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Eric Hein spricht über sein Coming-out in Eberswalde / Seit mehr als zehn Jahren engagiert er sich gegen sexuelle Diskriminierung

"Da schlug mein revolutionäres Herz"

Kämpft für Gleichberechtigung: Eric Hein
Kämpft für Gleichberechtigung: Eric Hein © Foto: www.andersartig.info
Anna Fastabend / 30.09.2014, 10:16 Uhr
Eberswalde (MOZ) Die massive Diskriminierung von Homosexuellen in Deutschland ist noch nicht lange her. Das hat der Vorstandssprecher des größten Brandenburger Dachverbands für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Trans* selbst erfahren. Eric Hein erlebte sein Coming-out in Eberswalde.

Es liegen Welten zwischen der Provinzstadt vor rund 15 Jahren und dem Eberswalde von heute. Dieses Gefühl kommt auf, wenn Eric Hein (31) von seiner Jugend spricht. Er ist Vorstandssprecher vom Landesverband Andersartig und er ist in Eberswalde aufgewachsen.

Es kommt nicht oft vor, dass sich einer schon in der Schulzeit outet. Preisgibt, dass er auf Jungs und nicht auf Mädchen steht. Zumindest zur damaligen Zeit in einem Ort, in dem jeder jeden kannte. Zu groß die Angst, aus dem Freundeskreis verstoßen zu werden. Doch mit 17 Jahren hatte Eric Hein das Versteckspielen leid. "Da schlug mein revolutionäres Herz ganz laut", erinnert er sich. Er setzte zum alles verändernden Befreiungsschlag an. Dabei half ihm, so erzählt er, dass er zu seinen Mitschülern an der Gesamtschule Westend (der heutigen Karl-Sellheim-Schule) sowieso ein schlechtes Verhältnis hatte.

"Ich wollte einfach noch einen draufsetzen", sagt er. Und suchte sich gezielt die Person heraus, die nichts für sich behalten konnte. "Ein, zwei Tage später war es rum", sagt er. Und es passierte eine kleine Sensation: Nachdem seine Mitschüler wussten, dass er homosexuell ist, reagierten sie viel weniger feindselig. Stattdessen stellten sie Fragen. "Auf einmal waren normale Gespräche möglich", so Eric Hein.

Die zweite Offenbarung folgte zu Hause. Statt seiner Mutter unter vier Augen zu erzählen, dass er schwul ist, präsentierte Eric Hein ihr gleich seinen neuen Freund. Die Mutter fiel aus allen Wolken. Nicht, weil Eric Hein auf Männer stand, sondern, weil sie seine damalige Liebe nicht mochte. "Wir haben einen starken Familienzusammenhalt. Da müssen die Partner passen", sagt Eric Hein.

Doch so positiv wie sein nächstes Umfeld mit Eric Heins Coming-out umging, so negativ reagierten einige Eberswalder. Es fing damit an, dass der heutige Vorstandssprecher von Andersartig damals eine Gruppe für homosexuelle Jugendliche gründen wollte und auf der Suche nach einem Raum mehrere Eberswalder Jugendverbände ansprach. Das Schlimmste, was ihm unterstellt wurde, war: Er wolle die Gruppe doch nur gründen, weil er einen Freund suche. "Das hat mich damals fassungslos gemacht."

Am schlimmsten aber war: Er und zwei homosexuelle Freunde hatten nach ihrem Coming-out ständig Angst vor Übergriffen. "Das waren nicht nur Nazis, die uns als Schwuchteln beschimpften", sagt er. Zudem musste es für Beschimpfungen und Prügel-Attacken auf offener Straße nicht dunkel oder menschenleer sein. "Übergriffe haben auch am helllichten Tag stattgefunden. An Orten, wo viele Menschen waren", so Eric Hein. Und andere Passanten guckten zu. Was ihn damals aber besonders hilflos machte, war, dass nicht mal die Polizei eingriff. Als Eric Hein einen Übergriff anzeigen wollte, habe der Beamte süffisant zurückgefragt: "Ach, Sie verspüren derartige sexuelle Neigungen?" Da habe er gewusst, dass er auf sich allein gestellt ist, sagt Eric Hein.

Nun, 15 Jahre später hat sich in Eberswalde vieles gewandelt. Eric Hein, der einen Friseursalon in Berlin betreibt, kommt mittlerweile gern in seine ehemalige Heimatstadt zurück. Hier besucht er seine Schwester, oder war - wie vor Kurzem - als Mitorganisator der Toleranzkampagne "Brandenburg bleibt bunt" auf dem Marktplatz zugegen. "Unser Infostand kam sehr gut an", freut er sich. Es kamen viele Menschen auf die Tourteilnehmer zu und interessante Gespräche zustande. "Außerdem kann Andersartig sich vor Anfragen aus dem Barnim gar nicht retten", sagt Eric Hein. Der Verein bietet Schul-Workshops zu Antidiskriminierung an. Eric Hein hofft, dass jemand heutzutage nicht mehr ganz so viel Angst haben muss wie er, wenn er sich in Eberswalde outet.

Wer Hilfe oder Beratung zu dem Thema sucht, findet sie unter: www.andersartig.info. Berater können per E-Mail unter sos@lks-brandenburg.de oder 0331 2019888 kontaktiert werden.

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