarische Spezialitäten gehandelt. Der Fruchthof, wo jährlich 210000 Tonnen Obst und Gemüse umgeschlagen werden, ist dort der größte Mieter. Kunden sind Supermärkte, Lebensmittelläden, Gastronomen oder Kitas.

Während in einem alten Werbefilm noch ganz ergriffen über die Exotik von Südfrüchten berichtet wird, ist der Fruchthof heute nicht mehr als ein Zwischenstopp in minutiös geplanten logistischen Abläufen. In den Blickpunkt rückt der Markt manchmal dennoch, wenn in Supermärkten eine Giftspinne aus der Bananenkiste krabbelt, was jedoch selten vorkommt. Dann fragen viele, was sich denn noch für Getier zwischen Kisten versteckt. "Absolute Ausnahmen" seien diese Fälle, sagt Max Köpke von der Verwaltungsgenossenschaft des Fruchthofs. Die Ware werde genau kontrolliert, zudem würden "blinde Passagiere" den Transportweg nicht überleben.

Auch Thomas Franz, der einen Familienbetrieb führt, schüttelt bei dem Thema den Kopf. "Bananen werden heute doch nicht mehr in ganzen Stauden geliefert, da gibt es kaum negative Überraschungen", erklärt er. 30 bis 40 große Paletten werden ihm jeden Tag geliefert. "In der globalisierten Welt ist eigentlich alles verfügbar", sagt Franz, seit 30 Jahren Händler im Fruchthof. Auch besondere Wünsche der Kunden kann er bedienen, etwa Kakaoschoten, Zuckerrohr oder Stachelannonen aus Südamerika. Oft muss er Früchte am gleichen Tag verkaufen, da sie kaum gelagert werden können, darunter Beeren.

Dabei geht es auf dem Markt zuweilen zu wie auf dem Basar. "Wer hierher kommt, will auch handeln", sagt Franz. Dann bedient er einen hektischen Kunden, der mit Papieren in der Luft wedelt, als ob er an der Börse beschäftigt wäre. Auch bei Andreas Lange herrscht am frühen Vormittag noch viel Betrieb, obwohl der große Schwung schon durch ist. Ein Telefon hat er ständig am Ohr, zeitgleich klingelt das Handy und ihn umschwirren Mitarbeiter, die Fragen klären wollen. "Langsam beginnt hier eine neue Saison, die der Citrusfrüchte", sagt der Einkäufer der Firma Keuthmann. Großen Umsatz bringen derzeit vor allem Trauben, die in Südeuropa geerntet werden. Aber auch regionales Obst sei stark nachgefragt, sagt Lange und deutet auf gut 50 Kisten Äpfel aus Werder/Havel.

Währenddessen schreibt Yasin Sakin schon in einem kleinen Container die Rechnungen des Tages. Seine Angestellten organisieren noch die letzten Bestellungen, verschieben Paletten und haben gelegentlich Zeit zum Scherzen. Dilawa Ramadan, ein kräftiger Mitarbeiter, hebt gleich mehrere Kisten, als wären es kleine Körbchen. "Es ist ein schöner Job", sagt er. "Man trifft Bekannte hier, viele sind Stammkunden." Dabei sind Schichten von Mitternacht bis Mittag für ihn überhaupt kein Problem.

Bis zu 1000 Angestellte sind nach Angaben der Verwaltungsgenossenschaft im Fruchthof beschäftigt. In der "Kaffeeklappe", dem Ort für die Frühstückspause, haben sie einen kleinen Rückzugsort geschaffen. Manchen fallen dort schon mal die Augen zu.

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